Urbane Theologie

Benjamin Herrman

Vor mehr als 2000 Jahren begannen jüdische Bürger im Exil, ihre Glaubenssätze und die vom Volk überlieferten Geschichten niederzuschreiben. Dabei entstand das erste Testament. Es handelt von den (verschiedenen) Vorstellung der Entstehung der gesamten Schöpfung, der Herkunft des Bösen, vom Bund Gottes mit den Menschen, dem jüdischen Glaubensbekenntnis und vielem mehr. Liest man dieses Buch und blickt zwischen die Zeilen, so kann man die Sorgen, Ängste, aber auch die Hoffnungen und Wünsche der damaligen Bevölkerung erahnen.

Es wird erzählt, wie Gott die Wasser auf Erden in ihre Schranken wiess (1Mo 1, 6 – 10), die Schleusen des Himmels und der Erde bei der Sintflut wieder öffnete (1Mo. 7, 11-12) oder wie er Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorra regnen liess (1Mo. 19,24).

Bild: Sabrina Müller

In all diesen Stellen wird gezeigt, welche Macht Gott über die gesamte Schöpfung hat. Heute können wir uns (hier bei uns in der Schweiz) kaum mehr vorstellen, weswegen die Menschen sich so intensiv mit Gottes Einflüssen auf die Natur auseinandersetzten. Doch sieht man die Geschichten in ihrem historischen, kulturellen und auch geographischen Kontext, so wird klar, dass die Natur die wohl unberechenbarste und grösste Gefahr für die Menschen darstellte. Auch wenn das Alte Testament allgemeine Gültigkeit für Juden überall auf der Welt besitzt, so sollte man wohl trotzdem anerkennen, dass dessen Theologie ein Kind seiner Zeit und Umstände ist. Dasselbe gilt im Christentum in Bezug auf die beiden Evangelien.

Wie können die alten Schriften dennoch als Grundlage der heutigen Theologie dienen, obwohl sie aus einem vollkommen anderen Kontext stammen und viele aktuelle Themen darin kaum oder gar keine Erwähnung finden?

Hier kann die Vielschichtig- und Mehrstimmigkeit der Bibel, welche durch die Dopplung von Geschichten und Botschaften mit deren individuellen Nuancierungen zustande kommt, ein für uns wichtiges Hilfsmittel sein. Diese in der Bibel angelegte Mehrdeutigkeit lässt zu, dass wir auch heute noch Exegese betreiben und in der Bibel mögliche Antwortansätze für aktuelle Fragen finden.

Dies bedeutet wiederum, dass sich die Theologie (lat. die Lehre Gottes) nicht orthodox an festgelegten Dogmen orientieren muss, sondern wie zu ihrer Entstehungszeit auch in ihrem Kontext gedacht werden darf und wahrscheinlich sogar soll. Hier kommt die kontextuelle Theologie im Allgemeinen und die urbane Theologie im Besonderen ins Spiel.

Urban bedeutet «städtisch» oder «zur Stadt gehörend». Bei der urbanen Theologie handelt es sich also um eine «zur Stadt gehörenden Lehre Gottes». Wahrscheinlich assoziieren immer weniger Menschen die Kirche mit der Stadt, da diese viel zu verstaubt und altmodisch für die Stadt erscheint. Doch gerade die Zweifel und Kritik an der Kirche und ihrer Lehre haben in der kontextuellen Theologie ihren Platz und prägen sie mit.

Von urbaner Theologie kann gesprochen werden, wenn sich die Lehre aus einem urbanen Gebiet, beziehungsweise von urbanen Menschen stammt. Hier zählen auch Agglomerationen dazu, welche stark durch die umliegenden Städte geprägt sind. Urbanisierte Menschen aus Agglomerationen verbringen oft grosse Teile ihres Alltags in oder rund um die Stadt. Dort arbeiten und kaufen sie ein, wenn sie etwas unternehmen wollen, ist die Stadt schnell erreicht und bietet zahllose Möglichkeiten.

Die urbane Theologie räumt also den urbanisierten Menschen ein hohes Mitsprache- und Gestaltungsrecht ein. Die Theolog*innen sollen ihnen nicht eine universitäre Theologie überstülpen, vielmehr sind sie dafür da, ihnen den Zugang zu theologischen Sichtweisen und Gedankengängen zu eröffnen. Man könnte also sagen, dass die urbane Theologie, wie viele städtische Bewegungen, aus den Sorgen, Nöten und Wünschen des Volkes erwächst und die gesellschaftlichen Themen wiederspiegelt. Sie ist genau so dynamisch wie das Volk selbst. Auch wenn heute also andere Themen in die Theologie einfliessen und gewisse Geschichten neu gedeutet werden, bleibt die urbane Theologie stets den Ursprüngen der Entstehung der Evangelien treu.

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