Mit den Augen der Reisenden sehen können

Benjamin Hermann

Zürich –Pendler*innen, Einheimische und Touristen teilen sich diese Stadt mit Autos, Fahrrädern und den Zürcher Trams. Würde ich die Strassen überfliegen wie ein Vogel, so würde sich mir ein unglaubliches Bild eröffnen. All die Menschen, die kreuz und quer zwischen den Häusern umhergehen, Situationen, in denen sich Mensch und Maschine gefährlich nahe kommen. Doch nicht nur Mensch und Maschine, nein, auch die Wege der Menschen untereinander kreuzen sich.

Wie oft passiert es, dass aus einem harmlosen Spaziergang durch das Niederdorf oder entlang der Limmat ein Spiessrutenlaufen wird. Auf jeder Brücke, vor jeder Kirche und auch sonst überall stehen Touristen und fotografieren, was das Zeug hält. Ob eine Taube, ein Tram, einen Brunnen oder ein normales Haus; alles noch so Banale scheint eine Fotografie wert zu sein. Wie die meisten von uns, die all diese Kulissen und Bilder gewohnt sind, interessiere ich mich selten für das Motiv, welches gerade festgehalten wird. Wichtig ist mir dann lediglich, nicht auch noch selbst auf diesen Bildern zu landen – nicht irgendwo in einem fremden Familienalbum aufzutauchen.

Und doch gibt es Tage, insbesondere dann, wenn sich das Schweizer Wetter von seiner schönsten Seite zeigt, an welchen ich den Blicken und Kameras der Touristen folge. Manchmal wenn mein Blick auf die fotografierten «Banalitäten» fällt, fühle ich mich plötzlich berührt. Kurz habe ich das Gefühl, mit den Augen der Reisenden sehen zu können – einen kleinen Blick auf ein sonst verborgenes, wunderschönes Ding zu erhaschen.

So offenbarte sich auch Gott nicht als Königssohn im feinen Gewand, sondern als Kind eines Zimmermanns, geboren in einem Stall auf Stroh. Oft zeigt sich der göttliche Schimmer dann, wenn wir trotz unserer alltäglichen Stadtsorgen, im weltlichen Stress und unseren Ansprüchen am Vertrauen in das Göttliche festhalten. Und wenn wir mit Neugierde und Offenheit durch das Leben und auf andere Menschen zugehen, können wir immer und überall göttliche Offenbarungen erleben.

Diese augen- und herzöffnenden Momente empfinde ich als Bereicherung. Sie erinnern mich daran, dass sich die göttlichen Geschenke, die Schönheit der Schöpfung, nicht immer im Grossen und Evidenten zeigen. Manchmal verstecken sie sich im Kleinen und Unscheinbaren.

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