Kontext und Fremdheit

Nach sieben Wochen Forschungs- und Studienzeit in Claremont bewegen mich tausend Fragen – nicht so sehr die Antworten. Zu Beginn war das Campus-Leben in meinem kleinen Apartment gewöhnungsbedürftig. Allerdings kann ich nicht verneinen, dass so ein „monastisches“ Leben in einer kleinen „Kartause“ auch seine Vorteile hat. Es fällt leichter sich auf die Forschung zu konzentrieren und fokussiert zu bleiben. Dafür kommt der Spass, das Spiel und das Kreative etwas zu kurz.

Was jedoch täglich eine neue Überraschung in sich birgt sind die unzähligen vielfältigen Begegnungen mit Menschen. Wie spricht man über Gott, wenn in einem praktisch theologischen Seminar vier verschiedene Religionen vertreten sind? Wie über Gottesdienst? Welche Praxis ist wann angebracht? Welche Sprache sprechen die Anderen, welche ich und wo findet Verständigung wirklich statt? Mehr denn je erlebe ich, wie kontextuell Theologie, Glaubenserfahrung (und die Interpretation davon), Glaubenssätze und „vermeintlich Selbstverständliches“ ist. Weder feministische noch eine andere Theologie wird dem Erleben einer dunkelhäutigen Frau gerecht – so lese ich nun „Womanist Theology“ um mich ein wenig an dieses Erleben anzunähern und  ein bisschen mehr zu verstehen. Auszüge aus der Bhagavad Gita helfen mir meine zierliche indische Banknachbarin kennen zu lernen.

Wenn ich nun aber ehrlich bin ist hier das Andere, das Fremde nur offensichtlicher. Wie oft meine ich in der Schweiz die Lebens- oder Glaubenserfahrung einer anderen Person zu kennen? Wie oft habe ich mich durch das vermeintliche Verständnis anderer unverstanden gefühlt? Und um diesen Gedankengang noch fortzuführen: wie häufig wäre ich gerne aus einer Kirche hinausgelaufen, weil ich als Frau, oder ich als Person mit meiner eigenen Erfahrens-Weise, oder ich als Theologin mit meiner Theologie keinen Platz habe? Aus Anstand bin ich  zu häufig sitzen geblieben – zu selten gegangen. Wenn es aber mir als Pfarrerin so ergeht – wie wird es wohl für all die unzähligen „kirchenfernen“ Menschen sein? Warum sind sie wohl kirchenfern, wenn nicht darum, weil ihr Leben, ihr Erleben und ihre religiösen Erfahrung fern der Kirche auf mehr Raum und Verständnis stossen als in ihr.

Ich hoffe das Fremde hier in Claremont hilft mir die Wahrnehmung für unser Fremdes zu schärfen. Ich hoffe, dass die Erfahrung der eigenen Fremdheit dazu dient Platz für Fremdes in den Kirchen zu schaffen.  Und ich hoffe, dass ich das nächste Mal den Mut habe und nicht sitzen bleibe.

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