# 12 Von der Uni in den Kuhstall

Wie im Beitrag zuvor beschrieben, war es mir nach Angelikas Suizid nicht mehr möglich das Theologiestudium wieder aufzunehmen. Ich kehrte zu meiner existenzsichernde Arbeit als Lehrerin zurück, dies aber nur zu 40% – die anderen 60% Studienzeit blieben leer und unausgefüllt. Zurück in der Schweiz merkte ich nach sechs Wochen, dass ich auf keinen Fall einfach zu Hause sitzen darf, denn täglich überflutete mich die Verzweiflung. Dadurch, dass ich lange mit einer Agronomin in einer WG zusammen gelebt und so viel über die Schweizer Landwirtschaft mitbekommen hatte, wuchs in mir die Idee auf einen Bauernhof zu gehen. Ich liebte Tiere, war zwar klein und fein doch war mir körperliche Arbeit nicht zuwider und ich war gerne draussen. So meldete ich mich bei einem Bauern, den ich kannte, und bot ihm meine Hilfe an. Freudig ging er auf mein Angebot ein und so arbeitete ich von da an 3-4 Tage pro Woche auf dem Bauernhof. Ich tauchte in eine ganz andere Welt ein. So putzte ich Kartoffeln, fegte den Stall, sammelte Abfall auf den Weiden, verpackte Fleisch und Eier, fällte Bäume, schlug Wände ein, baute den Dachstock um und hackte Holz. Jeden Mittag ass ich mit der Bauernfamilie die grossen Kochtöpfe leer. Diese Art der Arbeit machte hungrig! Der Appetit kam zurück und wer 10 Stunden pro Tag auf einem Bauernhof arbeitet schläft auch in der Nacht wieder besser. Die Arbeit auf dem Hof war streng, tat mir aber sehr gut. Besonders gerne verarbeitete ich die Baumstämme zu Brennholz. Manchmal arbeitete ich so lange, bis ich alle Wut rausgelassen hatte. So kam es ab und zu dazu, dass ich am Abend mehr als drei Tonnen Holz herumgetragen und verarbeitet hatte. Ich lernte die heilende Wirkung von Holzhacken und körperlicher Arbeit kennen. Meine Wut und Trauer fanden dann Ausdruck, wenn ich alleine auf dem Feld oder im Wald arbeitete. Die existentielle Abhängigkeit von der Natur, welche mir auf dem Bauernhof bewusst wurde, tat mir gut. Nur wo gepflügt wird, kann gesät werden, nur wo gepflegt wird, gibt es eine Ernte. Vieles was ich auf dem Bauernhof ass und trank wurde direkt dort erzeugt, es war eine Frucht der Arbeit, an der ich beteiligt war. Den Most den wir tranken hatten wir zuvor hergestellt, das Fleisch das wir verpackten kam vom Rind vom Hof (auch wenn ich es nicht ass), usw. Leben und Tod schienen auf dem Bauernhof näher, natürlicher und so verlor Angelikas Suizid zumindest ein kleines Bisschen von seiner Unnatürlichkeit.

 

Reflexion

Gerade wenn man von einem Suizid so direkt betroffen ist und mitten in der Trauer steckt ist es schwierig überhaupt etwas zu machen oder sich für etwas zu begeistern. In den ersten Wochen sass ich viel alleine zu Hause und versank in der Trauer. Doch meine Vernunft sagte mir damals, dass dies keine längerfristige Lösung ist. Woher ich die Kraft hatte um mir eine Arbeit auf einem Hof zu suchen, weiss ich nicht mehr. Aber es war eine gute Entscheidung. Ich verdiente zwar nichts, lernte aber viel. Durch die Arbeit auf dem Hof musste ich meine Isolation verlassen und war nun täglich mit Menschen zusammen. Körperliche Arbeit tat mir psychisch und physisch gut. Ich lernte wie existentiell Zusammenarbeit sein kann, wenn z.B. ein Dachstock renoviert oder ein Baum gefällt wird. Ich lernte, dass unser menschlicher Körper viel mehr an Arbeit leisten kann, als man denkt. Ich war auf dem Hof nicht immer aufgestellt, es ging mir häufig nicht gut, doch das war ok. Ich arbeitete und die anderen auch. Wir assen gemeinsam und liessen uns leben – ohne allzu grosse Erwartungen. Sicher ist die Arbeit auf einem Bauernhof nicht für alle Trauernden die geeignete Möglichkeit um sich langsam wieder auf den Lebensweg zu begeben. Aber vielleicht sind es andere sinnstiftende und sinnvolle Tätigkeiten. Eine Pilgerreise? Mitarbeit im Tierschutz? Oder anderweitige soziale und/oder physische Aktivitäten?

3 Gedanken zu „# 12 Von der Uni in den Kuhstall

  1. Verstehe dich total. Für dich ist es der beste und einzige Weg.
    Lebe über 50 Jahre in einer Ehe wie Bruder und Schwester
    Bin fast täglich im Wald am holzen. Brennholz und Nutzholz.
    Das erhält mich am Leben. Alles was ihr tut, tut es für den Herrn.
    Chrigel

    1. Lieber Chrigel, merci für deine Rückmeldung – holzen hat was und draussen sein, mehr als man manchmal in Worte fassen kann. Viel Kraft dir und herzliche Grüsse, Sabrina

      1. Liebe Sabrina
        Am Mittag fällte ich eine 25m lange Esche. Der Baum ist in Stücke geschnitten und bei mir am Lager. Jetzt komme ich vom Sedermal der HA Wth. nach Hause. Mag sich der Sturm und die Wellen um dein Schiff beruhigen und du wieder festen Boden und gute Erdung an Land unter den Füssen spüren.
        Mit lieben Grüssen
        Chrigel

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