totsächlich #4 Die Hiobsbotschaft

Kaum je hat sich etwas so in mein Gedächtnis eingebrannt wie der 16. August 2006. Als hätte jemand ein glühendes Brandeisen genommen und mir die Abendstunden des 16. Augusts in mein Hirn gebrannt, blieben alle Details haften: der Sonnenuntergang im Bryce Canyon, das lachende Gesicht meines Partners, das Staunen über das Naturspektakel, die Farben, Forme und Gerüche, der verpasste Anruf von Angelika auf meinem Handy…

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Bryce Canyon, 16. August 2006

Beunruhigt machte ich mich auf den Weg zum Motel. Das war ungewöhnlich, was hatte sie wohl? Ich versuchte sie zu erreichen, über Stunden nahm niemand das Telefon ab. Zittrig, nervös und beunruhigt tippte ich immer wieder ihre Nummer ins Handy – einfach um sicher zu sein, dass sie richtig ist. Bis es endlich in der Leitung knackte und eine Stimme zu hören war. „Das ist aber nicht Angelika“, schoss es mir durch den Kopf. Nein, es war ihre Schwester, welche sofort das Telefon ihrem Vater aushändigte. Augenblicklich begann mein Herz zu rasen, und meine Hände waren schweissnass.

Angelikas Vater teilte mit, dass Angelika tot ist.

Sonnenuntergang, Naturschauspiel, tot, Bryce Canyon, tot, Übelkeit, das dunkle Hotelzimmer, alles drehte sich nur noch. Mir verschlug es den Atem, die Sprache und für die nächsten Jahre auch das Leben. Wo war noch Boden, wo die Zimmerdecke? Der Spiegel am Hotelschrank raste an mir vorbei, kreiste um mich. Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten, war aufgelöst und gleichzeitig senkte sich eine dicke graue Wolke auf mich herab, hüllte mich in eine versteinerte Gelassenheit ein.

 

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Der Schrei, Edvard Munch

Ich wollte wissen was passiert war, ihr Vater zögerte, wollte nicht sprechen. Eigentlich hatte mich Angelikas Familie angerufen, weil sie von mir wissen wollten, wie denn die Tochter und Schwester bestattet werden wollte. Darüber konnte ich Auskunft geben, war doch der Tod immer wieder Gesprächsthema.

Immer und immer wieder wiederholte ich am Telefon, dass sie sich nicht umgebracht haben könne: „Sie hat es mir doch versprochen, sie bleibt am Leben!“ Doch um die Todesursache genau festzustellen, musste die Obduktion abgewartet werden. Die inneren Zwiegespräche in diesen Tagen, da der Obduktionsbericht abgewartet werden musste, sind mir noch total präsent. In aller Trauer wünschte ich mir doch so sehr, dass sie durch eine natürliche Todesursache gestorben ist. Herzversagen? Oder was könnte es mit 26 sonst noch für Gründe für einen plötzlichen Tod geben? Verzweifelt hoffte ich, dass es kein Suizid war. Verzweifelt rang ich mit dem inneren Wissen, dass es doch so sein wird. Aber eine Selbsttötung, das durfte nicht sein! Nicht dieser Verrat an sich selbst, an mir, am Leben, der Zukunft und den vielen gemeinsamen Plänen und Ideen. Nicht vom Opfer zur Selbst-Täterin werden!

Schlussendlich brachte ich Angelikas Vater zum Reden, ein paar Tage später, nach der Obduktion. Mehr als 120 Tabletten hat Angelika geschluckt. Sie wollte wohl auf Nummer sichergehen…

Eine Tatsache lässt mich bis heute an der Endgültigkeit dieser Entscheidung zweifeln. Angelika nahm die Tabletten im Wissen darum, dass sie eigentlich 30 Minuten später mit einer vertrauten Person abgemacht hatte. Angelika tauchte nicht auf und niemand wunderte sich!?! Oder erst zu spät, am nächsten Morgen nämlich.

An die Tage und Wochen, die auf die Nachricht des Suizids meiner engsten Vertrauten und Freundin folgten, habe ich wenig Erinnerung. Ich fühlte nichts mehr, huschte wie ein Geist fremd auf der Erde herum. Alles verstummte, kein Vogel war mehr zu hören, der Nebel senkte sich auf mich, packte mich ein, bis ich nichts mehr sah und nichts mehr fühlte. Meine Klagen richteten sich ab und zu an Gott: „Gott ist das wahr? Gott, wie konntest du das zulassen?“ War sie tot, lebte sie, was war die Realität?

 

Tipps und Reflexionen

Diese erste Phase der Trauer wird in der Fachliteratur häufig mit Schock oder Leugnen beschrieben. Dem kann ich nur zustimmen und gar nicht viel hinzufügen. Der Schock war so gross, dass ich nicht anders konnte, als zu erstarren und darauf zu beharren, dass Angelika noch lebte. Rückblickend denke ich, dass diese Phase wichtig war, ohne dieses emotionale „Shutdown“ hätte ich die Situation nicht ausgehalten. Unser menschliches System hat hier einen automatischen Schutzmechanismus eingebaut, der in der ersten Zeit der Trauer sinnvoll ist. Ich brauchte Wochen bis ich mich ganz langsam aus diesem Zustand lösen konnte. Andere brauchen Stunden, Tage oder Monate. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass die betroffene Person IHRE Zeit bekommen. Jede Person reagiert anders und meist (sonst Hilfe suchen!) wird diese Hiobsphase nach und nach überwunden. In unserer schnelllebigen Gesellschaft darf schon das „Verleugnen“ und der der „Schock“ kaum mehr sein. Aber unserer Psyche passt sich da nicht einfach dem „pace“ der Zeit an.

 

 

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