totsächlich #7 Die Reise geht weiter, das Leben bleibt stehen

Eigentlich wollten mein Mann und ich unsere Hochzeitsreise in den USA fortsetzen. Noch blieben uns ja eigentlich zwei Monate Reisezeit. Doch nach Angelikas Tod blieb etwas in mir stehen. Das dauernde Unterwegssein und der innere Stillstand waren Gegensätze, die nicht auszuhalten waren. Es war mir unmöglich, jeden Abend an einem anderen Ort und in einem anderen Bett einzuschlafen. Angst quälte mich, Trauer und Wut übermannten mich immer und immer wieder. Mein Mann konnte mich keinen Moment alleine lassen, ohne dass ich nicht in der Verzweiflung zu versinken drohte. Angelikas Suizid stellte auch mein Leben zutiefst in Frage.

So entschieden wir uns, quer durch die Vereinigten Staaten, zu guten Freunden zu fahren. In zwei Tagen machten wir mehr als 3000 Kilometer bis wir endlich in Dallas Texas angekommen waren. Die Freude darüber, meine Freunde wiederzusehen, war gross, die innere Erstarrung und Leere jedoch grösser. Wie ein Zombie bewegte ich mich durch die Tage. Der Schmerz war kaum erträglich trotz der Annahme und Liebe unserer Freunde. Ich quälte mich am Morgen aus dem Bett, nur um mich durch den Tag zu schleppen und am Abend wach im Bett zu liegen und an die Decke zu glotzen. Ich starrte durch Shoppingzentren, Museen, Restaurants, die Innenstadt von Dallas und durch die Menschen hindurch. Die innere Erstarrung äusserte sich im starren Blick. Ich unterhielt mich mit meinen Freunden, spielte mit ihren Kindern, lächelte und versuchte eine fröhliche Maske aufrechtzuerhalten. Aber eigentlich zog alles an mir vorbei, nichts konnte mich mehr berühren und erfreuen. Etwas Erleichterung verschaffte mir der Sport. Ich rannte durch die Strassen der kleinen Vorstadt von Dallas, besuchte täglich für mehrere Stunden das Fitnesscenter. So spürte ich wenigsten etwas, wenn auch nur meine Muskeln, und konnte ab und zu vor Erschöpfung einschlafen. Mein Mann machte das exzessive Sportprogramm mit und blieb an meiner Seite. Aus meinem erstarrten sportbesessenen Zustand rissen mich nur die E-Mails, Telefonate und SMS von verwirrten Freunden. Sie alle wollten wissen, was mit Angelika passiert ist. Die meisten hatten an der Beerdigung teilgenommen, verliessen aber das „grosse Schweigen“ verwirrt und bedrückt. Sie kamen mit ihren Fragen zu mir und wollten Klarheit über die Todesursache haben. Ich konnte ihnen die nötigen Informationen geben. Doch mit jedem Mail, jedem Anruf und mit jeder Frage wuchs die Wut und Empörung in mir. Das Schweigen darüber, dass Angelika sich selbst getötet hatte, kam einem Verrat am Leben und am Sterben meiner Freundin gleich. Ich kochte vor Wut nur um gleich wieder „einzufrieren“.

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Viel mehr blieb mir von dieser Zeit nicht in Erinnerung. Doch nach etwas mehr als einem Monat hatte sich meine Angst so weit gelegt, dass wir entschieden weiterzureisen. Wir durchquerten Texas, fuhren nach New Orleans und dann immer nordwärts dem Mississippi entlang. Doch mit der Weiterreise kam auch die Rückreise in die Schweiz immer näher. Dunkle stürmische Wolken bauten sich vor meinem inneren Auge auf, wenn ich an die Schweiz dachte. Meinem Tagebuch vertraute ich folgende Worte an: «Ich habe das Gefühl, dass zu Hause in der Schweiz lauter Wolken und Regen warten, dass dort ein riesen Sturm auf mich zukommen wird. Ich weiss nicht, wie ich diesem standhalten soll. Wie soll mein Alltag, das Studium, mein Leben weitergehen…?»

 

Reflexion

In der ersten Zeit fühlte es sich so an, als würde alles auseinanderfallen. Viele Momente, Stunden und Tage waren kaum aushaltbar. Alles schien haltlos, liquide und zugleich starr. In dieser Situation war es mir unmöglich weiterzureisen, es wäre aber wahrscheinlich auch nicht sinnvoll gewesen. Hilfreich in dieser Situation waren kleine Anker und Anhaltspunkte. Für mich war das der tägliche Sport. Da konnte ich meine Unruhe und nervöse Energie loswerden, da konnte ich mich wenigsten ein wenig spüren. Ein grosser Anker war da auch mein Mann. Er stand zwar der Situation selber hilflos und wortlos gegenüber, aber er war da und blieb an meiner Seite. Manchmal musste ich alleine sein, um meine Gedanken zu ordnen. Doch häufig führte das in dieser Situation noch zu einer Überforderung. Menschen um mich herum zu haben, die mich manchmal mit nervigen Banalitäten ablenkten, war hilfreich. Noch besser wäre es gewesen, wenn ich mit meiner Verzweiflung und Trauer einfach mich hätte sein können und diese Gefühle hätte zeigen dürfen. Teilweise war das möglich, sicher gegenüber meinem Mann. Doch häufig ging ich mit einer lachenden Maske durch den Tag, was enorm energiezehrend war. Die Momente, in denen ich einfach (mich) sein durfte und mit all dem ausgehalten wurde, waren wohl die hilfreichsten. Viele Menschen fühlen sich sehr unsicher im Umgang mit Personen, welche von einem Suizid betroffen sind. Sie wissen nicht, was sie sagen oder wie sie mit den Trauernden umgehen sollen. So halten sie sich lieber von diesen fern. Eine junge Frau hat mir erzählt, wie Bekannte nach dem Suizid ihrer Schwester die Strassenseite wechselten, nur um ihr nicht begegnen zu müssen. Hilfreich für die Trauernde ist dieses Verhalten nicht. Persönlich habe ich erlebt, dass da, wo ich mit meiner Verzweiflung „ausgehalten“ wurde und einfach sein durfte, häufig ohne viel zu sprechen, da konnte ich etwas aufatmen, da wiederfuhr mir Trost.

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