totsächlich #26 Bleibt alles anders

Auch als die Jahre verstrichen, blieb Angelika in meinen Erinnerungen gegenwärtig. Es gab immer wieder Momente, wo sie unendlich fehlte, oder plötzlich ganz nah war. Im ganz normalen Alltag gab und gibt es so viele Dinge, welche mich an sie erinnern. In den drei folgenden, unverbundenen Abschnitten werden ein paar davon dargestellt:

  • Ich war im Konfirmandenlager, die Jugendlichen hatten etwas Freizeit und ich wollte mir gerade einen Kaffee holen. Da kamen drei meiner jungen Leiter auf mich zu und wollten mich überzeugen mit ihnen Tischfussball zu spielen. Wie ein Blitz traf mich dieser Gedanke. Ich hatte seit Angelikas Tod, seit fast fünf Jahren, nie mehr gespielt. Ohne sie Tischfussball zu spielen schien mir wie ein Verrat. Zudem hatte sie uns einen Gutschein für einen Tischfussballtisch zur die Hochzeit geschenkt – den sie nicht mehr einlösen konnte. Zögernd willigte ich dennoch in die hartnäckigen Überzeugungsversuche der Jugendlichen ein. Es machte Spass wieder zu spielen. Kaum zu Hause angekommen erzählte ich meinem Partner begeistert vom Tischfussball und von meiner Idee nun einen eigenen Tisch zu kaufen. Schon am nächsten Tag zogen wir los und fanden in der Nähe einen Vertreter mit guten Geräten. Nur 24 Stunden nach meiner Rückkehr aus dem Konfirmandenlager stand ein Tischfussball bei uns zu Hause. Auch heute noch hat er einen prominenten Platz im Wohnzimmer und erfreut nicht nur uns, sondern auch unsere Gäste.
  • Zwei Jahre nach Angelikas Tod entdeckte ich bei einer Freundin in der Wohnung eine Pflanze. Innerlich erstarrte ich und hatte Angelika vor Augen. Die Erinnerungen waren ganz lebendig, ganz nah. Ich erkannte die Pflanze, die ich seit Jahren suchte, aber nicht wusste wie sie heisst, sofort wieder. So eine Pflanze stand damals in Angelikas Wohnung. Wir waren beide von ihr fasziniert, kannten aber den botanischen Namen nicht. So nannte Angelika sie kurzerhand Gürk, denn ihr Stamm glich einer Gurke. Angelika hatte mir einen Ableger dieser Pflanze versprochen, da ich davon begeistert war. Ach dazu kam es aber nicht mehr. Nun entdeckte ich also diese Pflanze völlig unerwartet im Wohnzimmer einer Freundin, die mir auch den Namen sagen konnte. Zu Hause angekommen durchstreifte ich das Internet, bis ich schliesslich in Deutschland auf solche Pflänzchen und Samen stiess und mir schicken liess. Noch immer gibt es in meiner Wohnung viele Gürks (Spuckpalmen), welche die Erinnerung an Angelika wachhalten und mich zum Schmunzeln bringen.
  • In einem Küchenschrank, ganz zuhinterst und etwas versteckt, stehen zwei gleiche orange-gelb-rote Tassen. Mein Partner hatte es nur einmal gewagt, in diesen Tassen einen Tee zu machen. Es sind die zwei Tassen, welche Angelika und ich in unserer WG hatten und in denen wir immer gemeinsam Kaffee getrunken und Milchschaum gelöffelt hatten. Die Tassen sind im Schrank, sie kommen bei jedem Umzug mit, werden aber bis heute nicht mehr benützt. Dafür lache ich regelmässig über die Erinnerung, als ich Angelika jeweils im Restaurant einfach eine Tasse Milchschaum bestellte. Auch der Milchschaum, der nie auf meinem Kaffee fehlen darf, erinnert mich an sie.

Auch heute, über ein Jahrzehnt später, halte ich manchmal inne und überlege mir was sie wohl sagen würde? Was würde sie machen? Wie wäre ihr Leben? Es bleibt offen…und es bleibt alles anders.

Trockne die Tränen

Zieh deine Kreise

Der stille Weg

Folg dem Sonnenaufgang leise

Und tanz den Tanz auf dünnem Eis

 

Du kannst nur gewinnen

Genug ist zu wenig, oder es wird so wie es war

Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders

Der erste Stein fehlt in der Mauer

Der Durchbruch ist nah

(Herbert Grönemeyer, Bleibt alles anders)

 

 

Reflexion

Dass ein Suizid das Leben der hinterbliebenen Personen grundlegend verändert wurde nun schon vielfach erwähnt und ist ja nichts Neues. Auch andere Tode tun das. Hierin sind sich die Trauerwege ähnlich. Unerwartet und plötzlich wird man mitten im Leben wieder mit Erinnerungen an die Verstorbene konfrontiert. Mit grossem Kraftaufwand muss das Leben neu gestaltet werden.

Die Herausforderungen von Hinterbliebenen nach einem Suizid bestehen aber darin, bei den Erinnerungen nicht gleich zu erstarren, sie aus dem Leben auszusperren oder sich von den komplexen, emotionalen Flutwellen überrollen zu lassen. Für Angehörige oder Freunde ist es manchmal nicht einfach, die unerwarteten Reaktionen der Trauernden auf gewisse Situationen zu verstehen. Mein Partner hatte keine Ahnung warum ich ausrastete, als er sieben Jahre nach Angelikas Suizid eine Tasse aus dem Schrank nahm. Hilfreich waren die Situationen, als ich darin unterstützt wurde, Erinnerungen positiv wach zu halten bzw. als daraus etwas Neues wachsen durfte. Wie bei der Spuckpalme, die nun in unserer Wohnung wächst und gedeiht. Oder mein Partner, der sofort alle Hebel in Bewegung setzte, damit wir einen Tischfussball auftreiben konnten. Es ist nicht unvernünftig den Verarbeitungsimpulsen nachzugehen, auch wenn sie von aussen betrachtet eigenartig aussehen mögen. Vielmehr ist es unvernünftig im Stillstand zu verharren und es nicht anders werden zu lassen. Bleibt alles anders, so wird doch vieles neu.

totsächlich #25 Den Pinsel in den Händen halten

Das Leben ging weiter, das Studium schloss ich ab und zwei Jahre nach Angelikas Suizid begann ich das Vikariat. Das Vikariatsjahr war das letzte Jahr, das wir noch detailliert zusammen geplant hatten. Für die Zeit danach hatten wir viele Wünsche, Träume und Zukunftsvorstellungen gehabt. Dinge die wir erhofft hatten tun zu können, wie beispielsweise später einmal eine Pfarrstelle zu teilen. Aber dieses Vikariatsjahr, das wäre ein Gemeinsames gewesen! Dies wurde mir nun in vielen Situationen bewusst: In den Kurswochen gab es Zweierzimmer, wir hatten abgemacht dieses das Jahr über zu teilen. Zudem hatte ich einen weiten Arbeitsweg, dafür war ich in der Nähe von dem Ort, wo Angelika das Vikariat machen wollte. Wir hatten geplant die Mittagspausen zusammen zu verbringen und die Predigtvorbereitungen in ihrer Wohnung zu machen. Von vielem Gemeinsamem musste ich mich in diesem Jahr verabschieden und Dinge anders gestalten als wir es eigentlich geplant hatten.

Es fühlte sich an, als würde ich vor einer Leinwand stehen. In feinen Linien war das Bild, das entstehen sollte, schon skizziert. Doch nun musste ich einen Pinsel nehmen, die Skizzen weitgehend ignorieren und mit anderen Farben und Formen ein neues, mein eigenes Bild malen. Zum Glück gab es Menschen, die mir neue „Maltechniken“ zeigten und den Zugang zu anderen Lebensentwürfen eröffneten. Das neue Bild wurde zu Beginn mit Tränen, manchmal mit Verzweiflung und Widerwillen, immer wieder mit Wut gemalt. Ich musste loslassen, was ich gar nicht loslassen wollte. Die Vikariatszeit fand ich schwierig, die Kurse manchmal kaum aushaltbar, immer wieder schweiften meine Gedanken zu Angelika, die doch auch da sein sollte. Gleichzeitig lernte ich zu akzeptieren, dass es nun eben anders ist als geplant.

 

Nach dem Vikariatsjahr nahm das Leben wieder richtig Fahrt auf. Ich fand eine Anstellung als Pfarrerin, wechselte mit meinem Partner mehrfach den Wohnsitz, lernte neue Menschen kennen, begann zu promovieren, durchstreifte Wälder und Felder mit den Hunden, plante und veranstaltete Studienreisen, begann zu gärtnern, verbrachte Zeit im Kloster usw.

Es gab Momente, da war Angelikas Fehlen immer noch kaum auszuhalten. Doch über die Jahre hinweg entstand ein neues, ein anderes Lebens-Bild – mein Bild. Einmal, als ich wieder nicht wusste, wie denn die Linien verlaufen sollten, schrieb ich in mein Tagebuch:

Ich stehe hier, weiss eigentlich nicht mehr was der Mensch ist. Ich habe das Gefühl, dass einiges, das ich meinte zu wissen, weg ist, nicht mehr so ist. Ich fühle mich innerlich auf eine positive Art leer. Ich bin auf einer inneren Suche durch neues unbekanntes Gelände. Überall entdecke ich neue Ideen, spüre wie sie wachsen, oder sich in Luft auflösen. Ich befinde mich auf einem Lebens-Spaziergang, entdecke neue Pflanzen und Tiere, eine völlig neue Umgebung. Das Licht scheint anders auf meinen Weg, gedämpft und heller auf das weglose Gelände. Ich rieche die frische belebende Luft, kenne aber meinen Weg nicht. Nein es macht mir keine Angst so weglos zu sein. Ich fühle, wie die Neugier mich belebt, mir Freude am Leben gibt. Das Warten und Suchen stört mich nicht. Ich muss nicht mehr den alten, schon so oft von mir begangenen Weg nehmen, denjenigen den ich auswendig kenne. Ich darf aufatmen, neu entdecken, Altes loslassen und suchend sein.“

 

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Reflexion

Ähnlich wie bei einem plötzlichen Todesfall, waren auch bei einem Suizid noch so viele Dinge gemeinsam geplant. Die Hinterbliebenen stehen da und schauen auf die Pläne und Wünsche, die zu Nichts zerrinnen. Es ist eine Herausforderung da nun wieder aktiv zu werden und selbst zu gestalten. Denn manchmal fühlt es sich an, wie ein Verrat an der Verstorbenen, das Gestalten ist mit der dauernden Angst zu vergessen verbunden. Doch selber wieder aktiv zu werden und zu sein, ist befreiend. Das eigene Leben kann irgendwie weitergehen, auch wenn Trauernde mit der Gestaltung dessen ringen. Menschen, die in dieser Phase ein Resonanzboden sind und neue Maltechniken aufzeigen, können sehr hilfreich sein. Die „Maltechniken“ bzw. das, was der trauernden Person neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet, ist individuell. Da ist auch die Kreativität und das genaue Hinhören der Begleitenden gefragt.

totsächlich #24 Was kann ich noch glauben?

Durch Angelikas Suizid wurde nach und nach nicht nur mein Leben, Studium, Alltag und meine Zukunft in Frage gestellt, sondern auch meine persönlichen Glaubensüberzeugungen. In meinem Tagebuch fand ich folgende Stelle aus dieser Zeit: „Ich weiss nicht mehr an was ich glaube: Wer ist Gott? Was ist Kirche? Was trägt? Vieles in meinem Leben scheint nicht mehr zu existieren. Dinge, die so unverrückbar schienen haben sich in Nichts aufgelöst.“ Viele Jahre hatte ich in einer reformierten Kirche mitgearbeitet, freiwillig und später als angestellte Jugendarbeiterin, ich war auf dem Weg ins Pfarramt, am Ende des Theologiestudiums, aber meine ganzen Glaubensüberzeugungen, mein Sinnsystem schienen zusammengebrochen. Wie bei einer Zwiebel begann sich Schicht um Schicht wegzuschälen, manchmal bewusst, häufig unbewusst. Dieser Vorgang dauerte allerdings Tage oder Monate, viel meiner Fragen und das Suchen zogen sich über Jahre hinweg.

Wie bereits beschrieben hatte sich mein bisheriges Bild von Kirche durch meine Enttäuschung schon aufgelöst. Ich verlor (zum Glück) den Glauben daran, dass es perfekte Gemeinschaft und heile Orte auf dieser Welt gibt. Doch es ging weiter: Traditionelle Gottesdienste waren mir immer zu eng und zu staubig gewesen, daran hatte sich nicht viel verändert. Doch bei den modernen Gottesdienstformen waren es vor allem die Lieder und die Fröhlichkeit, die ich nicht mehr ertragen konnte und mir fremd wurden. Alles schien mir zu seicht und zu lebensfern. Da hiess es beispielsweise in einem Lied: „I will worship you in my darkest hour, I will worship you when I am out of power…” wie sollte das gehen? Ich war nicht Paulus, der im Gefängnis noch Lieder sang und predigte. Ich wusste, dass ich in den dunklen Stunden keine Loblieder sang, da blieben höchstens noch Klage, Vorwürfe und oftmals auch Sprachlosigkeit Gott gegenüber.

Auch das Gottesbild wurde dekonstruiert oder vielleicht vielmehr erweitert. Es wurde facettenreicher und unschärfer. Ich wendete mich nicht vom christlichen Sinnsystem ab, aber von den vielen übernommenen Gottesbildern und Praktiken. Gott musste mehr sein als „mein Freund“ und ganz bestimmt nicht nur männlich, oder? Wie feiert man Gottesdienst, wenn man diese nicht erträgt? Wie betet man, wenn man sprachlos ist? Diese und viele weitere Fragen tauchten nach und nach auf und wechselten sich ab. Gott-los werden wollte ich nicht. Doch neue oder andere Formen musste ich für mich in dieser Trauerphase finden. So entdeckte ich zum Beispiel die Tagzeitengebete der Benediktiner. Was mich tief berührte war beispielsweise die lateinische gesungene Vesper im Kloster Einsiedeln.

Meine Gebete schienen belanglos und noch häufiger war ich wortlos. So zwang ich mich nicht zu inhaltsleeren Gebeten, sondern rang Wort um Wort mit der Sprachlosigkeit, bis sich mir das Gebet als Text in meinem Tagebuch darbot:

Zum Himmel schau ich müd und leer,

Bin Körper, Hülle, Staub, Gebein

Doch schafft in mir, was ich nicht schaff?

Bewegt sich das was tot erscheint?

Nur durch Gott, durch ihre Kraft

Stillt sie den Ort der Hoffnung schafft

Nach oben hebe ich den Blick

zum Licht, das Licht im inneren ist.“

Ich lernte, dass Glaube häufig Suchen, Fragen, Nichtwissen und Ringen ist. Hoffen auf etwas, das man nicht wissen kann und doch irgendwie erahnbar ist. Suchen nach etwas, das Hoffnung schafft und ganz persönlich berühren kann. Das man nicht festhalten kann und dennoch in der Bibel und in der Geschichte der Kirche, in Bildern und Texten beschrieben wird. Nach einem misslungenen Versuch Worte für ein Gebet zu finden, schrieb ich in mein Tagebuch: „In mir gibt es auch viel Hoffnung. Ich glaube, dass ich Angelika wiedersehen werde, doch zuerst einmal muss ich leben, darf ich leben und ich darf hoffen und ich darf darauf vertrauen, dass mein Leben einen positiven Einfluss in dieser Welt haben wird.“

 

Reflexion

Was sich hier als kurzer Text darstellt, beschreibt in Realität einen jahrelangen facettenreichen Weg: Zweifeln – wieder glauben lernen – hinterfragen – Vertrauen wagen… Dieser setzt sich weiterhin fort, denn mein persönliches Glaubenssystem wurde durch die Trauererfahrung in Frage gestellt und über die Jahre hinweg „reframed“: vom vermeintlichen Besitz des richtigen Glaubens zu einem fragenden Hoffen.

Die Dekonstruktion von Glaubensüberzeugungen kann für religiöse Menschen ein schmerzhafter Prozessschritt in der Verarbeitung eines Suizides sein. Häufig bleibt nach einem Suizid nichts mehr wie es war – aber es kristallisiert sich dadurch auch der Kern, das was trägt, heraus. Alles was oberflächlich ist, wird dabei unerträglich. Dafür besteht die Chance neue und eigene religiöse Formen kennen zu lernen und dafür eine Sprache zu finden. Dieser Schritt ist nötig und muss nicht zwingend negativ sein. Durch mein Studium und später das Vikariat und Pfarramt, durch Freunde und die Promotion blieb ich theologisch und religiös im Gespräch. Gesprächsoffenheit und Dialogbereitschaft, gerade auch in Bezug auf religiöse Umbrüche, sind für trauernde Menschen hilfreich. Aber nur dann, wenn gemeinsam gesucht, gefragt und diskutiert werden darf und die Hinterbliebene nicht von religiösen Erwartungen und Anforderungen überrollt wird.

totsächlich #23 Hilfsmittel im Trauerprozess

Durch die Energie der Wut, die ich in Beitrag 19 beschrieben habe, und die Lebendigkeit der zwei jungen Strassenhunde fühlte ich mich nach und nach in der Lage mein Studium wieder aufzunehmen und es abzuschliessen. Ich kam zu folgender Einsicht, dich ich fett in meinem Tagebuch festhielt: „Mein Leben muss irgendwie weitergehen und deines hat einfach gestoppt – du hast es selbst beendet. Es macht mir Angst, nun etwas zu gestalten, das nicht so geplant war, das anders aussieht als erhofft…“.

Durch eine gute Lerngruppe, welche mich in allen Phasen der Trauer ertrug und die ich auch nicht aufgegeben hatte, war ich ziemlich up to date, was das Studium betraf. Wir lernten zu Hause zu zweit und zu dritt, manchmal mehrmals wöchentlich, unabhängig der eigenen Verfasstheit für die Lizenziats-Prüfung. An die Theologische Fakultät ging ich eher selten, es gab immer noch Räume, die ich mied, da der Aufenthalt darin sehr erinnerungs- und emotionsintensiv war. Ich hatte zum Glück vor Angelikas Tod schon alle Seminare absolviert. So war es mir möglich innerhalb von neun Monaten die letzte noch ausstehende Arbeit und die Lizenziats-Arbeit zu schreiben und alle schriftlichen und mündlichen Prüfungen für das Lizenziat zu absolvieren, und somit das Studium abzuschliessen. Diese Monate bestanden hauptsächlich aus Hundespaziergängen, Lernen und Arbeiten. Die vielen Tätigkeiten und ausgefüllten Tage halfen mir Angelika hie und da für kurze Zeit zu vergessen.

Genau ein Jahr nach Angelikas Suizid schien nun mein Leben, von aussen her betrachtet, wieder in normalen Bahnen zu verlaufen. Was von aussen „normal“ aussah war aber nur mit grossem inneren Kraftaufwand zu leisten. Täglich kämpfte ich damit, dass mich die Verzweiflung nicht überrollte und ich völlig blockiert vor den Lerninhalten oder den Arbeiten sass. Denn bei jedem Lerninhalt, bei jedem theologischen Fach wurden Erinnerungen an Angelika wach. Unsere Freundschaft und das Theologiestudium waren so ineinander verwoben, dass Lerninhalt und Erinnerung häufig zusammen fiel… und wir hatten noch viele gemeinsame Lern-, Kaffee- und Zukunftspläne. Nun war ich mit diesen Plänen alleine und trank die 12 Lernkaffees einsam vor mich hin.

Mein langjähriger Coach war für mich in diesem Moment eine gute Hilfe. Denn mit ihm zusammen konnte ich ein inneres Schubladensystem kreieren, welches sich als sehr nützlich erwies. Ich räumte der Verzweiflung und Trauere Zeiten ein, dann wurden sie in eine innere Schublade gelegt und ich versuchte mich wieder dem Alltag und dem Lernen zu widmen. Es brauchte etwas Übung bis das funktionierte. Das Schubladensystem half nicht immer, doch es gelang mir vermehrt nicht mehr in den endlosen Trauer- und Emotionsspiralen.

An Angelikas Todestag selbst musste ich fort, zu Hause hätte ich es nicht ausgehalten. Ich nahm meine Hunde und ging wandern, immer weiter und weiter, so dass ich zu Hause vor lauter Müdigkeit einfach nur noch einschlief. Die Tage und Wochen verstrichen, das Leben ging weiter, bloss etwas war anders, alles schien blasser, dem Sommer und Herbst, dem satten Grün der Wiese und den weissen Berggipfeln fehlten die intensiven Farben, sie waren von einem grauen Schleier bedeckt, welcher sich selten lüftete.

Reflexion

Der Suizid der geliebten Person durchtrennt nicht nur den Lebensfaden dieser endgültig, sondern schneidet auch viele Hinterbliebene, zumindest emotional, vom Leben ab. Den eigenen Lebensfaden nach einem Suizid wieder aufzunehmen ist ein langer und schmerzhafter Prozess. Er bedarf häufig täglich einer neuen bewussten oder unbewussten Entscheidung, er muss täglich erneut ergriffen werden. Wer Trauernde in dieser Zeit begleitet muss wissen, wie emotionsintensiv diese Phase ist. Denn nun bewegt man sich wieder in der Öffentlichkeit, es werden Räume betreten, Aktivitäten durchgeführt, Orte besucht, die unkontrolliert Erinnerungen wachrufen können. Zum ersten Mal wird das Leben wieder gelebt und das Fehlen der Verstorbenen wird im Alltäglichen offensichtlich. Um den Alltag zu bewältigen können kleine emotionale Ordnungssysteme hilfreich sein.

Was nur am Rande erwähnt wurde und doch zentral in meinem Trauerprozess war ist die kleine Lerngruppe. Da war es zum einen nicht nötig Masken zu tragen und zum anderen waren die Themen durch das gemeinsame Ziel vorgegeben und wir arbeiteten alle am Gleichen. Kaum etwas vermittelte so viel Normalität und Stabilität wie diese Lerngruppe.

 

totsächlich #22 Lebensfaden auf acht Beinen (02)

Ein dünner, unvernünftiger, emotionaler Lebensfaden bot sich mir hier, mitten im Nirgendwo an einem Grillfest in Süditalien. Während die anderen feierten, lieferten sich mein Verstand und meine Intuition, meine Vernunft und meine Hoffnung auf Veränderung einen inneren Kampf.

Doch Vernunft war bei mir noch nie besonders stark ausgeprägt. Und so stand mein Entschluss rasch fest: diese zwei Welpen würde ich nicht auf der Strasse sterben lassen. Diesen Lebensfaden galt es für mich und für die beiden Hunde zu ergreifen! Es war nicht ganz einfach meine Freunde davon zu überzeugen diese schmutzigen, abgemagerten Strassenhunde in ihr Auto zu verladen. Noch viel schwieriger war es meinen Partner von der Sache zu überzeugen. Aber sowohl Andi, als auch meine Freunde mussten letztlich vor meiner Hartnäckigkeit resignieren.

Nun war es von grossem Vorteil, dass ich einige Tage zuvor Tierschützer kennen gelernt hatte, die mir sowohl bei der Reinigung und medizinischen Versorgung der Hunde, als auch bei allen tierärztlichen Formalien halfen. Als wir schliesslich zurück in die Schweiz fuhren waren wir nicht mehr zu zweit, sondern zu viert. Simson und Levi zogen bei uns ein. Trotz Widerständen und Hindernissen spürte ich, dass dieser Entscheid richtig war. Intuitiv wusste ich wohl um den verborgenen Lebensfaden, der sich mir hier anbot, und der mich Stück um Stück aus der Isolation durch die Trauer herausholen würde. Zurück in der Schweiz war alles wie bisher und doch nichts mehr wie es war. Im gewohnten Umfeld drohte ich wieder in der Trauer und Verzweiflung zu versinken. Doch zwei Dinge hatten sich verändert: zum einen hatte ich in Italien Leben jenseits des Todes und der Trauer erlebt und noch viel wesentlicher: da waren zwei sechs Monate alte, hyperaktive Welpen bei mir eingezogen. Ein verkriechen in den eigenen vier Wänden war so nicht mehr möglich. Egal wie es mir ging, egal wie das Wetter gerade war, diese zwei jungen Rüden waren nicht müde zu bekommen und so war ich 3-5 Stunden täglich mit ihnen draussen und traf dabei auch neue Menschen. Wenn ich meinen zwei jungen Hunden beim spielen und laufen zuschaute, dachte ich häufig an Angelika. Was hätte Sie wohl gesagt? Wie wären wohl die gemeinsamen Spaziergänge gewesen. Ich war mir sicher, dass sie sich sehr an den Beiden gefreut hätte. Mit Simson und Levi begann ich tagtäglich durch die Trauer hindurch zu spazieren: manchmal war ich dabei in innere Zwiegespräche mit meiner verstorbenen Freundin vertieft, manchmal äusserte ich anklagende Vorwürfe gegenüber Gott und manchmal nur lächelnd die frische Regenluft einatmend.

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Reflexion

Diese Phase meiner Trauerverarbeitung ist sehr spezifisch und sicherlich nicht übertragbar. Manchmal sind es ungeplante und intuitive Ereignisse und Entscheidungen, welche das Leben auf den Kopf stellen, und gerade dadurch die Trauerspirale auch aufzubrechen vermögen. Mitten in den Tiefen der Trauer zeigen sich aber immer mal wieder so Lebensfäden, manchmal können sie ergriffen werden und bringen entscheidende Veränderungen. In meinem Fall veränderte sich durch die Hunde die Tagesstruktur. Mein Fokus und meine Energie wurden umgelenkt und richteten sich jetzt auf die Erziehung der zwei Rabauken. Zudem traten ganz neue Beziehungen in mein Leben. Da wo Angelika eine grosse Lücke hinterlassen hatte, sprangen zwei Hunde ein. Sie konnten Angelika nicht ersetzen, sie waren ihr in keiner Weise gleich. Dennoch vermochten sie die Leere mit Leben zu füllen. Durch die Hunde lernte ich zudem neue Menschen kennen und so bildeten sich auf Spaziergängen neue Freundschaften. Zu diesen Faktoren kam noch ein weiterer entscheidender hinzu: Bewegung an der frischen Luft. Ich wurde richtig sportlich und bewegte mich nun täglich in der Natur. Schlussendlich mögen diese Dinge vielleicht radikal, vielleicht auch banal klingen: aber Veränderung der gewohnten Strukturen, Beziehungen und Bewegung können auch in komplexen Trauerprozessen neue Perspektiven bieten – in meinem Fall geschah dies durch meine beiden Hunde.

totsächlich #21 Den Lebensfaden aufnehmen (1)

Spontan beschlossen mein Partner und ich Freunde in Süditalien zu besuchen. Ein Tapetenwechsel konnte uns nicht schaden. So packten wir unser kleines Auto und fuhren Richtung Süden. Da der Suizid meiner Freundin immer noch mein Leben überschattete war es nicht so, dass ich mich sehr auf die Reise freute, oder mir viel davon erhoffte. Doch ich liebte Italien, das Lebensgefühl, die ungezwungene Atmosphäre, das Essen, den Wein, die Olivenhaine und das Meer. Andi und ich spazierten durch wilde Mohnwiesen, buddelten mit unseren Freunden essbare Wurzeln aus und tranken guten Kaffee. Wie es in Italien so üblich ist wurden wir Freunden von Freunden vorgestellt und wurden spontan zu einer Tauffeier mit ausgiebigem Mittagessen eingeladen. Dort lernten wir Leute kennen, die aktiv im Tierschutz mitwirkten. Das war für mich spannend, denn es war mir nicht bewusst gewesen, dass es hier Menschen gibt, die sich für die armen Hunde auf der Strasse einsetzten.

In den folgenden Tagen ging es weiter mit Besuchen und Festen. Unter anderem wurden wir auch zu einem Grillfest draussen auf dem Land mitgenommen. Die Sonne schien warm und mein vom Tod erstarrtes Innenleben konnte ein bisschen etwas vom Leben erahnen.

Als wir beim Grillfest ankamen stellte ich fest, dass es da ausser einem Rohbau, ein paar Olivenbäumen und den feiernden Menschen nichts gab. Ich hielt mich etwas abseits der Gruppe, beobachtete das Geschehen und die Umgebung, da fielen mir plötzlich zwei kleine Welpen auf. Beide schauten sich ängstlich und trotzdem neugierig um, waren abgemagert und hatten scheinbar grossen Hunger. Sofort bediente ich mich am Grillbüffet und futterte damit die hungrigen Hunde. Obwohl sie verängstigt waren, nahmen aber das Futter dankbar an und liessen sich von mir anfassen. Kaum näherte sich aber eine andere Person liefen sie davon. Ich fragte alle am Fest, ob sie diesen ausgesetzten Welpen nicht ein zu Hause geben wollen, doch die Leute lachten mich aus. Ich verbrachte einen grossen Teil des Tages mit diesen zwei kleinen Hunden, die mich mit grossen traurigen Augen ansahen.

Natürlich erinnerte ich mich daran, dass es immer Angelikas Herzenswunsch gewesen war einen Hund zu haben. Es stimmte mich traurig, dass sie ihr Leben beendet hatte, bevor ihr zum Beispiel sowas möglich war. In diese Gedanken vertieft, am Rande des Festes, erschienen mir diese zwei mageren, ängstlichen Welpen wie ein Wink von Angelika, ein Geschenk Gottes, ein dünner Lebensfaden, der sich mir hier anbot.

Reflexionen

Obwohl die Energie und Lust auf einen Tapetenwechsel in der Trauersituation häufig nicht vorhanden ist, kann er förderlich sein. Bei komplexen Trauersituationen, wie sie sich im Falle eines Suizids darstellt, geht es darum sukzessive auch wieder mit etwas Lebendigem in Kontakt zu kommen. Langsam zu spüren, zu erleben, zu schmecken und zu sehen, dass es mehr als nur den Tod, Verlust und die Endgültigkeit gibt. In der Vorstellung der trauernden Person scheint dies kaum möglich zu sein. Deshalb ist es so wichtig mit ins Leben genommen zu werden und Lebendigkeit mitzuerleben. Dreiviertel Jahre nach Angelikas Suizid, in denen ich mich vorwiegend abgekapselt hatte, kam mir in Italien das Leben entgegen. Meist sind das zarte Momente, wie wenn sich der Frühling mit dem Duft der ersten Blüten ankündigt. Manchmal gelingt es der trauernden Person auf die Handreichung des Lebens zu reagieren, den Lebensfaden zu erahnen und ihn aufzunehmen: aktivierte Resilienz als Antwort auf die Angebote des Lebens.

totsächlich #20 Wer ist schuld am Suizid?

Wie im letzten Beitrag beschrieben, meldete sich die Wut plötzlich und wie ein Vulkan in meinem Trauerprozess. Anders war das mit den Schuldgefühlen. Die waren seit dem ersten Augenblick, als ich von Angelikas Suizid erfahren hatte, da. Manchmal waren sie nur latent und kaum spürbar anwesend, manchmal aber alles beherrschend. Monatelang rekapitulierte ich in unzähligen Wiederholungen mein letztes Telefonat, meine letzten SMS und Mails mit Angelika. Warum hatte ich nichts gemerkt? Hätte ich sie noch direkter auf das Thema ansprechen müssen. Es schien ihr doch besser zu gehen?! Warum hatte ich nicht darauf bestanden, dass sie uns auf unserer langen Hochzeitsreise besuchen kommt und ein paar Wochen mitreist? Hätte ich ihre Psychiaterin anrufen und sie auf die ausgestellten Schlaftablettenrezepte ansprechen müssen? Warum hatte ich mich ein halbes Jahr zuvor mit Angelika gestritten, wäre es anders gekommen, wenn das nicht gewesen wäre. Wir hatten uns doch schon längst versöhnt? Vielleicht tat ihr unsere Freundschaft nicht gut? Ich versuchte schriftlich in meinem Tagebuch mit der Schuldfrage einen Umgang zu finden:

«Im Angesicht von Angelikas Tod wird mir meine Machtlosigkeit immer wieder bewusst. Obwohl ich in die Beziehung zu Angelika so viel investiert habe und so oft zu Gott um ihr Leben gefleht habe, hat doch alles nichts genützt. Weder Gebet, noch Bemühungen, noch Liebe, noch Ermutigung und Freundschaft konnten in Angelikas Leben etwas verändern und ihren Tod verhindern. […] Weisst du Angelika, dass ich deinen Verlust nicht so einfach verkraften kann? Ich frage mich, was hätte dich am Leben erhalten können? Warum hat deine Familie deine Krankheit ignoriert? Warum hast du nicht angerufen, als es dir schlecht ging? Habe ich versagt? Was hätte ich tun sollen, damit du geblieben wärst? Ich hätte es spüren und wissen müssen! Warum habe ich nichts gemerkt? Ihr Tod ist so sinnlos, solch eine Vergeudung von Leben! »

Lange lebte ich in der Überzeugung, dass ich etwas hätte merken müssen. Ich hätte spüren müssen, dass sie sich das Leben nimmt. Wenn ich die eigenen Schuldzuweisungen nicht mehr aushielt, dann machte ich in inneren Monologen Angelikas Familie und dem weiteren Umfeld Vorwürfe. Warum hatte die Familie nichts gegen das Mobbing unternommen, dem Angelika als Kind ausgesetzt war? – Dann würde sie jetzt sicher noch Leben! Wie konnte eine ausgebildete Fachperson, eine Psychiaterin, so gedankenlos Medikamente verschreiben? – Das war doch fahrlässig! Und wo waren die anderen Freunde? – Die hätten es doch merken müssen!

Chaotisch, unkontrolliert und zermürbend drehte sich in meinem Kopf die Schuldspirale: Auch ich hatte versagt…

Reflexion

Nicht nur Wut ist Teil des Trauerprozesses nach einem Suizid. Ganz typisch sind Schuldgefühle. Ich habe unzählige Gespräche mit Hinterbliebenen geführt und es gab kaum je eines, indem Schuld, auch nach vielen Jahren, kein Thema war. Die Schuldgefühle und Selbstvorwürfe können in diesem komplexen Trauerprozess überwältigend sein. Häufig werden in endlosen Schlaufen Selbstgespräche geführt, in denen rekapituliert wird, was man anders hätte machen müssen, wie man den Suizid hätte verhindern können. Auch im Umfeld werden weitere Schuldige gesucht. Schuldgefühle gehören zu den stärksten Bindegliedern zu der verstorbenen Person. Sie sind zwar belastend, aber sie haben die Funktion die Beziehung aufrecht zu erhalten. Zudem schützen sie die Trauernden vor dem Gefühl der absoluten Ohnmacht. Paradoxerweise bleibt die suizidierte Person näher, wenn die Schuldfrage immer und immer wieder gestellt werden kann. Es bringt den Hinterbliebenen allerdings nichts, wenn sie unreflektierte Schuldzuweisungen oder –entlastungen hören. Gerade zu Beginn bringt es der trauernden Person nichts, wenn die Schuldfrage negiert wird und noch weniger, wenn vom Umfeld die Schuld aktiv zugeschoben wird. Schuldfragen dürfen, zumindest zu Beginn, auch einfach unkommentiert, aber doch gehört (!) bleiben. Später kann es hilfreich sein, wenn man der trauernden Person den Unterschied zwischen Schuldgefühlen und tatsächlicher Schuld aufzeigt und dabei mithilft, diese komplexen Emotionen einzuordnen.

totsächlich #19 Die Wut bricht durch

Acht Monate nach Angelikas Suizid hatte ich es nun zum ersten Mal gewagt zurück an die Uni zu gehen. Die Sperrzone hatte ich betreten und unsichtbare Barrieren waren eingebrochen. Doch der erste Besuch in der Sperrzone ging nicht spurlos an mir vorbei. Am nächsten Tag tobte ein Erinnerungs- und Gefühlswirbelsturm in meinem Inneren. Angelikas Suizid hatte mich bis dahin häufig in eine lähmende Starre, in Verzweiflung und scheinbar unendliche Trauer versetzt. Doch nun traten andere Gefühle in den Vordergrund, die zwar schon vorher da waren, die ich aber bisher nicht bewusst wahrgenommen hatte. Meinem Tagebuch vertraute ich damals folgendes an:

«Gestern war ich das erste Mal wieder in Zürich an der Fakultät, dank Peter. Doch wie einsam und verlassen habe ich mich ohne Angelika gefühlt. Wie vertraut und gleichzeitig entfremdet ist mir alles vorgekommen. Mir wurde wieder einmal schmerzlich bewusst, wie allein und im Stich gelassen ich mich von Angelika fühle. Alles hat nichts mehr gezählt, die Pläne, Abmachungen, aber vor allem auch unsere Freundschaft – alles wurde für sie so bedeutungslos, dass sie es einfach wegwarf. Angesichts des Todes von Angelika, glaube ich manchmal, nie mehr richtig Lachen zu können, entweder bin ich tief traurig oder unglaublich wütend.»

In die Gefühle von Trauer und Einsamkeit mischten sich nun vermehrt Wut und Enttäuschung. Sie hatte alles weggeworfen, alle gemeinsamen Pläne, alle Abmachungen, Versprechen, einfach alles. Wie konnte sie mir das bzw. uns nur antun?! Das war verdammt nochmal unfair. Ich schäumte vor Wut und war zutiefst enttäuscht von Angelika. Gleichzeitig erschrak ich selbst über meine starken Gefühle. Durfte ich so wütend auf meine Freundin sein? War das legitim? Sie konnte ja nicht anders – oder? Wie ein Tiger im Käfig ging ich im Wohnzimmer auf und ab. Ich wusste nicht wohin mit meiner Wut. Sollte ich sie an mir selbst auslassen? An meinen Mitbewohnenden? Vor Enttäuschung hätte ich laut schreien können – doch ich schwieg – zuerst. Irgendwann zog ich meine Joggingschuhe an und lief in den nächsten Wald. Da stand ich nun alleine, stampfte und trat auf die Bäume ein, die um mich herumstanden. Immer und immer wieder schlug und kickte ich auf die Baumstämme ein. Ich war unglaublich wütend auf meine tote Freundin und hatte gleichzeitig kein Ziel mehr für meine Wut, Angelika hatte sich ja allem entzogen, mit meiner Wut und den Vorwürfen blieb ich alleine zurück. Irgendwann war ich müde vom Schlagen und Treten und hatte zudem schon blaue Flecken an Armen und Beinen – doch ich fühlte mich ein bisschen besser. So ging ich wieder nach Hause. Ich setzte mich an den Küchentisch, machte einen Plan für den Studien-Abschluss, entwarf meine Lizentiats-Arbeit, schickte dem Ethikprofessor meinen Entwurf und beschloss mein Studium so bald wie möglich zu beenden. Meine Wut löste die innere Erstarrung auf, ein neues Feuer brannte in mir, ohne dass ich mir dessen bewusst war.

 

Reflexionen

Wie eine Flutwelle brach plötzlich die ganze Wut, Empörung und Enttäuschung über den Suizid meiner Freundin über mich herein. Bei einem Suizid kann, anders als bei einem Unfall, die Schuld der sich suizidierenden Person zugeschoben werden. Der Suizid als höchster Grad der Autoaggression löst auch Fremdaggression aus. Ein Suizid kann so bei den Hinterbliebenen grosse Wut und Enttäuschung auslösen. Das Problem ist nur, dass die Adressatin der Wut fehlt. Die Wut und Enttäuschung läuft ins Leere oder wird auf das Umfeld projiziert, weil die eigentlich verantwortliche Person nicht mehr da ist. Hier ist es wichtig ein „gesundes“ Ventil für die eigene Wut zu finden und noch viel wichtiger die eigene Wut überhaut zuzulassen. Hinterbliebene Personen haben ein gutes Recht wütend und enttäuscht zu sein. Es ist hilfreich sich dies selber zuzugestehen. Für helfende Berufe ist es wichtig um diese Wut zu wissen, sich davon nicht erschrecken zu lassen und den Hinterbliebenen Personen zu helfen sich diese zu erlauben, auszudrücken und konstruktive Wege des Umgangs damit zu finden.

totsächlich #18 Auf dem Weg zurück in den Alltag (2): Sperrzonen betreten

Wie im vorherigen Beitrag beschrieben willigte ich etwas zögerlich in den Vorschlag meines kirchlichen Mentors ein, mit ihm zusammen nach Zürich an die theologische Fakultät zu gehen. Es beruhigte mich, dass ich wusste, dass Peter schon öfter mit Hinterbliebenen eines Suizids, die Orte besuchte, welche zu inneren Sperrzonen wurden.

Wir besprachen vorab, welche Orte wir gemeinsam besuchen werden und wir vereinbarten einen Zeitrahmen. Mein Mentor erklärte mir detailliert, wie er solche „Besuche“ gestaltet. Er erklärte mir, dass wir immer wieder Pausen machen und an den einzelnen Orten verweilen werden. Dass er jeweils wissen wolle, wie es mir geht und je nachdem auch nach spezifischen Erinnerungen fragen werde. Zwischen dem ersten Gespräch und dem geplanten Besuch der Sperrzonen lag eine Woche. Während dieser Woche bereute ich die Abmachung immer wieder. Ich zweifelte an der Aktion, wollte mich gerne mit meiner Angst verkriechen, aber sicher nicht mit ihr konfrontiert werden. Doch glücklicherweise verhinderten mein Stolz und meine Sturheit, dass ich den Termin mit Peter absagte. Zudem hatten mich seine ruhige und kompetente Art überzeugt und ich traute ihm zu, die Situation im Griff zu haben.

So trafen wir uns eine Woche später um 10.00 Uhr am Bahnhof in Wetzikon und nahmen die S5 Richtung Zürich Stadelhofen. Im Zug sprachen wir zuerst über Belangloses, dann erklärte er mir nochmals den Ablauf des Besuches. Wir planten vom Bahnhof Stadelhofen zur theologischen Fakultät im Grossmünster zu spazieren. Da wollten wir bestimmte Orte und Räume zusammen besuchen und uns im Aufenthaltsraum etwas mehr Zeit nehmen. Abschliessen wollten wird den Besuch an der Florhofgasse, wo damals die Praktische Theologie untergebracht war. Glücklicherweise war es ein sonniger Tag und so stiegen wir am Bahnhof Stadelhofen aus und setzten uns zuerst auf eine Bank. Mir war übel vor Nervosität, Angst oder wovor auch immer. Doch während wir so auf der Bank sassen und ich Peter zeigen konnte, wo Angelika und ich uns immer getroffen hatten, wurde es besser. Der Bahnhof war plötzlich nicht mehr furchteinflössend, sondern wurde wieder zu einem belebten Raum mit einem regen Kommen und Gehen. Nach ein paar Minuten machten wir uns auf und spazierten zur theologischen Fakultät.

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Auf dem Weg dorthin wollte Peter etwas näher wissen, was die Freundschaft zu Angelika auszeichnete, was uns verband, was wir auch ausserhalb der Universität gemeinsam erlebt hatten. Ich erzählte ihm von unserer WG-Zeit, von den nächtlichen Joggingtouren auf den Bachtel und von den Höhen und Tiefen unserer Freundschaft. Auch Angelikas psychische Probleme, ihr schlechtes Selbstbild und meine ständige Angst vor einem Suizid kamen zur Sprache. In der Fakultät angekommen gingen wir zuerst in den Raum wo ich Angelika im Hebräischunterricht kennen gelernt hatte. In diesem Raum erzählte ich Peter von den Anfängen unserer Freundschaft. Ich beschrieb ihm, wie mir diese schüchterne und sympathische Person aufgefallen war und wie ich sie fragte, ob wir nicht zusammen lernen wollten. Es war wohl das erste Mal seit Angelikas Suizid, dass mich die Erinnerungen nicht nur traurig machten, sondern dass ich mich an ihnen auch ein bisschen freuen konnte. Peter und ich gingen weiter in andere Seminarräume, in die Bibliothek, in den zweiten Stock, dann in den dritten, bis wir im Aufenthaltsraum standen. Alles schien noch gleich zu sein. Die Tische, das Chaos um die Spüle, der Kühlschrank und etwas weiter hinten der Jöggelikasten. Beim Anblick des Jöggelikastens erstarrte ich innerlich. Wie sehr hatten wir dieses Ding geliebt. Wir waren ein super Team gewesen, fast schon unschlagbar. Peter und ich setzten uns. Zögernd erzählte ich ihm von diesem Raum und von den vielen Erinnerungen. Es war seltsam da zu sitzen, der Raum sah gleich aus und doch fühlte sich alles anders an. Nach längerer Zeit nahmen wir die letzte Etappe unseres Besuchs in Angriff, die Florhofgasse. Aber nachdem ich den Aufenthaltsraum „überlebt“ hatte war auch die letzte Station kein Problem mehr.

Es war ein intensiver Morgen, viele Erinnerungen und Emotionen wurden wachgerüttelt und kamen hoch. Doch es hatte sich gelohnt. Ich wusste, dass ich wieder in der Lage sein würde mein Studium aufzunehmen. Nach mehr als zwei Stunden kehrten Peter und ich zum Bahnhof zurück, wo wir auf den Besuch zurückblickten und sich unsere Wege bzw. Züge trennten.

Reflexion

Nicht alle Trauernden schützen sich vor ihren Erinnerungen und Gefühlen mit geographischen Sperrzonen. Manche machen das, andere wiederum errichten Sperrzonen indem sie gewisse Tätigkeiten nicht mehr ausüben oder erinnerungsbeladenen Gegenstände nicht mehr ansehen und anfassen. Sich gegenständlichen und örtlichen Sperrzonen anzunähern ist ein wichtiger Schritt im Trauerprozess. Es ist eine Aktion, die zurück ins Leben führt. Kompetente, sensible Freunde / Pfarrpersonen oder andere Fachpersonen können dabei unglaublich hilfreich sein. Sie selbst sind von der Furcht und Trauer nicht gefangen und können von den Emotionen nicht einfach überwältigt werden. Zentral bei einer solchen Begleitung ist für die Fachperson die Aussenperspektive auf die Situation (oder die Orte) zu wahren und gleichzeitig um die innere Verfasstheit der trauernden Person zu wissen. „Under control“ sein, heisst hier empathisch die Fäden von Emotionen, Erinnerungen, Orten, Tätigkeiten und Gegenständen zusammen zu bringen, ohne die trauernde Person zu überfordern. Wenn dies gelingt, können Ängste abgebaut und Sperrzonen wieder zu Lebensräumen werden.

 

totsächlich #17 Auf dem Weg zurück in den Alltag (1): Sperrzonen erkennen

Schon nahte der Frühling, die Tage wurden wieder länger und auch etwas wärmer. Doch mein Studium hatte ich nicht mehr aufgenommen. Ich konnte und wollte nicht mehr studieren, aber vor allem fühlte ich mich immer noch nicht fähig nach Zürich zu gehen. Schon bevor ich auf Hochzeitsreise ging und vor Angelikas Suizid hatte ich auf den Frühling 2007 ein Gespräch mit meinem kirchlichen Mentor Peter abgemacht. Und da ich ungern Termine absagte, ging ich zum Gespräch. Damals war es so, dass jede Person, welche beabsichtigte die praktische Pfarrausbildung zu absolvieren, eine Pfarrperson als kirchliche Mentorin oder kirchlichen Mentor haben musste. Die Aufgabe des kirchlichen Mentors war es, einem während dem Studium zu begleiten und bei den kirchlichen Eignungsabklärungen dabei zu sein. Als ich mich dann mit Peter im Kirchgemeindehaus traf, wusste er nicht, dass ich nicht mehr studierte. Ich kannte Peter nun schon ein paar Jahre und hatte ihn als kompetent und vertrauenswürdig erlebt. So erzählte ich ihm von der Selbsttötung meiner Freundin und meiner Orientierungslosigkeit. Zögerlich sprach ich weiter und erklärte ihm, dass ich mein Studium nicht mehr aufgenommen hatte und dass ich nicht wusste, ob ich dazu nochmals in der Lage wäre. Es war mir zwar peinlich, trotzdem erzählte ich ihm von dieser unsichtbaren, unüberwindbaren Wand, die zwischen dem Zürcher Oberland und Zürich zu sein schien und die es mir verunmöglichte wieder an die Universität zu gehen. Peter hörte mir aufmerksam zu und stellte ein paar Rückfragen. Er wollte wissen, ob ich generell Angst vor der Stadt Zürich hätte oder ob mir nicht vielmehr gewisse Gebiete Mühe bereiten. Er stellte Rückfragen nach den Orten, wo wir gemeinsam gelernt hatten und wollte wissen vor welchen Räumen an der Uni ich mich besonders fürchtete. Er erkundigte sich danach, wo ich Angelika kennen gelernt hatte und in welchen Räumen wir uns am meisten aufgehalten hatten. Peter tastete sich langsam an das Thema heran. Durch seine gezielten Fragen zwang er mich dazu konkreter zu werden, die Angst zu benennen und gewissen Orten und Räumen Erinnerung zuzuweisen. Wie ein Kartograf und eine Kartografin begannen wir das Gebiet zu vermessen und Grenzen und Wegmarken zu zeichnen. Dadurch bekam die Angst Konturen und wurde differenzierter. So wurde mir bewusst, dass ich nicht vor Zürich Angst hatte, sondern vor dem Gebiet um die theologische Fakultät. Der Angstpegel stieg je mehr ich mich gedanklich der theologischen Fakultät näherte. Am meisten fürchtete ich mich vor dem Aufenthaltsraum, da wo ich Angelika kennen gelernt hatte. Da wo wir gemeinsam gekocht, gelernt und Tischfussball gespielt hatten.

Ich konnte feststellen, dass die Angst linear mit der Menge von Erinnerungen, die ich gewissen Räumen und Orten zuschrieb stieg. Je mehr Angelika-Erinnerungen ich mit einem Ort verbinden konnte, desto grösser wurde die Angst vor diesem Raum. Zudem wurde die Angst konkreter, sie bekam eine Form und einen Umriss. Es war die Angst davor, dass mich die Trauer über den Verlust überwältigt, so sehr, dass ich es nicht mehr ertragen könnte. Ich hatte Angst davor, diese Gefühle nicht auffangen und kanalisieren zu können und davor ganz alleine an diesen erinnerungsbeladenen Orten zu stehen.

Gegen Ende des Gespräches hielt Peter inne, überlegte kurz und schlug mir vor gemeinsam nach Zürich zu gehen und zusammen diese Orte zu besuchen. Ich wusste, dass Peter ein geübter Notfallseelsorger ist, der auch andere Notfallseelsorgerinnen und –seelsorger ausbildet. So stimmte ich seinem Vorschlag zu und wir vereinbarten einen Termin für die kommende Woche.

Reflexion

Es war ein Glücksfall, dass ich eine hochqualifizierte, in der Notfallseelsorge sehr geübte Pfarrperson als Mentor hatte. Er erkannte, dass die Angst wie eine undurchsichtige Wolke über mir schwebte. Sie war riesig und nicht fassbar. Indem er mir half die Angst zu benennen und die Erinnerungen konkreten Orten und Räumen zuzuordnen, verlor sie ihre Übermacht. Die Angst wurde fassbar. Sie wurde in Stücke zerteilt und konnte mich nicht mehr überwältigen. Es hatte mir geholfen, dass wir die Angst nicht einfach Angst sein liessen und wegschauten. Mit Peter zusammen wurde es möglich ihr ins Gesicht zu blicken. Die Angst war zwar noch da, aber sie wurde überschaubar und erste Schritte auf sie zu wurden möglich. Ich konnte ihr in die Augen, bzw. in die geographischen Orte, Räume und Erinnerungen schauen. Dies hätte ich damals nicht alleine machen können. Es war nötig, dass mir eine kompetente Pfarrperson / Fachperson bei dieser Aufgabe half. Ich war zum einen darauf angewiesen, dass sich jemand auskannte, keine Angst vor dem Thema hatte und in der Lage war ein gelingendes Seelsorgegespräch zu führen. Ich fühlte mich während dem Gespräch nie in Gefahr, allein der Angst ausgeliefert zu sein und von ihr überrollt zu werden. Da war eine Person, die mir das Gefühl gab „under control“ zu sein, die wusste was sie tat und mich in diesem Gespräch Stück für Stück weiterführte. Fachpersonen, Pfarrpersonen, kompetente Begleiterinnen und Berater sind in diesem Schritt der Trauerbewältigung zentral. Sie sind es, die auf Wege hinweisen, die gangbar sein könnten und diese Wege mit der trauernden Person zusammen beschreiten. Als Trauernde hätte ich weder den Blick noch die emotionale Kapazität gehabt diesen Weg alleine zu gehen. So war es also mein kirchlicher Mentor, der die erste Brücke zurück an die Universität, zurück in das geliebte Theologiestudium, baute.