Berührungspunkt zwischen zwei Lebenswelten

Philipp Kohli

Ein Merkmal einer Stadt ist, dass ganz unterschiedliche Menschen in ihr leben. Die Vielfalt der Lebensgeschichten und Lebensentwürfe besteht parallel nebeneinander. Ein Beispiel für die möglichen Unterschiede zwischen Menschen in einer Stadt sind die beiden Frauen auf dem Bild. Sie haben sich im Frühling 2019 im Monbijoupark in Bern getroffen.

Bild: Philipp Kohli

Die Frau links ist in der Ostschweiz geboren und arbeitet als Lehrerin in Köniz. Die Frau rechts ist in der Türkei als Mitglied der kurdischen Minderheit geboren und sie lebt mit ihren vier Kindern im Länggassquartier. Die beiden Frauen gehören unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus an. Dass sie hier in dieser Szene zusammenfinden, ist aussergewöhnlich.

Die beiden Frauen treffen sich im Rahmen eines Projekts einer Berner Kirche. Jeden Donnerstagnachmittag von 15.30 bis 18.00 Uhr bietet ein Team aus ungefähr vier Personen Kaffee und Kuchen im Monbijoupark an. Das Projekt heisst “Cafesito im Park” und versteht sich als diakonische Aktivität, um als Kirche den Menschen im Quartier zu dienen und eine Beheimatungsmöglichkeit anzubieten.

Der Begriff “Beheimatungsmöglichkeit” stammt aus einem Papier der Evangelischen Kirche Deutschlands zum Thema “Kirche in der Stadt”. Dort ist beschrieben, wie die Stadt Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen eine Perspektive bietet. Die Anonymität der Stadt erlaubt es einem, frei von familiären oder gesellschaftlichen Zwängen des Herkunftsortes, Dinge auszuprobieren und sich selber zu entfalten. Mit dieser Freiheit geht aber gleichzeitig die Gefahr der Isolation einher. Menschen fühlen sich in der Masse auch einsam und haben das Bedürfnis, Anschluss zu finden und irgendwo dazuzugehören. Diesem Bedürfnis begegnen nun die Beheimatungsmöglichkeiten. Das sind Orte, wo Menschen Zugehörigkeit erfahren. Das kann ein Club, eine Stammkneipe ein Verein oder ein Gemeinschaftsprojekt sein.

Das Projekt “Cafesito im Park” bietet nun so eine Beheimatungsmöglichkeit im Monbijoupark an. Durch die regelmässige Präsenz und das niederschwellige Ritual des Kaffeeausschankes entsteht ein Ort, wo man dazustossen kann und mit einer gewissen Sicherheit wöchentlich dieselben Menschen antrifft. Die Ostschweizerin auf dem Bild gehört zum Team des Cafesito und die kurdische Frau kommt regelmässig in den Park und bringt sogar teilweise selber einen Kuchen zur Ergänzung des Buffets mit.

Die Szene auf dem Bild ist an einem Nachmittag entstanden, an dem zusätzlich zum Kaffee auch Spielanimationen für Kinder und ein Kinderschminken angeboten wurde. Weil schon eine Beziehung zum Team bestanden hat, liess sich die kurdische Frau gerne ein Muster auf den Unterarm schminken. Dass die beiden Frauen ihre Milieugrenzen überwunden haben und eine so vertraute Nähe entstanden ist, verdanken sie der angebotenen Beheimatungsmöglichkeit.

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