totsächlich #17 Auf dem Weg zurück in den Alltag (1): Sperrzonen erkennen

Schon nahte der Frühling, die Tage wurden wieder länger und auch etwas wärmer. Doch mein Studium hatte ich nicht mehr aufgenommen. Ich konnte und wollte nicht mehr studieren, aber vor allem fühlte ich mich immer noch nicht fähig nach Zürich zu gehen. Schon bevor ich auf Hochzeitsreise ging und vor Angelikas Suizid hatte ich auf den Frühling 2007 ein Gespräch mit meinem kirchlichen Mentor Peter abgemacht. Und da ich ungern Termine absagte, ging ich zum Gespräch. Damals war es so, dass jede Person, welche beabsichtigte die praktische Pfarrausbildung zu absolvieren, eine Pfarrperson als kirchliche Mentorin oder kirchlichen Mentor haben musste. Die Aufgabe des kirchlichen Mentors war es, einem während dem Studium zu begleiten und bei den kirchlichen Eignungsabklärungen dabei zu sein. Als ich mich dann mit Peter im Kirchgemeindehaus traf, wusste er nicht, dass ich nicht mehr studierte. Ich kannte Peter nun schon ein paar Jahre und hatte ihn als kompetent und vertrauenswürdig erlebt. So erzählte ich ihm von der Selbsttötung meiner Freundin und meiner Orientierungslosigkeit. Zögerlich sprach ich weiter und erklärte ihm, dass ich mein Studium nicht mehr aufgenommen hatte und dass ich nicht wusste, ob ich dazu nochmals in der Lage wäre. Es war mir zwar peinlich, trotzdem erzählte ich ihm von dieser unsichtbaren, unüberwindbaren Wand, die zwischen dem Zürcher Oberland und Zürich zu sein schien und die es mir verunmöglichte wieder an die Universität zu gehen. Peter hörte mir aufmerksam zu und stellte ein paar Rückfragen. Er wollte wissen, ob ich generell Angst vor der Stadt Zürich hätte oder ob mir nicht vielmehr gewisse Gebiete Mühe bereiten. Er stellte Rückfragen nach den Orten, wo wir gemeinsam gelernt hatten und wollte wissen vor welchen Räumen an der Uni ich mich besonders fürchtete. Er erkundigte sich danach, wo ich Angelika kennen gelernt hatte und in welchen Räumen wir uns am meisten aufgehalten hatten. Peter tastete sich langsam an das Thema heran. Durch seine gezielten Fragen zwang er mich dazu konkreter zu werden, die Angst zu benennen und gewissen Orten und Räumen Erinnerung zuzuweisen. Wie ein Kartograf und eine Kartografin begannen wir das Gebiet zu vermessen und Grenzen und Wegmarken zu zeichnen. Dadurch bekam die Angst Konturen und wurde differenzierter. So wurde mir bewusst, dass ich nicht vor Zürich Angst hatte, sondern vor dem Gebiet um die theologische Fakultät. Der Angstpegel stieg je mehr ich mich gedanklich der theologischen Fakultät näherte. Am meisten fürchtete ich mich vor dem Aufenthaltsraum, da wo ich Angelika kennen gelernt hatte. Da wo wir gemeinsam gekocht, gelernt und Tischfussball gespielt hatten.

Ich konnte feststellen, dass die Angst linear mit der Menge von Erinnerungen, die ich gewissen Räumen und Orten zuschrieb stieg. Je mehr Angelika-Erinnerungen ich mit einem Ort verbinden konnte, desto grösser wurde die Angst vor diesem Raum. Zudem wurde die Angst konkreter, sie bekam eine Form und einen Umriss. Es war die Angst davor, dass mich die Trauer über den Verlust überwältigt, so sehr, dass ich es nicht mehr ertragen könnte. Ich hatte Angst davor, diese Gefühle nicht auffangen und kanalisieren zu können und davor ganz alleine an diesen erinnerungsbeladenen Orten zu stehen.

Gegen Ende des Gespräches hielt Peter inne, überlegte kurz und schlug mir vor gemeinsam nach Zürich zu gehen und zusammen diese Orte zu besuchen. Ich wusste, dass Peter ein geübter Notfallseelsorger ist, der auch andere Notfallseelsorgerinnen und –seelsorger ausbildet. So stimmte ich seinem Vorschlag zu und wir vereinbarten einen Termin für die kommende Woche.

Reflexion

Es war ein Glücksfall, dass ich eine hochqualifizierte, in der Notfallseelsorge sehr geübte Pfarrperson als Mentor hatte. Er erkannte, dass die Angst wie eine undurchsichtige Wolke über mir schwebte. Sie war riesig und nicht fassbar. Indem er mir half die Angst zu benennen und die Erinnerungen konkreten Orten und Räumen zuzuordnen, verlor sie ihre Übermacht. Die Angst wurde fassbar. Sie wurde in Stücke zerteilt und konnte mich nicht mehr überwältigen. Es hatte mir geholfen, dass wir die Angst nicht einfach Angst sein liessen und wegschauten. Mit Peter zusammen wurde es möglich ihr ins Gesicht zu blicken. Die Angst war zwar noch da, aber sie wurde überschaubar und erste Schritte auf sie zu wurden möglich. Ich konnte ihr in die Augen, bzw. in die geographischen Orte, Räume und Erinnerungen schauen. Dies hätte ich damals nicht alleine machen können. Es war nötig, dass mir eine kompetente Pfarrperson / Fachperson bei dieser Aufgabe half. Ich war zum einen darauf angewiesen, dass sich jemand auskannte, keine Angst vor dem Thema hatte und in der Lage war ein gelingendes Seelsorgegespräch zu führen. Ich fühlte mich während dem Gespräch nie in Gefahr, allein der Angst ausgeliefert zu sein und von ihr überrollt zu werden. Da war eine Person, die mir das Gefühl gab „under control“ zu sein, die wusste was sie tat und mich in diesem Gespräch Stück für Stück weiterführte. Fachpersonen, Pfarrpersonen, kompetente Begleiterinnen und Berater sind in diesem Schritt der Trauerbewältigung zentral. Sie sind es, die auf Wege hinweisen, die gangbar sein könnten und diese Wege mit der trauernden Person zusammen beschreiten. Als Trauernde hätte ich weder den Blick noch die emotionale Kapazität gehabt diesen Weg alleine zu gehen. So war es also mein kirchlicher Mentor, der die erste Brücke zurück an die Universität, zurück in das geliebte Theologiestudium, baute.

 

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