totsächlich #10 Aus meinem Tagebuch – 29. Oktober 2006

In diesem Beitrag lasse ich einen meiner Tagebucheinträge unzensiert für sich sprechen. Das Ringen mit Gott, das Gedankenschwirren, die Sehnsucht nach meiner Freundin und das Gefühlschaos nach dem Suizid eines geliebten Menschen treten darin „ungeschminkt“ zu Tage:

„Es tut mir so weh, dass Angelika nicht mehr hier ist. Alles erinnert mich an sie, mein Tag ist angefüllt mit Erinnerungen und Gedanken an sie. Egal wohin ich schaue, kommt mein Blick doch wieder zurück auf unsere Freundschaft. Eigentlich möchte ich den ganzen Tag nur schreien, zu dir rufen, das Ganze ungeschehen machen. Ja mein Leben ist voller Erinnerungen, voll Leben von dir, und du bist nicht mehr hier, bist gegangen, freiwillig, ohne dich zu verabschieden.Wie kann mein Leben voll von Leben von dir sein, obwohl du tot bist? Warum? Immer und immer wieder stelle ich diese Frage.

Ich würde so gerne mit dir hier sitzen, einen Kaffee trinken, reden, lachen oder dich einfach umarmen.

Ich weiss, dass ich diese Art von Freundschaft, die wir hatten, nie mehr haben werde. Du bist gegangen, hast mich zurückgelassen. Ich muss mit dieser Tatsache leben. Ja du hast richtig gehört, ich muss damit leben und irgendwann, wenn meine von Gott bestimmte Zeit gekommen ist, muss ich auch damit sterben. Doch ich werde mich freuen, dich wieder zu sehen, Zeit mit dir zu haben, die wir jetzt hier auf Erden nicht mehr haben. Doch auch diese Vorfreude hilft mir nicht über meinen Schmerz und meine Einsamkeit hinweg.

Ach wärst du doch hier, ich habe so viele Ideen…nun fliegen sie im Herbstwind dahin. Haben keine Person mehr, wo sie ankommen können, wo sie träumen können. Warum hast du alles hingeschmissen? Auch unsere Freundschaft?

Ich fühle mich alleine, so alleine und sehne mich nach dir. Nach deinem Lachen und nach deiner sensiblen Art, nach den stundenlangen Gesprächen mit dir, dem gemeinsamen Lernen, ich sehne mich auch nach unseren sarkastischen Gesprächen. Du bist gegangen. Ich muss es einfach akzeptieren, kann nichts dagegen tun. Unsere Freundschaft war mir so wichtig, du warst mir so wichtig. Warum?

Ich hoffe du bist geborgen, in den Armen Gottes getröstet. Ich hoffe alle deine Tränen sind abgewischt und du kannst leben und lieben ohne Verletzungen.

Auch wenn unsere Freundschaft dich nicht hier halten konnte, die Sehnsucht nach dem Tod, vielleicht auch nach dem Reich Gottes, grösser war, als der Lebenswille, hoffe ich von ganzem Herzen, dass ich dir durch unsere Freundschaft zeigen konnte, wie liebenswert und wertvoll du bist.

Ich kann nicht anders als weinen – und selbst das scheint nicht zu genügen, ich muss mein Schreien unterdrücken, obwohl dies viel mehr meinen Schmerz ausdrücken würde. Wie sonst kann ich der Traurigkeit Luft machen, und den Schmerz ertragbar? Ich weiss es nicht und ich kann es nicht. Ich fühle mich untröstlich und verzweifelt.

 Gott, das Leben geht weiter und ich scheine still zu stehen. Zweieinhalb Monate ist es schon her seit dem Suizid, zweieinhalb Monate und meine Empfindung sagt, dass es doch erst wenige Tage sind. Ich habe nicht das Gefühl, dass du schon seit zweieinhalb Monaten tot bist. Nein es ist erst vor kurzem passiert. Manchmal habe ich noch das Gefühl nach dir greifen zu können. Du bist noch da, du bist doch noch so anwesend und gegenwärtig in meinem täglichen Leben, ich warte darauf dich endlich treffen zu können und doch wird es kein Treffen hier auf Erden mehr geben. In meinem Kopf weiss ich das, ich weiss, dass du gegangen bist…aber ich kann nicht, ich will nicht.

Eine Kerze brennt auf dem Tisch, es dunkelt schon langsam ein, obwohl es erst 18.15 Uhr ist. Ich bin alleine, immer noch, habe gehofft Andi oder Andrea kommen bald nach Hause. Doch niemand ist hier und es ist still – ganz still. Doch hier brennt diese Kerze, hell. Christus ist das Licht, das in der Finsternis scheint und keine Finsternis kann es auslöschen. So durch diese Augen betrachte ich Kerzen immer wieder. Mit der Gewissheit vom Licht Gottes, das auch im tiefsten Schmerz und in der Verzweiflung leuchtet und Wärme geben kann.

Das Licht nimmt meinen Schmerz nicht weg, bringt mein Weinen und inneres Schreien nicht zum Verstummen, (momentan noch nicht) doch es brennt, mit der ganzen Kraft der Hoffnung. Auf was könnte ich hoffen, ausser auf dich mein Gott?“

 Reflexion

Ich wollte diesen Tagebucheintrag so stehen lassen. Meine innere Zerrissenheit, der Kampf mit der Realität, der Schmerz und das Nichtwahrhabenwollen kommt darin zum Ausdruck. Dies zeigt sich beispielsweise in der Sprache, von Satz zu Satz gibt es Wechsel. Einmal wird Angelika direkt angesprochen, dann wieder sind die Worte in die Leere gesprochen und im nächsten Satz wird Gott als Gegenüber angesprochen. Emotionen und Gedanken fuhren in dieser Zeit auf einem Karussell mit, das viel zu schnell drehte. Auf das Eine Gefühl folgte der nächste Gedanke, auf Glaube Sehnsucht. Doch immer wieder steht der unglaubliche Schmerz über den Verlust und die verlorenen Träume im Vordergrund. Ich habe so selbst erfahren und gelernt, dass Hinterbliebene nicht nur mit dem Schmerz des Verlustes klarkommen müssen, sondern auch mit dem Gefühl existentiell abgewiesen und zurückgestossen worden zu sein. Der Freundschaft, allen Plänen und Hoffnungen wurde eine frei gewählte Absage erteilt (soweit ein Suizid wirklich frei gewählt ist). So bleibt nebst der Trauer das Gefühl tiefer Verlassenheit und Zurückweisung zurück.

 

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