#28 Erzählend weiter

Es hat mehr als ein Jahrzehnt gebraucht, um diesen Trauerweg so in Worte zu fassen, wie er hier fest­gehalten ist. Ich habe viel erzählt, in mein Herz und meine Gedanken blicken lassen, Verarbeitungs- und Trauerprozesse beschrieben. Lange liegt Angelikas Suizid schon zurück. Erinnerungen sind verblasst, ein grosser Teil der Trauer liegt hinter mir. Mein Lebensentwurf hat neue und andere Konturen ange­nommen, als ich damals gedacht hatte. Das Leben geht weiter, mit Freuden, Trauer, Arbeit, Heraus­forderungen, mit Freundschaften und viel Kaffee. Meine Gedanken wandern nicht mehr mehrmals täglich zu Angelika. Manchmal vergesse ich auch für ein paar Tage, wer sie für mich war. Doch nie lange und dann sitze ich da, wie heute Nacht, trinke meinen Kaffee und denke wehmütig an Angelika zurück. An ihr sanftes Wesen, ihre Empathie, die ernsten Gespräche und die lustigen Momente und an alle nicht mehr gelebten Tage. Sie fehlt. Sie hat eine Lücke hinterlassen. Alles bleibt anders.

Und doch ist ihr Verlust keine offene, eiternde und triefende Wunde mehr. Ihr Suizid und der komplizierte Trauerprozess haben Spuren hinter­lassen. Ich bin zögerlicher geworden, Freund­schaften einzugehen. Weiss darum, dass das Leben wie Sand durch die Finger rinnt. Der Verlust, die Trauer, der Schmerz haben mich gezeichnet und geformt. Das hindert mich nicht daran, das Lebendige zu suchen, mit meinen Hunden zu spielen und mich vertrauend in die Hände der Heiligen Geistkraft zu geben. Eine Leerstelle wird bleiben und vielleicht ist das gut so.

 

Reflexion

Totsächlich. Ja, wirklich und tatsächlich tot. Ein Suizid ist totsächlich, hart, klar und trifft wie ein Hammerschlag. Für diese harte Realität persönliche Worte zu finden und hilfreiche Türchen für den Trauerprozess anderer zu öffnen, war ursprünglich das Ziel des Blogs. Ich hatte die Hoffnung, dass meine Erfahrungen und Gedanken Wortbrücken für andere bilden. Vielleicht erfahren die steinernen Wälle des Schweigens hie und da kleine Risse? Ich wünsche es Ihnen und mir. Persönliche Geschichten zu erzählen, die viele Mitbetroffene gleich und doch ganz anders erlebt haben, schafft Verbundenheit und Verständnis. So möchte ich selbst sprachfähiger werden und mit meinen Worten zur Sprachfähigkeit anderer beitragen. Nun am Ende angelangt, möchte ich Mut machen, erzählend weiterzugehen, erzählend dem Suizid, der Trauer und dem Verlust zu begegnen. Die eigenen Geschichten zu erzählen, zu malen oder aufzuschreiben. «Totsächliche beim Namen zu nennen, um nicht im Schweigen ersticken zu müssen. Ich möchte Mut machen, dass es erzählend weitergeht auch mit Ihrer Geschichte, auf Ihrem Trauerweg oder in Ihrer Arbeit mit Trauernden. Erzählend weiter, so dass Totsächliches nicht in die Einsamkeit und zum Ver­stummen führt, sondern zu Anteilnahme, Verständnis und vielleicht sogar zu Versöhnung mit dem Erlebten.

totsächlich #27 Zeitreise und Versöhnung

Fast 10 Jahre nach Angelikas Suizid arbeitete ich vier Monate in Kalifornien. Als mich mein Partner besuchte und wir für 10 Tage ein Auto mieteten, wurde mir schnell klar, was meine Zieldestination auf dieser Reise sein sollte. So fuhren wir los, immer Richtung Nordosten. Wir übernachteten in Las Vegas und kamen am nächsten Abend im Bryce Canyon an. Es war schon dunkel und wir waren unterwegs durch einen Schneesturm gefahren. So bezogen wir unser Hotelzimmer. Warum ich unbedingt dahin zurück wollte, wusste ich eigentlich selbst nicht so genau. Doch die letzten zehn Jahre hatte ich immer wieder, wie in einem Film, die gleichen Szenen vor Augen: Der Bryce Canyon mit seiner bezaubernden, bizarren Schönheit… der phantastische Aussichtspunkt, der mich ins Staunen versetzte … der verpasste Anruf von Angelikas Nummer auf meinem Handy … mein Unbehagen und der sofortige Rückruf … niemand nimmt ab … zurück im billigen dunkeln Motel ein weiterer Versuch Angelika anzurufen … endlich nimmt jemand ab. – Angelikas Vater sagt mir, dass sie tot ist.

Mein inneres Erstarren über Angelikas Suizid, der komplexe Trauerweg, alles begann am Bryce Canyon. Die Bilder dieses Parks hatten sich mit meinen Emotionen verbunden und wie ein Brandmal in meinem Erinnerungen festgesetzt.

Am nächsten Morgen, in die wärmsten Kleider gehüllt die wir von Südkalifornien mitgebracht hatten, machten mein Partner und ich uns auf den Weg in den Park. Wir begannen den Bryce Canyon von seinem Ende her zu Erkundung und machten bei eisiger Kälte und im Schnee eine Wanderung in der bizarren Mondlandschaft. Langsam arbeiteten wir uns nach vorne, bis wir schlussendlich genau an dem, von mir innerlich gefürchteten, Aussichtspunkt standen. Es war später Nachmittag, eine ähnliche Tageszeit wie vor zehn Jahren, nur eben Winter und die Wolken lagen über dem Bryce Canyon. Der Ausblick war atemberaubend. Dieses Mal lag ein weisser Zuckerguss auf den Felsformationen. So hatte ich diesen Ort noch nie gesehen…

Nach zehn Jahren an diesem Punkt angekommen brauchte ich etwas Zeit für mich. Ich stand da, Tränen liefen mir über die Wangen. Nochmals liess ich den inneren Film der letzten zehn Jahre des Trauerprozesses Revue passieren: den Schock und die Erstarrung, später die Verzweiflung und Lebensmüdigkeit, ich spürte die Trauer und Wut, doch am meisten wurde mir Angelikas Fehlen bewusst. Es hätte so vieles gegeben, dass ihr Freude bereitet hätte, für das es sich gelohnt hätte zu leben. Ich stand da, dachte nach und führte ein letztes inneres Zwiegespräch mit meiner verstorbenen Freundin. Ich spürte, dass es nun an der Zeit war loszulassen und sie ganz gehen zu lassen. In diesem Moment rissen die Wolken auf und Sonnenstrahlen trafen die Felsen, mein Gesicht und meine Gedanken. Ein Vogel flog vorbei Richtung Sonne. Ich öffnete meine Hände und breitete die Arme aus, als liesse ich diesen Vogel losfliegen. Ich betete, verabschiedete mich von meiner geliebten Freundin und vertraute sie Gott an. Traurig befreit und etwas durch den Wind ging ich zu meinem Partner zurück und umarmte ihn. Gemeinsam verweilten wir daraufhin beim Aussichtspunkt und bestaunten die Natur.

IMG_7950Abbildung 3 Bryce Canyon, März 2016

 

Reflexion

Trauerwege sind individuelle und lange Wege. Ich hatte keinen Abschied und kein Ritual geplant, aber spontan aus der Situation heraus, ergab es sich. Rituale und Abschiede, die Körper und Geist integrieren, können eine nachhaltige Wirkung entfalten. Sie können Emotionen und Denken verändern, wirken als Katalysatoren. Manchmal sind trauernde Menschen aber erst viele Jahre später dazu im Stande. Trauern und Abschiednehmen braucht seine eigene Zeit.

Nicht jede Person hätte dahin, wo das „Totsächliche“ sie traf, wo der Trauerweg unfreiwillig begann, zurückkehren müssen. Für mich war es aber wichtig, nochmals am Ausgangspunkt stehen zu können und nun einen neuen inneren Film zu gestalten. Einen mit aufgerissenen Wolken und einem frei fliegenden Vogel über einem verzuckerten Canyon. Das Reframing war notwendig, um die innere Erstarrung von damals ganz zu durchbrechen und neue Bilder, neue Erinnerungen zu erschaffen, wenn ich an Angelika zurückdenke. Aber noch wesentlicher: es war notwendig dahin zurückzukehren, um nach all den Jahren wirklich „à dieu“ zu sagen und Angelika Gott ganz anzuvertrauen.

totsächlich #26 Bleibt alles anders

Auch als die Jahre verstrichen, blieb Angelika in meinen Erinnerungen gegenwärtig. Es gab immer wieder Momente, wo sie unendlich fehlte, oder plötzlich ganz nah war. Im ganz normalen Alltag gab und gibt es so viele Dinge, welche mich an sie erinnern. In den drei folgenden, unverbundenen Abschnitten werden ein paar davon dargestellt:

  • Ich war im Konfirmandenlager, die Jugendlichen hatten etwas Freizeit und ich wollte mir gerade einen Kaffee holen. Da kamen drei meiner jungen Leiter auf mich zu und wollten mich überzeugen mit ihnen Tischfussball zu spielen. Wie ein Blitz traf mich dieser Gedanke. Ich hatte seit Angelikas Tod, seit fast fünf Jahren, nie mehr gespielt. Ohne sie Tischfussball zu spielen schien mir wie ein Verrat. Zudem hatte sie uns einen Gutschein für einen Tischfussballtisch zur die Hochzeit geschenkt – den sie nicht mehr einlösen konnte. Zögernd willigte ich dennoch in die hartnäckigen Überzeugungsversuche der Jugendlichen ein. Es machte Spass wieder zu spielen. Kaum zu Hause angekommen erzählte ich meinem Partner begeistert vom Tischfussball und von meiner Idee nun einen eigenen Tisch zu kaufen. Schon am nächsten Tag zogen wir los und fanden in der Nähe einen Vertreter mit guten Geräten. Nur 24 Stunden nach meiner Rückkehr aus dem Konfirmandenlager stand ein Tischfussball bei uns zu Hause. Auch heute noch hat er einen prominenten Platz im Wohnzimmer und erfreut nicht nur uns, sondern auch unsere Gäste.
  • Zwei Jahre nach Angelikas Tod entdeckte ich bei einer Freundin in der Wohnung eine Pflanze. Innerlich erstarrte ich und hatte Angelika vor Augen. Die Erinnerungen waren ganz lebendig, ganz nah. Ich erkannte die Pflanze, die ich seit Jahren suchte, aber nicht wusste wie sie heisst, sofort wieder. So eine Pflanze stand damals in Angelikas Wohnung. Wir waren beide von ihr fasziniert, kannten aber den botanischen Namen nicht. So nannte Angelika sie kurzerhand Gürk, denn ihr Stamm glich einer Gurke. Angelika hatte mir einen Ableger dieser Pflanze versprochen, da ich davon begeistert war. Ach dazu kam es aber nicht mehr. Nun entdeckte ich also diese Pflanze völlig unerwartet im Wohnzimmer einer Freundin, die mir auch den Namen sagen konnte. Zu Hause angekommen durchstreifte ich das Internet, bis ich schliesslich in Deutschland auf solche Pflänzchen und Samen stiess und mir schicken liess. Noch immer gibt es in meiner Wohnung viele Gürks (Spuckpalmen), welche die Erinnerung an Angelika wachhalten und mich zum Schmunzeln bringen.
  • In einem Küchenschrank, ganz zuhinterst und etwas versteckt, stehen zwei gleiche orange-gelb-rote Tassen. Mein Partner hatte es nur einmal gewagt, in diesen Tassen einen Tee zu machen. Es sind die zwei Tassen, welche Angelika und ich in unserer WG hatten und in denen wir immer gemeinsam Kaffee getrunken und Milchschaum gelöffelt hatten. Die Tassen sind im Schrank, sie kommen bei jedem Umzug mit, werden aber bis heute nicht mehr benützt. Dafür lache ich regelmässig über die Erinnerung, als ich Angelika jeweils im Restaurant einfach eine Tasse Milchschaum bestellte. Auch der Milchschaum, der nie auf meinem Kaffee fehlen darf, erinnert mich an sie.

Auch heute, über ein Jahrzehnt später, halte ich manchmal inne und überlege mir was sie wohl sagen würde? Was würde sie machen? Wie wäre ihr Leben? Es bleibt offen…und es bleibt alles anders.

Trockne die Tränen

Zieh deine Kreise

Der stille Weg

Folg dem Sonnenaufgang leise

Und tanz den Tanz auf dünnem Eis

 

Du kannst nur gewinnen

Genug ist zu wenig, oder es wird so wie es war

Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders

Der erste Stein fehlt in der Mauer

Der Durchbruch ist nah

(Herbert Grönemeyer, Bleibt alles anders)

 

 

Reflexion

Dass ein Suizid das Leben der hinterbliebenen Personen grundlegend verändert wurde nun schon vielfach erwähnt und ist ja nichts Neues. Auch andere Tode tun das. Hierin sind sich die Trauerwege ähnlich. Unerwartet und plötzlich wird man mitten im Leben wieder mit Erinnerungen an die Verstorbene konfrontiert. Mit grossem Kraftaufwand muss das Leben neu gestaltet werden.

Die Herausforderungen von Hinterbliebenen nach einem Suizid bestehen aber darin, bei den Erinnerungen nicht gleich zu erstarren, sie aus dem Leben auszusperren oder sich von den komplexen, emotionalen Flutwellen überrollen zu lassen. Für Angehörige oder Freunde ist es manchmal nicht einfach, die unerwarteten Reaktionen der Trauernden auf gewisse Situationen zu verstehen. Mein Partner hatte keine Ahnung warum ich ausrastete, als er sieben Jahre nach Angelikas Suizid eine Tasse aus dem Schrank nahm. Hilfreich waren die Situationen, als ich darin unterstützt wurde, Erinnerungen positiv wach zu halten bzw. als daraus etwas Neues wachsen durfte. Wie bei der Spuckpalme, die nun in unserer Wohnung wächst und gedeiht. Oder mein Partner, der sofort alle Hebel in Bewegung setzte, damit wir einen Tischfussball auftreiben konnten. Es ist nicht unvernünftig den Verarbeitungsimpulsen nachzugehen, auch wenn sie von aussen betrachtet eigenartig aussehen mögen. Vielmehr ist es unvernünftig im Stillstand zu verharren und es nicht anders werden zu lassen. Bleibt alles anders, so wird doch vieles neu.

totsächlich #25 Den Pinsel in den Händen halten

Das Leben ging weiter, das Studium schloss ich ab und zwei Jahre nach Angelikas Suizid begann ich das Vikariat. Das Vikariatsjahr war das letzte Jahr, das wir noch detailliert zusammen geplant hatten. Für die Zeit danach hatten wir viele Wünsche, Träume und Zukunftsvorstellungen gehabt. Dinge die wir erhofft hatten tun zu können, wie beispielsweise später einmal eine Pfarrstelle zu teilen. Aber dieses Vikariatsjahr, das wäre ein Gemeinsames gewesen! Dies wurde mir nun in vielen Situationen bewusst: In den Kurswochen gab es Zweierzimmer, wir hatten abgemacht dieses das Jahr über zu teilen. Zudem hatte ich einen weiten Arbeitsweg, dafür war ich in der Nähe von dem Ort, wo Angelika das Vikariat machen wollte. Wir hatten geplant die Mittagspausen zusammen zu verbringen und die Predigtvorbereitungen in ihrer Wohnung zu machen. Von vielem Gemeinsamem musste ich mich in diesem Jahr verabschieden und Dinge anders gestalten als wir es eigentlich geplant hatten.

Es fühlte sich an, als würde ich vor einer Leinwand stehen. In feinen Linien war das Bild, das entstehen sollte, schon skizziert. Doch nun musste ich einen Pinsel nehmen, die Skizzen weitgehend ignorieren und mit anderen Farben und Formen ein neues, mein eigenes Bild malen. Zum Glück gab es Menschen, die mir neue „Maltechniken“ zeigten und den Zugang zu anderen Lebensentwürfen eröffneten. Das neue Bild wurde zu Beginn mit Tränen, manchmal mit Verzweiflung und Widerwillen, immer wieder mit Wut gemalt. Ich musste loslassen, was ich gar nicht loslassen wollte. Die Vikariatszeit fand ich schwierig, die Kurse manchmal kaum aushaltbar, immer wieder schweiften meine Gedanken zu Angelika, die doch auch da sein sollte. Gleichzeitig lernte ich zu akzeptieren, dass es nun eben anders ist als geplant.

 

Nach dem Vikariatsjahr nahm das Leben wieder richtig Fahrt auf. Ich fand eine Anstellung als Pfarrerin, wechselte mit meinem Partner mehrfach den Wohnsitz, lernte neue Menschen kennen, begann zu promovieren, durchstreifte Wälder und Felder mit den Hunden, plante und veranstaltete Studienreisen, begann zu gärtnern, verbrachte Zeit im Kloster usw.

Es gab Momente, da war Angelikas Fehlen immer noch kaum auszuhalten. Doch über die Jahre hinweg entstand ein neues, ein anderes Lebens-Bild – mein Bild. Einmal, als ich wieder nicht wusste, wie denn die Linien verlaufen sollten, schrieb ich in mein Tagebuch:

Ich stehe hier, weiss eigentlich nicht mehr was der Mensch ist. Ich habe das Gefühl, dass einiges, das ich meinte zu wissen, weg ist, nicht mehr so ist. Ich fühle mich innerlich auf eine positive Art leer. Ich bin auf einer inneren Suche durch neues unbekanntes Gelände. Überall entdecke ich neue Ideen, spüre wie sie wachsen, oder sich in Luft auflösen. Ich befinde mich auf einem Lebens-Spaziergang, entdecke neue Pflanzen und Tiere, eine völlig neue Umgebung. Das Licht scheint anders auf meinen Weg, gedämpft und heller auf das weglose Gelände. Ich rieche die frische belebende Luft, kenne aber meinen Weg nicht. Nein es macht mir keine Angst so weglos zu sein. Ich fühle, wie die Neugier mich belebt, mir Freude am Leben gibt. Das Warten und Suchen stört mich nicht. Ich muss nicht mehr den alten, schon so oft von mir begangenen Weg nehmen, denjenigen den ich auswendig kenne. Ich darf aufatmen, neu entdecken, Altes loslassen und suchend sein.“

 

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Reflexion

Ähnlich wie bei einem plötzlichen Todesfall, waren auch bei einem Suizid noch so viele Dinge gemeinsam geplant. Die Hinterbliebenen stehen da und schauen auf die Pläne und Wünsche, die zu Nichts zerrinnen. Es ist eine Herausforderung da nun wieder aktiv zu werden und selbst zu gestalten. Denn manchmal fühlt es sich an, wie ein Verrat an der Verstorbenen, das Gestalten ist mit der dauernden Angst zu vergessen verbunden. Doch selber wieder aktiv zu werden und zu sein, ist befreiend. Das eigene Leben kann irgendwie weitergehen, auch wenn Trauernde mit der Gestaltung dessen ringen. Menschen, die in dieser Phase ein Resonanzboden sind und neue Maltechniken aufzeigen, können sehr hilfreich sein. Die „Maltechniken“ bzw. das, was der trauernden Person neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet, ist individuell. Da ist auch die Kreativität und das genaue Hinhören der Begleitenden gefragt.

totsächlich #24 Was kann ich noch glauben?

Durch Angelikas Suizid wurde nach und nach nicht nur mein Leben, Studium, Alltag und meine Zukunft in Frage gestellt, sondern auch meine persönlichen Glaubensüberzeugungen. In meinem Tagebuch fand ich folgende Stelle aus dieser Zeit: „Ich weiss nicht mehr an was ich glaube: Wer ist Gott? Was ist Kirche? Was trägt? Vieles in meinem Leben scheint nicht mehr zu existieren. Dinge, die so unverrückbar schienen haben sich in Nichts aufgelöst.“ Viele Jahre hatte ich in einer reformierten Kirche mitgearbeitet, freiwillig und später als angestellte Jugendarbeiterin, ich war auf dem Weg ins Pfarramt, am Ende des Theologiestudiums, aber meine ganzen Glaubensüberzeugungen, mein Sinnsystem schienen zusammengebrochen. Wie bei einer Zwiebel begann sich Schicht um Schicht wegzuschälen, manchmal bewusst, häufig unbewusst. Dieser Vorgang dauerte allerdings Tage oder Monate, viel meiner Fragen und das Suchen zogen sich über Jahre hinweg.

Wie bereits beschrieben hatte sich mein bisheriges Bild von Kirche durch meine Enttäuschung schon aufgelöst. Ich verlor (zum Glück) den Glauben daran, dass es perfekte Gemeinschaft und heile Orte auf dieser Welt gibt. Doch es ging weiter: Traditionelle Gottesdienste waren mir immer zu eng und zu staubig gewesen, daran hatte sich nicht viel verändert. Doch bei den modernen Gottesdienstformen waren es vor allem die Lieder und die Fröhlichkeit, die ich nicht mehr ertragen konnte und mir fremd wurden. Alles schien mir zu seicht und zu lebensfern. Da hiess es beispielsweise in einem Lied: „I will worship you in my darkest hour, I will worship you when I am out of power…” wie sollte das gehen? Ich war nicht Paulus, der im Gefängnis noch Lieder sang und predigte. Ich wusste, dass ich in den dunklen Stunden keine Loblieder sang, da blieben höchstens noch Klage, Vorwürfe und oftmals auch Sprachlosigkeit Gott gegenüber.

Auch das Gottesbild wurde dekonstruiert oder vielleicht vielmehr erweitert. Es wurde facettenreicher und unschärfer. Ich wendete mich nicht vom christlichen Sinnsystem ab, aber von den vielen übernommenen Gottesbildern und Praktiken. Gott musste mehr sein als „mein Freund“ und ganz bestimmt nicht nur männlich, oder? Wie feiert man Gottesdienst, wenn man diese nicht erträgt? Wie betet man, wenn man sprachlos ist? Diese und viele weitere Fragen tauchten nach und nach auf und wechselten sich ab. Gott-los werden wollte ich nicht. Doch neue oder andere Formen musste ich für mich in dieser Trauerphase finden. So entdeckte ich zum Beispiel die Tagzeitengebete der Benediktiner. Was mich tief berührte war beispielsweise die lateinische gesungene Vesper im Kloster Einsiedeln.

Meine Gebete schienen belanglos und noch häufiger war ich wortlos. So zwang ich mich nicht zu inhaltsleeren Gebeten, sondern rang Wort um Wort mit der Sprachlosigkeit, bis sich mir das Gebet als Text in meinem Tagebuch darbot:

Zum Himmel schau ich müd und leer,

Bin Körper, Hülle, Staub, Gebein

Doch schafft in mir, was ich nicht schaff?

Bewegt sich das was tot erscheint?

Nur durch Gott, durch ihre Kraft

Stillt sie den Ort der Hoffnung schafft

Nach oben hebe ich den Blick

zum Licht, das Licht im inneren ist.“

Ich lernte, dass Glaube häufig Suchen, Fragen, Nichtwissen und Ringen ist. Hoffen auf etwas, das man nicht wissen kann und doch irgendwie erahnbar ist. Suchen nach etwas, das Hoffnung schafft und ganz persönlich berühren kann. Das man nicht festhalten kann und dennoch in der Bibel und in der Geschichte der Kirche, in Bildern und Texten beschrieben wird. Nach einem misslungenen Versuch Worte für ein Gebet zu finden, schrieb ich in mein Tagebuch: „In mir gibt es auch viel Hoffnung. Ich glaube, dass ich Angelika wiedersehen werde, doch zuerst einmal muss ich leben, darf ich leben und ich darf hoffen und ich darf darauf vertrauen, dass mein Leben einen positiven Einfluss in dieser Welt haben wird.“

 

Reflexion

Was sich hier als kurzer Text darstellt, beschreibt in Realität einen jahrelangen facettenreichen Weg: Zweifeln – wieder glauben lernen – hinterfragen – Vertrauen wagen… Dieser setzt sich weiterhin fort, denn mein persönliches Glaubenssystem wurde durch die Trauererfahrung in Frage gestellt und über die Jahre hinweg „reframed“: vom vermeintlichen Besitz des richtigen Glaubens zu einem fragenden Hoffen.

Die Dekonstruktion von Glaubensüberzeugungen kann für religiöse Menschen ein schmerzhafter Prozessschritt in der Verarbeitung eines Suizides sein. Häufig bleibt nach einem Suizid nichts mehr wie es war – aber es kristallisiert sich dadurch auch der Kern, das was trägt, heraus. Alles was oberflächlich ist, wird dabei unerträglich. Dafür besteht die Chance neue und eigene religiöse Formen kennen zu lernen und dafür eine Sprache zu finden. Dieser Schritt ist nötig und muss nicht zwingend negativ sein. Durch mein Studium und später das Vikariat und Pfarramt, durch Freunde und die Promotion blieb ich theologisch und religiös im Gespräch. Gesprächsoffenheit und Dialogbereitschaft, gerade auch in Bezug auf religiöse Umbrüche, sind für trauernde Menschen hilfreich. Aber nur dann, wenn gemeinsam gesucht, gefragt und diskutiert werden darf und die Hinterbliebene nicht von religiösen Erwartungen und Anforderungen überrollt wird.

totsächlich #23 Hilfsmittel im Trauerprozess

Durch die Energie der Wut, die ich in Beitrag 19 beschrieben habe, und die Lebendigkeit der zwei jungen Strassenhunde fühlte ich mich nach und nach in der Lage mein Studium wieder aufzunehmen und es abzuschliessen. Ich kam zu folgender Einsicht, dich ich fett in meinem Tagebuch festhielt: „Mein Leben muss irgendwie weitergehen und deines hat einfach gestoppt – du hast es selbst beendet. Es macht mir Angst, nun etwas zu gestalten, das nicht so geplant war, das anders aussieht als erhofft…“.

Durch eine gute Lerngruppe, welche mich in allen Phasen der Trauer ertrug und die ich auch nicht aufgegeben hatte, war ich ziemlich up to date, was das Studium betraf. Wir lernten zu Hause zu zweit und zu dritt, manchmal mehrmals wöchentlich, unabhängig der eigenen Verfasstheit für die Lizenziats-Prüfung. An die Theologische Fakultät ging ich eher selten, es gab immer noch Räume, die ich mied, da der Aufenthalt darin sehr erinnerungs- und emotionsintensiv war. Ich hatte zum Glück vor Angelikas Tod schon alle Seminare absolviert. So war es mir möglich innerhalb von neun Monaten die letzte noch ausstehende Arbeit und die Lizenziats-Arbeit zu schreiben und alle schriftlichen und mündlichen Prüfungen für das Lizenziat zu absolvieren, und somit das Studium abzuschliessen. Diese Monate bestanden hauptsächlich aus Hundespaziergängen, Lernen und Arbeiten. Die vielen Tätigkeiten und ausgefüllten Tage halfen mir Angelika hie und da für kurze Zeit zu vergessen.

Genau ein Jahr nach Angelikas Suizid schien nun mein Leben, von aussen her betrachtet, wieder in normalen Bahnen zu verlaufen. Was von aussen „normal“ aussah war aber nur mit grossem inneren Kraftaufwand zu leisten. Täglich kämpfte ich damit, dass mich die Verzweiflung nicht überrollte und ich völlig blockiert vor den Lerninhalten oder den Arbeiten sass. Denn bei jedem Lerninhalt, bei jedem theologischen Fach wurden Erinnerungen an Angelika wach. Unsere Freundschaft und das Theologiestudium waren so ineinander verwoben, dass Lerninhalt und Erinnerung häufig zusammen fiel… und wir hatten noch viele gemeinsame Lern-, Kaffee- und Zukunftspläne. Nun war ich mit diesen Plänen alleine und trank die 12 Lernkaffees einsam vor mich hin.

Mein langjähriger Coach war für mich in diesem Moment eine gute Hilfe. Denn mit ihm zusammen konnte ich ein inneres Schubladensystem kreieren, welches sich als sehr nützlich erwies. Ich räumte der Verzweiflung und Trauere Zeiten ein, dann wurden sie in eine innere Schublade gelegt und ich versuchte mich wieder dem Alltag und dem Lernen zu widmen. Es brauchte etwas Übung bis das funktionierte. Das Schubladensystem half nicht immer, doch es gelang mir vermehrt nicht mehr in den endlosen Trauer- und Emotionsspiralen.

An Angelikas Todestag selbst musste ich fort, zu Hause hätte ich es nicht ausgehalten. Ich nahm meine Hunde und ging wandern, immer weiter und weiter, so dass ich zu Hause vor lauter Müdigkeit einfach nur noch einschlief. Die Tage und Wochen verstrichen, das Leben ging weiter, bloss etwas war anders, alles schien blasser, dem Sommer und Herbst, dem satten Grün der Wiese und den weissen Berggipfeln fehlten die intensiven Farben, sie waren von einem grauen Schleier bedeckt, welcher sich selten lüftete.

Reflexion

Der Suizid der geliebten Person durchtrennt nicht nur den Lebensfaden dieser endgültig, sondern schneidet auch viele Hinterbliebene, zumindest emotional, vom Leben ab. Den eigenen Lebensfaden nach einem Suizid wieder aufzunehmen ist ein langer und schmerzhafter Prozess. Er bedarf häufig täglich einer neuen bewussten oder unbewussten Entscheidung, er muss täglich erneut ergriffen werden. Wer Trauernde in dieser Zeit begleitet muss wissen, wie emotionsintensiv diese Phase ist. Denn nun bewegt man sich wieder in der Öffentlichkeit, es werden Räume betreten, Aktivitäten durchgeführt, Orte besucht, die unkontrolliert Erinnerungen wachrufen können. Zum ersten Mal wird das Leben wieder gelebt und das Fehlen der Verstorbenen wird im Alltäglichen offensichtlich. Um den Alltag zu bewältigen können kleine emotionale Ordnungssysteme hilfreich sein.

Was nur am Rande erwähnt wurde und doch zentral in meinem Trauerprozess war ist die kleine Lerngruppe. Da war es zum einen nicht nötig Masken zu tragen und zum anderen waren die Themen durch das gemeinsame Ziel vorgegeben und wir arbeiteten alle am Gleichen. Kaum etwas vermittelte so viel Normalität und Stabilität wie diese Lerngruppe.

 

totsächlich #22 Lebensfaden auf acht Beinen (02)

Ein dünner, unvernünftiger, emotionaler Lebensfaden bot sich mir hier, mitten im Nirgendwo an einem Grillfest in Süditalien. Während die anderen feierten, lieferten sich mein Verstand und meine Intuition, meine Vernunft und meine Hoffnung auf Veränderung einen inneren Kampf.

Doch Vernunft war bei mir noch nie besonders stark ausgeprägt. Und so stand mein Entschluss rasch fest: diese zwei Welpen würde ich nicht auf der Strasse sterben lassen. Diesen Lebensfaden galt es für mich und für die beiden Hunde zu ergreifen! Es war nicht ganz einfach meine Freunde davon zu überzeugen diese schmutzigen, abgemagerten Strassenhunde in ihr Auto zu verladen. Noch viel schwieriger war es meinen Partner von der Sache zu überzeugen. Aber sowohl Andi, als auch meine Freunde mussten letztlich vor meiner Hartnäckigkeit resignieren.

Nun war es von grossem Vorteil, dass ich einige Tage zuvor Tierschützer kennen gelernt hatte, die mir sowohl bei der Reinigung und medizinischen Versorgung der Hunde, als auch bei allen tierärztlichen Formalien halfen. Als wir schliesslich zurück in die Schweiz fuhren waren wir nicht mehr zu zweit, sondern zu viert. Simson und Levi zogen bei uns ein. Trotz Widerständen und Hindernissen spürte ich, dass dieser Entscheid richtig war. Intuitiv wusste ich wohl um den verborgenen Lebensfaden, der sich mir hier anbot, und der mich Stück um Stück aus der Isolation durch die Trauer herausholen würde. Zurück in der Schweiz war alles wie bisher und doch nichts mehr wie es war. Im gewohnten Umfeld drohte ich wieder in der Trauer und Verzweiflung zu versinken. Doch zwei Dinge hatten sich verändert: zum einen hatte ich in Italien Leben jenseits des Todes und der Trauer erlebt und noch viel wesentlicher: da waren zwei sechs Monate alte, hyperaktive Welpen bei mir eingezogen. Ein verkriechen in den eigenen vier Wänden war so nicht mehr möglich. Egal wie es mir ging, egal wie das Wetter gerade war, diese zwei jungen Rüden waren nicht müde zu bekommen und so war ich 3-5 Stunden täglich mit ihnen draussen und traf dabei auch neue Menschen. Wenn ich meinen zwei jungen Hunden beim spielen und laufen zuschaute, dachte ich häufig an Angelika. Was hätte Sie wohl gesagt? Wie wären wohl die gemeinsamen Spaziergänge gewesen. Ich war mir sicher, dass sie sich sehr an den Beiden gefreut hätte. Mit Simson und Levi begann ich tagtäglich durch die Trauer hindurch zu spazieren: manchmal war ich dabei in innere Zwiegespräche mit meiner verstorbenen Freundin vertieft, manchmal äusserte ich anklagende Vorwürfe gegenüber Gott und manchmal nur lächelnd die frische Regenluft einatmend.

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Reflexion

Diese Phase meiner Trauerverarbeitung ist sehr spezifisch und sicherlich nicht übertragbar. Manchmal sind es ungeplante und intuitive Ereignisse und Entscheidungen, welche das Leben auf den Kopf stellen, und gerade dadurch die Trauerspirale auch aufzubrechen vermögen. Mitten in den Tiefen der Trauer zeigen sich aber immer mal wieder so Lebensfäden, manchmal können sie ergriffen werden und bringen entscheidende Veränderungen. In meinem Fall veränderte sich durch die Hunde die Tagesstruktur. Mein Fokus und meine Energie wurden umgelenkt und richteten sich jetzt auf die Erziehung der zwei Rabauken. Zudem traten ganz neue Beziehungen in mein Leben. Da wo Angelika eine grosse Lücke hinterlassen hatte, sprangen zwei Hunde ein. Sie konnten Angelika nicht ersetzen, sie waren ihr in keiner Weise gleich. Dennoch vermochten sie die Leere mit Leben zu füllen. Durch die Hunde lernte ich zudem neue Menschen kennen und so bildeten sich auf Spaziergängen neue Freundschaften. Zu diesen Faktoren kam noch ein weiterer entscheidender hinzu: Bewegung an der frischen Luft. Ich wurde richtig sportlich und bewegte mich nun täglich in der Natur. Schlussendlich mögen diese Dinge vielleicht radikal, vielleicht auch banal klingen: aber Veränderung der gewohnten Strukturen, Beziehungen und Bewegung können auch in komplexen Trauerprozessen neue Perspektiven bieten – in meinem Fall geschah dies durch meine beiden Hunde.