Urbane Theologie

Dinah Stampfli

Vor ein bisschen mehr als einem Jahr fing ich an, Theologie zu studieren. Damals dachte ich mir: «(Akademische) Theologie beschäftigt sich mit der Lehre Gottes, der Bibel und den christlichen Kirchen.» Diese zugegebenermassen etwas naive Ansicht habe ich jedoch sehr schnell korrigieren müssen. Heutzutage weiss ich, dass die Themenfelder der Theologie sehr vielfältig und scheinbar unendlich sind: Spiritualität, Hermeneutik, Homiletik, Pneumatologie, Diakonie, Pädagogik, Psychologie, Liturgik, Dogmatik, Philosophie, Ethik, Soteriologie, Christologie, Ekklesiologie, Eschatologie… Das sind alles Begriffe, die mir während meiner kurzen Studienzeit oftmals begegnet sind und die Liste würde sich wohl noch lange weiterführen lassen. Es ist sehr faszinierend, dass die Theologie scheinbar jeden Lebensbereich eines Menschen betrifft, genauso wie ein Christ seinen Gott in allen Lebensbereichen einbindet.

Seit neustem bin ich nun auch auf den Begriff der kontextuellen Theologie gestossen, bei der das kulturell-religiöse Umfeld konstitutiv ist und miteinbezogen wird. Es gibt bspw. die feminist theology, die womanist theology, die Bauerntheologie, die Befreiungstheologie, die Theologie aus Lateinamerika und die urbane Theologie. Es könnten noch viele weitere Beispiele genannt werden, aber jetzt möchte ich meine Aufmerksamkeit vor allem der urbanen Theologie widmen.

Als ich auf den Begriff der urbanen Theologie stiess, löste er bei mir Verwunderung und Neugierde aus. Da ich in einem eher kleinen Dorf auf dem Land wohne, konnte ich mir vor einigen Jahren kaum vorstellen, dass man ein grundsätzlich anderes Leben führte, wenn man in der Stadt wohnt. Seit ich jedoch in der grössten Stadt der Schweiz studiere, merke ich diesen Einfluss der Stadt auf mein Gemüt und mein Verhalten. Es schien mir auch psychologisch sehr faszinierend, dass das Wohnen in der Stadt den Menschen und seine Psyche nicht nur tangiert, sondern wirklich beeinflusst. Da ich diese inneren Veränderungen von ruralem zu urbanem Leben an mir selbst erlebt habe, interessiert mich der Einfluss des urbanen Raums auf die Theologie ausserordentlich.

Die urbane Theologie setzt sich also mit theologischen Themen in der Stadt auseinander. Doch es stellt sich nun die Frage, ab wann und wie wir von urbaner Theologie reden können. Dazu muss man sich jedoch vorerst die Merkmale des urbanen Raums anschauen. Die Stadt beherbergt viele Personen aus jeder Bevölkerungsschicht. Es sind viele Ethnien vertreten, es gibt junge, alte, arme, reiche, ausgeflippte und weniger ausgeflippte Leute und alle leben zusammen an einem Ort. Viele leben in der Stadt, weil sie dort auch arbeiten und sich ihren Arbeitsweg verkürzen wollen. Doch dieser Wunsch kann oft auch zu Egoismus führen: Die Leute gehen ihres Weges, ohne einander zu beachten, fluchen darüber, wenn jemand zu langsam läuft, drängeln sich vor und versuchen stets, das Beste für SICH zu nehmen. Die Stadt gibt einem eine gewisse Anonymität, denn selbst wenn man dem alten Mann von heute Morgen den Platz im Tram gestohlen hat, es muss einen nicht kümmern, denn man wird ihm wohl nie wieder begegnen. Einige würden dieses Verhalten wohl eher als Individualismus der westlichen Kulturen beschreiben und mir vorwerfen, dass ich masslos übertreibe. Das kann wohl sein, trotzdem glaube ich, dass die vielen Stadtbewohner, die mit Ohrenstöpsel im Tram fahrend aus dem Fenster starren nicht unbedingt Lust haben, von ihrer 80-jährige Nachbarin entdeckt zu werden, die dummerweise gerade ins gleiche Tram steigt. Doch was passiert nun, wenn die Mit-Ohrenstöpsel-aus-dem-Fenster-im-Tram-Starrer Sonntag morgens in die Kirche gehen und ihre 80 Jahre alte Nachbarin entdecken? Sie werden sich wohl freundlich begrüssen, miteinander reden und vielleicht sogar noch auf einen Kaffee und Kekse eingeladen.

Ob es nun das schlechte Gewissen oder Gott höchst persönlich ist, der hier die Hände im Spiel hat: Die Kirchen lösen vor allem bei ihren Anhängern ein Gefühl aus, das die Stadt in meinen Augen zu unterdrücken versucht. Es ist die Sehnsucht nach Gemeinschaft, Geborgenheit und Ruhe. Diese Sehnsucht kann in der Kirche, in der Gemeinde erfüllt werden, egal ob sie mitten in Zürich steht oder am Fuss des Matterhorns. In meinen Aufgaben ist es die Aufgabe der urbanen Theologie, die vielen Schwierigkeit, die das Stadtleben mit sich bringen, aufzufangen. Es ist die Aufgabe der Kirche in der Stadt eine Brücke zu sein, um die Diversität, die die Stadt mit sich bringt, zu überbrücken.

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