Kirche in der Stadt – ein Blick aus der Vogelperspektive

Laura Klingenberg

Ab wann und wie können wir von urbaner Theologie sprechen? Was sind die Merkmale von urbaner Theologie? Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema im Seminar sowie durch die eigene Lektüre haben sich für mich zwei wichtige Punkte dazu herauskristallisiert: Einerseits die Vielfältigkeit urbaner Kirche als Ressource, andererseits das priesterliche, das prophetische und das königliche Amt als zentrale Aufgabe der urbanen Kirche.  

Bild: Sabrina Müller

Vielfältigkeit als Ressource

Kirche in der Stadt kann sehr vielfältig aussehen. In welchem Masse dies so ist, ist je nach Stadt natürlich unterschiedlich. In einer Stadt gibt es einerseits parochiale, quartiersbezogene Kirchen und andererseits Kirchen, die netzwerkartig aufgebaut sind und bestimmte Zielgruppen aus der ganzen Stadt anziehen, ein Beispiel dazu sind Citykirchen. Durch das Vorhandensein dieser verschiedenen Formen kann Kirche auf unterschiedlichste Bedürfnisse von StädterInnen eingehen. So hat eine Quartierskirche beispielsweise ihre Stärke darin, nahe bei den Menschen zu sein, diese zu kennen und persönliche Beziehungsarbeit leisten zu können. Citykirchen, wie beispielsweise die Offene Kirche Elisabethen in Basel oder die Offene Kirche St. Jakob in Zürich, haben hingegen oft ein eigenes Profil, welches Menschen aus der ganzen Stadt durch ihr Angebot die Möglichkeit gibt, sich zu verschiedensten Uhrzeiten auf ihre individuelle Art mit Gott und dem christlichen Glauben auseinanderzusetzen. Vielfalt ist also eine Ressource und soll als Ressource betrachtet werden! Die verschiedenen Formen von Kirchen sollen gesamtkirchlich zusammenarbeiten und sich gegenseitig darin unterstützen. Sie sollen sich also nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung darin betrachten, die Aufgabe der Kirche sinngerecht umsetzen zu können.

Aufgabe der Kirche im urbanen Raum

Doch was ist denn die Aufgabe der Kirche? Die EKD beschreibt im Text „Gott in der Stadt. Perspektiven evangelischer Kirche in der Stadt“, dass die Kirche – und zwar in allen ihrer Formen und Angeboten –  für ihre geistliche Aufgabe drei verschiedene Ämter zu erfüllen hat. Nur so wird sie ihrem Auftrag als evangelische Kirche gerecht. Die Ämter sind das priesterliche Amt, das prophetische Amt sowie das königliche Amt. Die EKD knüpft also in der Beschreibung der Aufgabe von Kirche an der kirchlichen Tradition an.

Mit dem priesterlichen Amt ist gemeint, dass die Kirche für die Menschen Raum schaffen soll, in dem sie Gott begegnen und seine Barmherzigkeit erfahren können. Dies kann beispielsweise durch schön gestaltete und inhaltlich gehaltvolle Gottesdienste geschehen, welche die Menschen durch festliche Zeiten und an Wendepunkten ihres Lebensweges begleiten. Michael A. Mata drückt sich im Text „The new urbanism and its challenge to the Church“ so aus, dass die Kirche die Aufgabe hat, den Menschen einen Zugang zum Transzendenten zu schaffen. Die Menschen seien oft in ihrer materiellen, konsumorientierten Welt gefangen. Diese Welt verspreche ihnen Glück, was sich jedoch als Illusion herausstellt. Die Kirche hat daher die Aufgabe, die Botschaft der Hoffnung in die Stadt zu tragen, dass das Materielle und das daraus resultierende soziale Leid, nicht die einzige Wirklichkeit ist, dass es mehr gibt als das – nämlich Gott.

Weiter wird das prophetische Amt aufgezählt. Damit ist gemeint, dass die Kirche auch eine Verantwortung darin trägt, gesellschaftliche, politische und kulturelle Ereignisse aufzugreifen und diese aus einer biblisch-theologischen Perspektive kritisch zu deuten. Sie soll sich also mit dem Leben der Menschen auseinandersetzen und als Kirche Stellung beziehen. Meines Erachtens, kann hier auch die Definition der Aufgabe der Kirche als „Wächteramt“ hinzugezogen werden. Weiter beinhaltet das prophetische Amt auch die Aufgabe, für Menschen am Rande der Gesellschaft Partei zu ergreifen und für menschenunwürdige Zustände einzustehen.

Als Drittes wird das königliche Amt aufgezählt. Damit ist gemeint, dass Kirche die Aufgabe hat, die eigenen vier Wände zu verlassen und zu den Menschen in der Stadt hinzugehen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dabei braucht es das Verständnis, dass Kirche auch ausserhalb des Kirchengebäudes abspielt und Gott überall in der Stadt zu finden ist. Es gilt als Kirche mit Demut aufzutreten und den Anspruch abzulegen, als Einzige genau zu wissen, was die christliche Botschaft ist. Es gilt, sich für die Menschen der Stadt – und zwar alle Menschen! – und ihre Lebens- und Glaubensdeutungen zu öffnen und die Bereitschaft zu haben, von ihnen zu lernen. Dieser Ansatz ermöglicht, zu einer Kirche zu werden, die von unten und nicht von oben gestaltet wird: Von den Menschen der Stadt selbst.

Diese drei Aufgaben einer Kirche plus die gesamtkirchliche Zusammenarbeit der verschiedenen Formen von Kirche erachte auch ich, als zentral. Gerade im urbanen Raum glaube ich, dass die Kirche und die Theologie durch ihre Orientierung an diesen Aufgaben einen wichtigen Beitrag zum Heil einer Stadt beitragen kann: Kirche als Ort des Innehaltens im geschäftigen Alltag, als feste Konstante in der sich so schnell wandelnden Zeit, als anwaltliche Stimme der Unterdrückten, als Bildungsort und als Heimat und Geborgenheit.

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