totsächlich #25 Den Pinsel in den Händen halten

Das Leben ging weiter, das Studium schloss ich ab und zwei Jahre nach Angelikas Suizid begann ich das Vikariat. Das Vikariatsjahr war das letzte Jahr, das wir noch detailliert zusammen geplant hatten. Für die Zeit danach hatten wir viele Wünsche, Träume und Zukunftsvorstellungen gehabt. Dinge die wir erhofft hatten tun zu können, wie beispielsweise später einmal eine Pfarrstelle zu teilen. Aber dieses Vikariatsjahr, das wäre ein Gemeinsames gewesen! Dies wurde mir nun in vielen Situationen bewusst: In den Kurswochen gab es Zweierzimmer, wir hatten abgemacht dieses das Jahr über zu teilen. Zudem hatte ich einen weiten Arbeitsweg, dafür war ich in der Nähe von dem Ort, wo Angelika das Vikariat machen wollte. Wir hatten geplant die Mittagspausen zusammen zu verbringen und die Predigtvorbereitungen in ihrer Wohnung zu machen. Von vielem Gemeinsamem musste ich mich in diesem Jahr verabschieden und Dinge anders gestalten als wir es eigentlich geplant hatten.

Es fühlte sich an, als würde ich vor einer Leinwand stehen. In feinen Linien war das Bild, das entstehen sollte, schon skizziert. Doch nun musste ich einen Pinsel nehmen, die Skizzen weitgehend ignorieren und mit anderen Farben und Formen ein neues, mein eigenes Bild malen. Zum Glück gab es Menschen, die mir neue „Maltechniken“ zeigten und den Zugang zu anderen Lebensentwürfen eröffneten. Das neue Bild wurde zu Beginn mit Tränen, manchmal mit Verzweiflung und Widerwillen, immer wieder mit Wut gemalt. Ich musste loslassen, was ich gar nicht loslassen wollte. Die Vikariatszeit fand ich schwierig, die Kurse manchmal kaum aushaltbar, immer wieder schweiften meine Gedanken zu Angelika, die doch auch da sein sollte. Gleichzeitig lernte ich zu akzeptieren, dass es nun eben anders ist als geplant.

 

Nach dem Vikariatsjahr nahm das Leben wieder richtig Fahrt auf. Ich fand eine Anstellung als Pfarrerin, wechselte mit meinem Partner mehrfach den Wohnsitz, lernte neue Menschen kennen, begann zu promovieren, durchstreifte Wälder und Felder mit den Hunden, plante und veranstaltete Studienreisen, begann zu gärtnern, verbrachte Zeit im Kloster usw.

Es gab Momente, da war Angelikas Fehlen immer noch kaum auszuhalten. Doch über die Jahre hinweg entstand ein neues, ein anderes Lebens-Bild – mein Bild. Einmal, als ich wieder nicht wusste, wie denn die Linien verlaufen sollten, schrieb ich in mein Tagebuch:

Ich stehe hier, weiss eigentlich nicht mehr was der Mensch ist. Ich habe das Gefühl, dass einiges, das ich meinte zu wissen, weg ist, nicht mehr so ist. Ich fühle mich innerlich auf eine positive Art leer. Ich bin auf einer inneren Suche durch neues unbekanntes Gelände. Überall entdecke ich neue Ideen, spüre wie sie wachsen, oder sich in Luft auflösen. Ich befinde mich auf einem Lebens-Spaziergang, entdecke neue Pflanzen und Tiere, eine völlig neue Umgebung. Das Licht scheint anders auf meinen Weg, gedämpft und heller auf das weglose Gelände. Ich rieche die frische belebende Luft, kenne aber meinen Weg nicht. Nein es macht mir keine Angst so weglos zu sein. Ich fühle, wie die Neugier mich belebt, mir Freude am Leben gibt. Das Warten und Suchen stört mich nicht. Ich muss nicht mehr den alten, schon so oft von mir begangenen Weg nehmen, denjenigen den ich auswendig kenne. Ich darf aufatmen, neu entdecken, Altes loslassen und suchend sein.“

 

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Reflexion

Ähnlich wie bei einem plötzlichen Todesfall, waren auch bei einem Suizid noch so viele Dinge gemeinsam geplant. Die Hinterbliebenen stehen da und schauen auf die Pläne und Wünsche, die zu Nichts zerrinnen. Es ist eine Herausforderung da nun wieder aktiv zu werden und selbst zu gestalten. Denn manchmal fühlt es sich an, wie ein Verrat an der Verstorbenen, das Gestalten ist mit der dauernden Angst zu vergessen verbunden. Doch selber wieder aktiv zu werden und zu sein, ist befreiend. Das eigene Leben kann irgendwie weitergehen, auch wenn Trauernde mit der Gestaltung dessen ringen. Menschen, die in dieser Phase ein Resonanzboden sind und neue Maltechniken aufzeigen, können sehr hilfreich sein. Die „Maltechniken“ bzw. das, was der trauernden Person neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet, ist individuell. Da ist auch die Kreativität und das genaue Hinhören der Begleitenden gefragt.

Ein Gedanke zu “totsächlich #25 Den Pinsel in den Händen halten

  1. christian Dubach schreibt:

    Danke für deine Bereitschaft die Gedanken an andere, unbekannte weiter zu geben. Mit einem Reissbesen mahlen ist lustig und gibt schöne Muster,
    Es grüsst dich
    Chrigel

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