Eine Response auf den Blogbeitrag: „Natürlich brauchen wir Fresh expression!“

Link zum Blogbeitrag von Tobias Grassmann @luthvind

Ich habe mir lange überlegt diesen Beitrag zu schreiben, denn der Tonfall an manchen Stellen des Blogbeitrags «Natürlich brauchen wir Fresh Expression!» macht es schwierig eine ernsthafte Response zu formulieren. Ich würde mir eigentlich gerade in dieser Suchbewegung einen ernsthaften, freundlichen, ermutigenden und kritisch-würdigenden Umgang wünschen. Trotzdem nehme ich nun im folgenden Beitrag einige Punkte von Tobias Grassmann auf und diskutiere diese. Dabei folge ich der Struktur seines Blogbeitrags.

Ökumene

Tobias Grassmann fragt: «Aber ist es wirklich nötig, die Suche nach FreshX mit dieser Ökumenekonzeption zu belasten?» Ich würde sagen: Wo, wenn nicht da? Wie Grassmann richtig feststellt, spielt in vielen neuen kirchlichen Gemeinschaftsformen die konfessionelle Herkunft keine Rolle mehr. Für den spätmodernen Menschen ist die Konfessionalität kaum mehr entscheidend. Das gibt Spiel- und Kreativraum über die Konfessionsgrenzen hinweg, um Spiritualität zu erleben und verschiedene religiöse Zugänge zu erlernen. Nicht umsonst breitet sich der new monasticism (das in England zu der Fresh-Expressions-Bewegung dazugehört) immer weiter aus. Nehmen wir doch die gelebte Religion der Menschen ernst und die ist je länger je weniger konfessionell.

Über viele Jahrzehnte wurden und werden ökumenische Gespräche geführt, einige haben viel verändert, andere nichts und häufig stagnieren die Diskurse. Vielleicht lässt sich ja Ökumene gerade in der Praxis erlernen, in Teams erleben, da wo eine gemeinsame Vision trägt, die konfessionsübergreifend ist?

Dennoch, und das sollte nicht übersehen werden, ist in einer fresh expression of Church (fxC) meist die Konfession dominant, welcher das Leitungs- oder Kernteam angehört. Das heisst häufig ist z.B. eine regionale oder nationale Leitungsebene ökumenisch, die Menschen in den konkreten neuen Gemeinschaftsformen post-konfessionell, die Leitung einer fxC gehört jedoch bewusst einer Konfession an: «Die Fresh-Expressions-Bewegung ist seit ihrer Entstehung eine ökumenische Bewegung. Schon das Ursprungsteam war mit Personen der Church of England und der methodistischen Kirche besetzt. Über die Jahre hat sich diese ökumenische Partnerschaft ständig erweitert und neue Denominationen sind dazu gekommen. Bischof Graham Cray betonte an der International Conference in Cambridge am 2. September 2013 nochmals die Bedeutung der ökumene: „It is a fundamental principle that we do this ecumenical“ und definierte die neue Form der Ökumene als: „The new ecumenism: unity grows as we partner one another in mission!“ Die ökumenischen Partnerschaften werden vorwiegend auf nationaler Ebene sichtbar, die lokalen fxC gehören häufig einer Denomination an: «88 % of the 518 fresh expressions of Church are from the Church of England alone. 11 % were of an informal ecumenical nature and only 0.6 % were in a formalised partnership. (Müller, Fresh Expressions of Church, 2016, 62)

Den fxC eine einseitig-konfessionelle Frömmigkeit vorzuwerfen, ist nach meinen Forschungen nicht gerechtfertigt. Am ehesten würde dieser Vorwurf für Deutschland zutreffen, wobei «Kirche hoch zwei» genau da der Player war, der sich für theologische Offenheit einsetzte. Geschuldet ist der Vorwurf theologischer Enge aber nicht nur der Praxis der Vertreterinnen und Vertretern der FreshX-Bewegung in Deutschland, sondern auch deren Kritikerinnen und Kritikern, die sich dem Diskurs verweigern, anstelle gemeinsam um theologisch vielfältige neue kirchliche Gemeinschaftsformen zu ringen. (Dass wir neue Formen brauchen, wird ja auch im Blogbeitrag von Grassmann nicht bestritten.)

Zum Verhältnis von Tradition und Innovation

Gerade zu diesem Thema wurde in den letzten Jahren viel geschrieben und darum wird gerungen. Zuerst nochmals als Erinnerung: von der Bezeichnung ist mit fresh eben gerade nicht «neu» gemeint. In unserem deutschsprachigen Kontext ist das vielleicht etwas schwieriger zu verstehen, aber in der Church of England knüpft die Bezeichnung an der Tradition und am Vorwort des Ordinationsgelübdes an. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie die Kommunikation des Evangeliums für jede Generation «afresh», als kontextuell, dialogisch und verständlich geschehen kann: The Canons of the Church of England S.117: The Church of England is part of the One, Holy, Catholic and Apostolic Church worshipping the one true God, Father, Son and Holy Spirit. It professes the faith uniquely revealed in the Holy Scriptures and set forth in the catholic creeds, which faith the Church is called upon to proclaim afresh in each generation.

Fresh expressions of Church haben im Kern eine dialogische Programmatik. Sie fördern und unterstützen den Dialog zwischen Tradition und Kontext. Aus diesem Gespräch entsteht Innovation. Traditionslosigkeit liegt also fern dem wollen und sollen von fresh expressions of Church. Kirchliches Innovationsstreben, welches die Tradition (oder den Kontext) aussen vor lässt, versteht die Logik der Kirchenentwicklung nicht. Das kann man so manchen Konzepten vorwerfen, bei den fxC wäre ich da aber zurückhaltend. (Müller, 2016, 181-185)

Zum Verhältnis von traditionellen Ortsgemeinden und fresh expressions of Church

Der Vorwurf an die Fresh-Expressions-Bewegung die Ortsgemeinden abzuwerten, wird häufig von den Menschen erhoben, welche wiederum die Fresh-Expressions-Bewegung abwerten. Warum? Aufgrund eigener Minderwertigkeitsgefühle, Intoleranz oder Zukunftsangst? Gerade das Konzept der «Diversity in Unity» und der «mixed economy» beschäftigt sich mit diesem Thema.

Gemäss Bischof Graham Cray, welcher die Fresh-Expressions-Bewegung von 2008-2014 leitete, wird der Begriff economy nicht als Wirtschaftsmetapher verstanden, sondern im biblischen Kontext verortet. So wird economy an das griechische Ursprungswort οἰκονομία zurückgebunden. Verwiesen wird dabei auf Epheser 1-3 und den darin beschriebenen Heilsplan Gottes in und durch Christus. Cray bezeichnet die Kirche, welche die Verantwortung für Gottes Heilsplan mitträgt, als «Haushalt Gottes». So definiert, wird die mixedeconomy zu einem theologischen Programm, welches das ekklesiale Selbstverständnis herausfordert und verändert.(Vgl. Müller, 2016, 176) Das theologische Leitmotiv der Programmatik ist, nebst dem Gedanken des Haushalts und Heilsplans Gottes, der Trinitätsbegriff. Die Trinität wird u.a. als Symbol für die ‚Einheit in Vielfalt‘ und so auch für die mixed economy of Church verwendet. Zusätzlich dazu wird auf die Evangelien, die Apostelgeschichte und Epheser 4 verwiesen. Durch die biblischen Referenzen wird aufgezeigt, dass das Prinzip der ‚Einheit in Vielfalt‘ und so auch die mixed economy schon biblisch angelegt sind und dass Einheit nicht mit Uniformität gleichzusetzen ist. Während ‚unity‘ als erstrebenswertes Ziel erscheint, welches zu Konsistenz im Leib Christi führt, wird ‚uniformity‘ als Engführung betrachtet.

Den fresh expressions of Church wird dabei die Funktion zugeschrieben die Ekklesiologie in der Church of England in dem Sinne erweitert zu haben, dass Kirche etwas Vielfältiges, Vielgestaltiges und Struktur-Variables sein kann: „FxC helps us to lose our arrogance about ‹there is only one way of being church›. But we regain a sense of mission, of humility, of being church for others, service. […] And that is producing a helpful learning and shift back to seeing church in a more diverse and generous way. Which I think is very helpful for our overall mission, but it is profoundly an ecclesiological shift that is taking place.”(ebd.) Es ist festzuhalten, dass die mixed economy in der Church of England nicht nur und nicht zuerst eine organisationslogische Programmatik hat, sondern eine theologische und ekklesiologische, welche sich dann in den Strukturen niederschlagen sollte.

Ziel einer mixed economy ist es, dass sowohl traditionelle parochiale Gemeinden als auch fresh expressions of Church gefördert werden.(Vgl. Croft, The Future oft he Parish System, 2006, 178) Das Ziel sind partnerschaftlichen Beziehungen und nicht innerkirchliche Konkurrenz. Mit der mixed economy soll die ekklesiale Vielfalt weiter gefördert werden und es wurde sichergestellt, dass die fresh expressions of Church keine Parallelstruktur innerhalb der Church of England bilden, sondern einen legitimen Platz darin bekommen.

Bei der strukturellen Dimension einer mixed economy Church nimmt die Bischöfin oder der Bischof eine Schlüsselrolle ein. Die Bischöfin oder der Bischof ist der ‚point of unity‘, unter der oder dem eine mixed economy verwirklicht wird. Eine Parochie kann in sich auch eine mixed economy haben, allerdings ist der Clou an der Idee, dass es neben Parochien geographisch nicht auf ein Gebiet festgelegte Kirchen geben soll. Deshalb ist in der Church of England die diözesane Ebene entscheidend für die Programmatik und auch den regionalen Dekanatsgebieten kommt eine Bedeutung zu. Dabei ist aber nicht zu übersehen, dass 80% der fxC in England von Ortsgemeinden gegründet wurden und dass die Beziehungen zueinander häufig gut und unterstützend sind.

Verhältnis zur akademischen Theologie

Eigentlich habe ich dazu wenig zu sagen: eine Abwertung akademischer Theologie, wie es in Grassmanns Blogbeitrag beschrieben wird, habe ich seitens der Fresh-Expressions-Bewegung, weder in England, Holland, Kanada, Deutschland noch der Schweiz erlebt. Gerade als Akademikerin bin ich in diesen Kreisen immer wieder gefragt und auch meine kritischen Rückfragen werden aufgenommen. Kritik gegenüber der akademischen Theologie erlebe ich häufig, jedoch nicht aus diesen Kreisen. Aber gerad bei dieser Frage sind die Erfahrungen wohl sehr individuell, deshalb würde ich dieses Thema von einer persönlichen Perspektiver her thematisieren und hier bei Generalisierungen vorsichtig sein.

Fresh expressions und Zielgruppen

In England zeigt sich folgendes Bild: fxC gibt es häufig bei den Menschen und Zielgruppen, die nicht in eine Ortsgemeinde gehen würden, die nicht zu den traditionellen Milieus gehören. Das heisst Ortsgemeinden und fxC haben andere Zielgruppen und gerade deshalb braucht es beides. Was mir bei Beobachtungen in England und der Schweiz ebenfalls aufgefallen ist, was ich aber nicht wissenschaftlich untersucht habe, ist folgendes: Junge fxC zeigen häufig eine Verengung auf eine spezifische Ziel- oder Peer-Gruppe (bei den nachbarschaftsorientierten fxC ist es anders). Wenn die fxC gefestigt ist, eine Struktur hat und „funktioniert“ ergibt sich wieder eine Öffnung, veranlasst durch den starken Kontextbezug.

Unauffällige Ermöglicherinnen und Ermöglicher

Wir brauchen die leisen, kleinen Aktionen und wir brauchen die lauten, grossen, die kirchenpolitisch Aufmerksamkeit erregen und auf das Veränderungspotenzial und die Mission von Kirche hinweisen. «Kirche hoch zwei» war manchmal laut, immer wieder auffällig, gewisse haben sich daran gestört, aber noch viel mehr Menschen haben sich daran gefreut, haben daraus Hoffnung geschöpft und haben sich neu oder erneut in der «Kirche» beheimatet. Wir brauchen solche Hoffnungsprojekte, die manchen auf die Füsse treten und die doch zeigen, dass Dinge in der Kirche möglich sind, die viele für unmöglich halten. Ich bin traurig über das Ende von «Kirche hoch zwei», gerne hätte ich die Entwicklungen weiterverfolgt, gerne hätte ich diese Bewegung weiter in unterschiedlichen wissenschaftlichen Artikeln diskutiert (Vgl. Müller, Gelebte Theologie, 2019, 58-65) und gerne hätte ich gesehen, was noch daraus hätte entstehen können. Leider wird das nicht mehr der Fall sein.

Wir brauchen Prophetinnen und Propheten: bescheidene und diskrete. Wir brauchen unauffällige Ermöglicherinnen und Ermöglicher. Sie alle gibt es, sie leisten ihren Beitrag jeden Tag in Ortsgemeinden und in fxC. Diese Leute brauchen wir und von diesen Leuten können wir lernen: in der Praxis aber auch in der akademischen Theologie. Und was wäre, wenn wir in unserer akademischen Forschung, in unserem Kommunizieren und Diskutieren solche Menschen werden?

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