Wohnzimmer Rheinbord

Laura Klingenberg

Was bedeutet es eigentlich, „Mensch in der Stadt“ zu sein? Mit dieser Frage im Gepäck, machte ich mich auf Expeditionstour. Herausgekommen sind unter anderem folgende Beobachtungen, die ich angeregt durch den Text „The city as people“ aus dem Handbook of urban studies von Ronan Padison und dem Kurzfilm „How to make an attractive city“ vom Youtube Lernsender „School of life“, zu deuten versuche. 

Die Fragestellung, was es heisst, in der Stadt Mensch zu sein, ist je nach Stadt und je nach Person, die man fragt, sicherlich sehr individuell zu beantworten. Jede Stadt hat ihr eigenes Gesicht und erzählt ihre eigene Geschichte. So sagen die Architektur, sowie die Gestaltung öffentlicher Räume einer Stadt viel über ihren „Geist“ und ihre Kultur aus. Auch die Menschen, die sich in diesen Räumen bewegen, geben einer Stadt einen ganz besonderen Charakter. Und – wie erwähnt – hat auch jede Person einen eigenen Bezug zur Stadt, in der sie erlebt. Padison schreibt, dass die Substanz einer Stadt ihre soziale Differenz und ihre Diversität sei. In einer Stadt leben verschiedenste soziale Gruppen miteinander und doch auch oft, räumlich voneinander abgetrennt. Das Leben dieser Menschen ist sehr unterschiedlich, obwohl sie sich alle in derselben Stadt bewegen. Je nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe kann also der Blickwinkel einer Person auf das eigene Leben in der Stadt stark variieren.

In diesem Blogbeitrag gehe ich nun spezifisch dem Leben als Mensch in der Stadt Basel auf die Spur. Dazu setzte ich mich in eine Buvette am Rhein in der Nähe der Dreirosenbrücke.

Im Bewusstsein, dass auch meine Wahrnehmung durch meinen Habitus gefärbt ist, versuche ich wahrzunehmen, was hier an einem Sonntagnachmittag abläuft und etwas über das Leben von Menschen in der Stadt aussagt. Im Bewusstsein auch, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben als Mensch in der Stadt Basel einfangen kann.

Bild: Laura Klingenberg

Auf den Stühlen in der Buvette sitzen viele verschiedene Menschen, beispielsweise Paare mit Kleinkindern, Menschen mit Hunden, Menschen mit Rollstühlen, alte Menschen und einzelne Personen, die lesen. Ich höre ein Gemisch verschiedenster Sprachen: Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Französisch und Englisch. Etwas weiter rheinaufwärts gehend, finden sich verschiedene Gruppen von Jugendlichen, die gemeinsam Musik hören und rauchen, eine Dose Energydrink in der Hand. Nebenan steht eine Gruppe von Erwachsenen, wahrscheinlich aus Eritrea oder Somalia und eine Gruppe italienisch sprechende Männer, die Boccia spielen. Es scheint, als haben die hier Versammelten durch das gute Wetter ihr Wohnzimmer für heute ans Rheinbord verlegt. Das Rheinbord bei der Dreirosenbrücke, welches unter der Woche eher als Arbeitsweg gestresster Menschen dient, ist heute belebt und voll von lebhaften Stimmen. Es wird zusammengesessen, geredet, Kaffee getrunken und gespielt. Auch an Sommernachmittagen bietet der Rhein ein kleines Spektakel: Im Wasser und am Rheinbord entlang tummeln sich Menschen in Badehosen mit „Fisch“ in der Hand, der Basler Variante eines Schwimmsacks. Das Rheinbord ist Aufenthalts-, Entspannungs- und Ferienort.

Aber zurück zur heutigen Situation: Die genannte Diversität verschiedener Gruppen, die in einer Stadt leben, wird von der beschriebenen Situation am Rhein treffend widerspiegelt. Das Rheinbord scheint die Fähigkeit zu besitzen, unterschiedlichste Menschen anzulocken und somit die verschiedenen Gruppierungen sichtbar zu machen, die in und um Basel leben. Gleichzeitig ist aber auch eine Abgrenzung dieser Gruppierungen voneinander bemerkbar, wenn man beispielsweise betrachtet, wer sich kaffeetrinkend in der Buvette befindet und wer eher nebenan auf einer Bank sitzt mit einer Dose Energydrink in der Hand. Es scheint also, als habe das Rheinbord, welches gemeinsam genutzt wird, gleichzeitig unterschiedliche Wohnzimmer, welche sich die verschiedenen Gruppierungen unter sich aufteilen. Das gemeinsame Element dabei bleibt die Ansammlung am Rheinbord. Der kleine Fleck Natur lockt also nicht nur mich, sondern allgemein „Stadtmenschen“ an. Inmitten aller Häuser und dem Verkehr ist der Rhein wohl ein Ort des Verweilens und der Erholung. Ein Ort, welcher der Stadt Basel ihren ganz speziellen Charakter gibt. Ein Ort, der vielleicht einem Stadtmenschen als Ersatz für Garten oder Balkon dient. Das Rheinbord wird Wohnzimmer.

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