totsächlich #14 Die Todessehnsucht

Leben und Tod suchen sich, bedingen sich.

Tanzend im Spiel der Gezeiten,

ringend um vergehen oder sein.

Hoffnung schreitet selbstüberzeugt daher, und schon wieder dahin.

Weggetragen vom Wind, verweht durch die Flügel des Sturms.

Was bleibt sind Fragen, Suchen und Irren, Sackgassen und Brücken,

Sehnsucht nach Unendlichkeit.

 

Angelikas Tod hinterliess nicht nur eine klaffende Wunde in mir, sondern er stellte mein Leben selbst in Frage. Auf die Frage, wie ich ohne Angelika existieren sollte, wusste ich keine Antwort. Immer wieder verlor ich mich in der Trauer und Verzweiflung bis zu dem Punkt, wo ich selber nicht mehr Leben wollte. Orientierungslos fühlte ich mich mal vom Leben mal vom Tod angezogen, vom Wind getrieben, hin und her. Meine Sehnsucht nach meiner Freundin wuchs und mit ihr die Sehnsucht selbst tot zu sein. Das sollte und durfte aber niemand wissen ausser mein Tagebuch, dem vertraute ich gleich nach dem Jahreswechsel am 2. Januar 2007 folgendes an: «Heute bin ich niemandem zumutbar. Ich will einfach verschwinden, mich in Luft auflösen und nicht mehr sein. Nicht mehr atmen, nicht mehr Leben, nicht mehr ertragen. Fort sein, um nicht mehr zu sein. Ich halte es nicht mehr aus, ich kann nicht mehr, ich schaffe es nicht mehr. Ich sehne mich nach einem Paradies, nach einem schmerzfreien Ort, oder einfach danach inexistent zu sein. Alles fällt mir schwer, schlafen ist mir näher als Leben. Dauernd möchte ich vom wachen Zustand fliehen, um das Wachsein und die Trauer nicht ertragen zu müssen. Machtlos fühle ich mich dieser Unlust am Leben ausgeliefert.»

Ich rang mit mir und meinem Leben im Stillen und Geheimen. Niemand durfte das wissen, niemand sprach mich darauf an. Zum einen erlebte ich ja gerade am eigenen Leibe mit, wie schmerzvoll, schwierig und überwältigend der Suizid einer geliebten Person sein kann. Das konnte, das durfte ich doch niemandem antun. Ich wollte meinen Partner und die Menschen meines Vertrauens nicht in die gleiche Situation bringen, in der ich steckte. Und doch… meine Todessehnsucht war da. Sie liess sich nicht ignorieren, ich konnte sie mir nicht aus- und auch nicht kleinreden.

Was meine suizidalen Gedanken noch verstärkte waren aber diese verdammten Schuldgefühle. Die Trauer drohte mich immer wieder zu ersticken, doch die Schuldgefühle die machten mich aggressiv – autoaggressiv. Ich hasste mich dafür, dass Angelika sich das Leben genommen hatte. Immer wieder stellte ich mir die Frage, was ich hätte tun können, um ihren Tod zu verhindern? Ich war der Überzeugung, dass ich als Freundin versagt hatte und dass sie deshalb nun tot ist. Mit diesen Schuldgefühlen zu leben war schwierig, fast unerträglich. Und so lebte ich Tag für Tag mit dem Wunsch tot zu sein. Still nach aussen und innerlich Ringkämpfe ausfechtend, denn ich wollte meinen Partner und meine Freundinnen und Freunde nicht in die gleiche Trauersituation bringen, wie ich selbst drin steckte. ABER: Wenn ich tot bin wäre alles so einfach, alles könnte mir dann egal sein. Ich wäre zu Hause, „where my friends are“.

Lied: Home von Deep Blue Something

Reflexion

Nicht umsonst wird immer wieder darauf hingewiesen, dass das Selbsttötungsrisiko für nahestehende Hinterbliebene eines Suizides beachtlich ansteigen kann. Durch den Verlust wird viel vom bisherigen Leben in Frage gestellt, so dass das Leben der Trauernden plötzlich selbst an Sinn verlieren kann. Warum noch sein, wenn ein Teil des Lebensinhaltes fehlt? Zudem gesellen sich zum Sinnverlust auch Schuld, Scham, Isolation und ein tiefes Gefühl der Verlassenheit. Ein Suizid scheint da ein geeigneter Ausweg aus der eigenen Trauer und dem Gefühlschaos zu sein. Ferner wird durch die Selbsttötung einer nahestehenden Person die Hemmschwelle für einen eigenen Suizid gesenkt. „Suizide, welche weitere nach sich ziehen“ haben eine lange Tradition, so wurde, dieser Vorwurf schon gegenüber Goethes „Leiden des jungen Werthers“ erhoben. Aufsuchende kirchliche Seelsorge, Integration statt Isolation, ansprechen statt schweigen, vernetzend und tröstend anwesend sein, das wäre eine Aufgabe, welche glaubende Menschen und Kirchen in der Gesellschaft übernehmen könnten. In einer Weise, in welcher der Zuspruch des Evangeliums nicht nur hörbar, sondern erlebbar wird: «Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst» (Joh 1,6). Ich habe das als Betroffene von kirchlicher Seite her nicht erlebt. Dennoch sehe ich ein Potenzial darin, dass „christliche Gemeinschaft“ bei der Nachbearbeitung eines Suizids eine tragende Rolle spielen und so einen wichtigen Beitrag zur Suizidprävention leisten kann.

 

Für weitere Informationen zur Suizid Nachsorge als Suizid Prävention vgl. z.B. Regina T. P. Aguirre & Holli Slater (2010) Suicide Postvention as Suicide Prevention: Improvement and Expansion in the United States, Death Studies, 34:6, 529-540.

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