Feed your Soul

Immer wenn ich als Flaneurin in London unterwegs bin begegne ich unzähligen Angeboten, wie meine hungrige Seele genährt werden kann. Die simpelste und unkomplizierteste Möglichkeit habe ich heute bei Stax gefunden. Etwas misstrauisch näherte ich mich dem Schild „Feed your soul“. „Muss ich da wohl Yoga-Verrenkungen machen, meditieren oder mich intensiv mit mir auseinandersetzen? Was braucht es wohl um meine Seele zu füttern?“ Diese und weitere Gedanken gingen mir durch den Kopf während der wenigen Schritte bis zum Schild. Da angekommen schauten mich die anderen Passantinnen etwas komisch an, als ich laut zu lachen begann. „So einfach ist es also meine Seele zu nähren“, dachte ich. Das Rätsel war geklärt und alles was es braucht war eine Entscheidung von mir. Wow, sogar vegetarische Varianten gibt es bei Stax um meine Seele zu füttern. Die Seele füttern geht bei Stax durch den Magen und kann mit Hamburger, Fries, Grilled Chicken und Sundaes vollzogen werden. Ich als reformierte Theologin kann beruhigt aufatmen und das Bibelwort: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ zitieren. Doch während ich so weiter durch die menschengefüllte Carnaby-Street ziehe lässt mich Stax doch nicht mehr ganz los. Wie kommt ein Restaurant dazu ihr Essen als Nahrung für die Seele zu verkaufen? Warum zieht das? Und egal ob mir das passt oder nicht – es zieht die Menschen an. Wie viel hat die Nahrung für den Körper nun doch mit der Nahrung für die Seele zu tun? Wie viel davon sind bloss vermeintliche Versprechen, die mich nach drei Stunden wieder hungrig zurück lassen?

Vielleicht würde ich besser Bibelstellen zitieren, in denen der Körper als Tempel beschrieben wird, oder mehr auf das hebräische ganzheitliche Verständnis von Körper, Seele und Geist fokussieren? Unabhängig davon, ob es mir passt oder nicht, der Körper ist das einzige Zuhause, das meine oder deine Seele hat. Geht es dem Körper schlecht hat das Einfluss auf die Psyche, geht es der Psyche schlecht, hat das Einfluss auf die Seele.

Der postmoderne Mensch weiss das wohl intuitiv. Er fragt nämlich nicht so sehr danach, was nun wirklich die Wahrheit ist, sondern danach was funktioniert. Was hilft ihr oder ihm das Leben sinnvoll zu gestalten? Welche Erfahrungen sind insofern sinngebend, als dass sie die fragmentierte Identität stärken? Nach diesen Erfahrungen strebt der Mensch heute, mit diesen Erfahrungen assoziiert er auch Spiritualität oder Religion. Und sobald wir von Erfahrungen sprechen, sind wir auch wieder beim Anfang, bei Stax, angelangt. Erleben und erfahren können wir Menschen die Welt nur körperlich. Alle Erfahrungen sind verkörperte Erfahrungen, betreffen uns als Ganzes. Nicht umsonst umschreiben interviewte Menschen in meinem neuen Forschungsprojekt ihre religiöse Erfahrung mit Körpermetaphern. Welche Erfahrung nun aber wirkliche Nahrung für den ganzen Menschen ist und welche einem nach 3 Stunden hungrig zurücklässt, das ist nicht so einfach festzustellen und häufig auch individuell geprägt. Hierin braucht es theologisch gesprochen eine neue Form der Unterscheidung der Geister, eine neue Such- und Entdeckungsbewegung zusammen mit den Menschen. Es braucht Austausch und offene Ohren die zuhören möchten, wenn die eigene Lebensgeschichte narrativ rekonstruiert wird. Es braucht Erfahrungsräume in denen Menschen sinngebende Erfahrungen miteinander und dem Heiligen machen können. Was wäre wenn…

….Exegesefähigkeiten, welche das reale Leben und christliche Tradition relevant in Beziehung bringen, gefördert werden würden?

….Tabus bezüglich der eigenen religiösen Erlebnisse und Auffassungen  langsam aufgebrochen werden?

….Theologische und religiöse Sprachfähigkeit von Laien gefördert werden würde?

Hier sind wir als Theologinnen und Theologen vielleicht ganz neu gefordert und herausgefordert. Wir haben das theoretische Fundament und (hoffentlich) auch die eigene religiöse Erfahrung um den Menschen in diesem Prozess Werkzeuge zu geben und uns als Begleiterinnen und Begleiter auf ihre Erfahrungswelt einzulassen. Nicht im Sinne eines allmächtigen besserwisserischen Gegenübers, sondern als Dialogpartnerin, welche selbst mitten im Entdeckungsprozess steckt, wie sie ihre Seele nähren kann.

  2 comments for “Feed your Soul

  1. christian Dubach
    24. April 2017 um 11:06

    Ist die Psyche hungrig, reagiert er Körper mit Schmerzen. Diese gehen bis zur Abwesenheit.
    Danke und lieben Gruss
    Chrigel

  2. Uwe John
    20. April 2016 um 14:30

    Interessante Gedanken. Was ein Werbeslogan ist, kann auch auf einer tieferen Ebene angesehen werden. Unser ganzes Menschsein, also auch unsere religiösen Erfahrungen lassen sich nicht von unserer Körperlichkeit trennen. Nicht umsonst sagt Genesis 2, 7 von einer lebendigen Seele (nephesch), die ich sehr ganzheitlich verstehe. Von daher: auch der Genuss eines guten (hoffentlich gesunden) Essens hat mit der Seele zu tun.
    Im übrigen dachte ich bei der Verbindung STAX und Soul zunächst an etwas ganz anderes. STAX war eine der bedeutendsten Plattenfirmen für afro-amerikanischen Soul der 60’er . Ob die Werbeleute fürs Restaurant das wussten und damit spielten?

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