Kategorie: Allgemein

totsächlich #26 Bleibt alles anders

Auch als die Jahre verstrichen, blieb Angelika in meinen Erinnerungen gegenwärtig. Es gab immer wieder Momente, wo sie unendlich fehlte, oder plötzlich ganz nah war. Im ganz normalen Alltag gab und gibt es so viele Dinge, welche mich an sie erinnern. In den drei folgenden, unverbundenen Abschnitten werden ein paar davon dargestellt:

  • Ich war im Konfirmandenlager, die Jugendlichen hatten etwas Freizeit und ich wollte mir gerade einen Kaffee holen. Da kamen drei meiner jungen Leiter auf mich zu und wollten mich überzeugen mit ihnen Tischfussball zu spielen. Wie ein Blitz traf mich dieser Gedanke. Ich hatte seit Angelikas Tod, seit fast fünf Jahren, nie mehr gespielt. Ohne sie Tischfussball zu spielen schien mir wie ein Verrat. Zudem hatte sie uns einen Gutschein für einen Tischfussballtisch zur die Hochzeit geschenkt – den sie nicht mehr einlösen konnte. Zögernd willigte ich dennoch in die hartnäckigen Überzeugungsversuche der Jugendlichen ein. Es machte Spass wieder zu spielen. Kaum zu Hause angekommen erzählte ich meinem Partner begeistert vom Tischfussball und von meiner Idee nun einen eigenen Tisch zu kaufen. Schon am nächsten Tag zogen wir los und fanden in der Nähe einen Vertreter mit guten Geräten. Nur 24 Stunden nach meiner Rückkehr aus dem Konfirmandenlager stand ein Tischfussball bei uns zu Hause. Auch heute noch hat er einen prominenten Platz im Wohnzimmer und erfreut nicht nur uns, sondern auch unsere Gäste.
  • Zwei Jahre nach Angelikas Tod entdeckte ich bei einer Freundin in der Wohnung eine Pflanze. Innerlich erstarrte ich und hatte Angelika vor Augen. Die Erinnerungen waren ganz lebendig, ganz nah. Ich erkannte die Pflanze, die ich seit Jahren suchte, aber nicht wusste wie sie heisst, sofort wieder. So eine Pflanze stand damals in Angelikas Wohnung. Wir waren beide von ihr fasziniert, kannten aber den botanischen Namen nicht. So nannte Angelika sie kurzerhand Gürk, denn ihr Stamm glich einer Gurke. Angelika hatte mir einen Ableger dieser Pflanze versprochen, da ich davon begeistert war. Ach dazu kam es aber nicht mehr. Nun entdeckte ich also diese Pflanze völlig unerwartet im Wohnzimmer einer Freundin, die mir auch den Namen sagen konnte. Zu Hause angekommen durchstreifte ich das Internet, bis ich schliesslich in Deutschland auf solche Pflänzchen und Samen stiess und mir schicken liess. Noch immer gibt es in meiner Wohnung viele Gürks (Spuckpalmen), welche die Erinnerung an Angelika wachhalten und mich zum Schmunzeln bringen.
  • In einem Küchenschrank, ganz zuhinterst und etwas versteckt, stehen zwei gleiche orange-gelb-rote Tassen. Mein Partner hatte es nur einmal gewagt, in diesen Tassen einen Tee zu machen. Es sind die zwei Tassen, welche Angelika und ich in unserer WG hatten und in denen wir immer gemeinsam Kaffee getrunken und Milchschaum gelöffelt hatten. Die Tassen sind im Schrank, sie kommen bei jedem Umzug mit, werden aber bis heute nicht mehr benützt. Dafür lache ich regelmässig über die Erinnerung, als ich Angelika jeweils im Restaurant einfach eine Tasse Milchschaum bestellte. Auch der Milchschaum, der nie auf meinem Kaffee fehlen darf, erinnert mich an sie.

Auch heute, über ein Jahrzehnt später, halte ich manchmal inne und überlege mir was sie wohl sagen würde? Was würde sie machen? Wie wäre ihr Leben? Es bleibt offen…und es bleibt alles anders.

Trockne die Tränen

Zieh deine Kreise

Der stille Weg

Folg dem Sonnenaufgang leise

Und tanz den Tanz auf dünnem Eis

 

Du kannst nur gewinnen

Genug ist zu wenig, oder es wird so wie es war

Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders

Der erste Stein fehlt in der Mauer

Der Durchbruch ist nah

(Herbert Grönemeyer, Bleibt alles anders)

 

 

Reflexion

Dass ein Suizid das Leben der hinterbliebenen Personen grundlegend verändert wurde nun schon vielfach erwähnt und ist ja nichts Neues. Auch andere Tode tun das. Hierin sind sich die Trauerwege ähnlich. Unerwartet und plötzlich wird man mitten im Leben wieder mit Erinnerungen an die Verstorbene konfrontiert. Mit grossem Kraftaufwand muss das Leben neu gestaltet werden.

Die Herausforderungen von Hinterbliebenen nach einem Suizid bestehen aber darin, bei den Erinnerungen nicht gleich zu erstarren, sie aus dem Leben auszusperren oder sich von den komplexen, emotionalen Flutwellen überrollen zu lassen. Für Angehörige oder Freunde ist es manchmal nicht einfach, die unerwarteten Reaktionen der Trauernden auf gewisse Situationen zu verstehen. Mein Partner hatte keine Ahnung warum ich ausrastete, als er sieben Jahre nach Angelikas Suizid eine Tasse aus dem Schrank nahm. Hilfreich waren die Situationen, als ich darin unterstützt wurde, Erinnerungen positiv wach zu halten bzw. als daraus etwas Neues wachsen durfte. Wie bei der Spuckpalme, die nun in unserer Wohnung wächst und gedeiht. Oder mein Partner, der sofort alle Hebel in Bewegung setzte, damit wir einen Tischfussball auftreiben konnten. Es ist nicht unvernünftig den Verarbeitungsimpulsen nachzugehen, auch wenn sie von aussen betrachtet eigenartig aussehen mögen. Vielmehr ist es unvernünftig im Stillstand zu verharren und es nicht anders werden zu lassen. Bleibt alles anders, so wird doch vieles neu.

totsächlich #25 Den Pinsel in den Händen halten

Das Leben ging weiter, das Studium schloss ich ab und zwei Jahre nach Angelikas Suizid begann ich das Vikariat. Das Vikariatsjahr war das letzte Jahr, das wir noch detailliert zusammen geplant hatten. Für die Zeit danach hatten wir viele Wünsche, Träume und Zukunftsvorstellungen gehabt. Dinge die wir erhofft hatten tun zu können, wie beispielsweise später einmal eine Pfarrstelle zu teilen. Aber dieses Vikariatsjahr, das wäre ein Gemeinsames gewesen! Dies wurde mir nun in vielen Situationen bewusst: In den Kurswochen gab es Zweierzimmer, wir hatten abgemacht dieses das Jahr über zu teilen. Zudem hatte ich einen weiten Arbeitsweg, dafür war ich in der Nähe von dem Ort, wo Angelika das Vikariat machen wollte. Wir hatten geplant die Mittagspausen zusammen zu verbringen und die Predigtvorbereitungen in ihrer Wohnung zu machen. Von vielem Gemeinsamem musste ich mich in diesem Jahr verabschieden und Dinge anders gestalten als wir es eigentlich geplant hatten.

Es fühlte sich an, als würde ich vor einer Leinwand stehen. In feinen Linien war das Bild, das entstehen sollte, schon skizziert. Doch nun musste ich einen Pinsel nehmen, die Skizzen weitgehend ignorieren und mit anderen Farben und Formen ein neues, mein eigenes Bild malen. Zum Glück gab es Menschen, die mir neue „Maltechniken“ zeigten und den Zugang zu anderen Lebensentwürfen eröffneten. Das neue Bild wurde zu Beginn mit Tränen, manchmal mit Verzweiflung und Widerwillen, immer wieder mit Wut gemalt. Ich musste loslassen, was ich gar nicht loslassen wollte. Die Vikariatszeit fand ich schwierig, die Kurse manchmal kaum aushaltbar, immer wieder schweiften meine Gedanken zu Angelika, die doch auch da sein sollte. Gleichzeitig lernte ich zu akzeptieren, dass es nun eben anders ist als geplant.

 

Nach dem Vikariatsjahr nahm das Leben wieder richtig Fahrt auf. Ich fand eine Anstellung als Pfarrerin, wechselte mit meinem Partner mehrfach den Wohnsitz, lernte neue Menschen kennen, begann zu promovieren, durchstreifte Wälder und Felder mit den Hunden, plante und veranstaltete Studienreisen, begann zu gärtnern, verbrachte Zeit im Kloster usw.

Es gab Momente, da war Angelikas Fehlen immer noch kaum auszuhalten. Doch über die Jahre hinweg entstand ein neues, ein anderes Lebens-Bild – mein Bild. Einmal, als ich wieder nicht wusste, wie denn die Linien verlaufen sollten, schrieb ich in mein Tagebuch:

Ich stehe hier, weiss eigentlich nicht mehr was der Mensch ist. Ich habe das Gefühl, dass einiges, das ich meinte zu wissen, weg ist, nicht mehr so ist. Ich fühle mich innerlich auf eine positive Art leer. Ich bin auf einer inneren Suche durch neues unbekanntes Gelände. Überall entdecke ich neue Ideen, spüre wie sie wachsen, oder sich in Luft auflösen. Ich befinde mich auf einem Lebens-Spaziergang, entdecke neue Pflanzen und Tiere, eine völlig neue Umgebung. Das Licht scheint anders auf meinen Weg, gedämpft und heller auf das weglose Gelände. Ich rieche die frische belebende Luft, kenne aber meinen Weg nicht. Nein es macht mir keine Angst so weglos zu sein. Ich fühle, wie die Neugier mich belebt, mir Freude am Leben gibt. Das Warten und Suchen stört mich nicht. Ich muss nicht mehr den alten, schon so oft von mir begangenen Weg nehmen, denjenigen den ich auswendig kenne. Ich darf aufatmen, neu entdecken, Altes loslassen und suchend sein.“

 

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Reflexion

Ähnlich wie bei einem plötzlichen Todesfall, waren auch bei einem Suizid noch so viele Dinge gemeinsam geplant. Die Hinterbliebenen stehen da und schauen auf die Pläne und Wünsche, die zu Nichts zerrinnen. Es ist eine Herausforderung da nun wieder aktiv zu werden und selbst zu gestalten. Denn manchmal fühlt es sich an, wie ein Verrat an der Verstorbenen, das Gestalten ist mit der dauernden Angst zu vergessen verbunden. Doch selber wieder aktiv zu werden und zu sein, ist befreiend. Das eigene Leben kann irgendwie weitergehen, auch wenn Trauernde mit der Gestaltung dessen ringen. Menschen, die in dieser Phase ein Resonanzboden sind und neue Maltechniken aufzeigen, können sehr hilfreich sein. Die „Maltechniken“ bzw. das, was der trauernden Person neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet, ist individuell. Da ist auch die Kreativität und das genaue Hinhören der Begleitenden gefragt.

totsächlich #24 Was kann ich noch glauben?

Durch Angelikas Suizid wurde nach und nach nicht nur mein Leben, Studium, Alltag und meine Zukunft in Frage gestellt, sondern auch meine persönlichen Glaubensüberzeugungen. In meinem Tagebuch fand ich folgende Stelle aus dieser Zeit: „Ich weiss nicht mehr an was ich glaube: Wer ist Gott? Was ist Kirche? Was trägt? Vieles in meinem Leben scheint nicht mehr zu existieren. Dinge, die so unverrückbar schienen haben sich in Nichts aufgelöst.“ Viele Jahre hatte ich in einer reformierten Kirche mitgearbeitet, freiwillig und später als angestellte Jugendarbeiterin, ich war auf dem Weg ins Pfarramt, am Ende des Theologiestudiums, aber meine ganzen Glaubensüberzeugungen, mein Sinnsystem schienen zusammengebrochen. Wie bei einer Zwiebel begann sich Schicht um Schicht wegzuschälen, manchmal bewusst, häufig unbewusst. Dieser Vorgang dauerte allerdings Tage oder Monate, viel meiner Fragen und das Suchen zogen sich über Jahre hinweg.

Wie bereits beschrieben hatte sich mein bisheriges Bild von Kirche durch meine Enttäuschung schon aufgelöst. Ich verlor (zum Glück) den Glauben daran, dass es perfekte Gemeinschaft und heile Orte auf dieser Welt gibt. Doch es ging weiter: Traditionelle Gottesdienste waren mir immer zu eng und zu staubig gewesen, daran hatte sich nicht viel verändert. Doch bei den modernen Gottesdienstformen waren es vor allem die Lieder und die Fröhlichkeit, die ich nicht mehr ertragen konnte und mir fremd wurden. Alles schien mir zu seicht und zu lebensfern. Da hiess es beispielsweise in einem Lied: „I will worship you in my darkest hour, I will worship you when I am out of power…” wie sollte das gehen? Ich war nicht Paulus, der im Gefängnis noch Lieder sang und predigte. Ich wusste, dass ich in den dunklen Stunden keine Loblieder sang, da blieben höchstens noch Klage, Vorwürfe und oftmals auch Sprachlosigkeit Gott gegenüber.

Auch das Gottesbild wurde dekonstruiert oder vielleicht vielmehr erweitert. Es wurde facettenreicher und unschärfer. Ich wendete mich nicht vom christlichen Sinnsystem ab, aber von den vielen übernommenen Gottesbildern und Praktiken. Gott musste mehr sein als „mein Freund“ und ganz bestimmt nicht nur männlich, oder? Wie feiert man Gottesdienst, wenn man diese nicht erträgt? Wie betet man, wenn man sprachlos ist? Diese und viele weitere Fragen tauchten nach und nach auf und wechselten sich ab. Gott-los werden wollte ich nicht. Doch neue oder andere Formen musste ich für mich in dieser Trauerphase finden. So entdeckte ich zum Beispiel die Tagzeitengebete der Benediktiner. Was mich tief berührte war beispielsweise die lateinische gesungene Vesper im Kloster Einsiedeln.

Meine Gebete schienen belanglos und noch häufiger war ich wortlos. So zwang ich mich nicht zu inhaltsleeren Gebeten, sondern rang Wort um Wort mit der Sprachlosigkeit, bis sich mir das Gebet als Text in meinem Tagebuch darbot:

Zum Himmel schau ich müd und leer,

Bin Körper, Hülle, Staub, Gebein

Doch schafft in mir, was ich nicht schaff?

Bewegt sich das was tot erscheint?

Nur durch Gott, durch ihre Kraft

Stillt sie den Ort der Hoffnung schafft

Nach oben hebe ich den Blick

zum Licht, das Licht im inneren ist.“

Ich lernte, dass Glaube häufig Suchen, Fragen, Nichtwissen und Ringen ist. Hoffen auf etwas, das man nicht wissen kann und doch irgendwie erahnbar ist. Suchen nach etwas, das Hoffnung schafft und ganz persönlich berühren kann. Das man nicht festhalten kann und dennoch in der Bibel und in der Geschichte der Kirche, in Bildern und Texten beschrieben wird. Nach einem misslungenen Versuch Worte für ein Gebet zu finden, schrieb ich in mein Tagebuch: „In mir gibt es auch viel Hoffnung. Ich glaube, dass ich Angelika wiedersehen werde, doch zuerst einmal muss ich leben, darf ich leben und ich darf hoffen und ich darf darauf vertrauen, dass mein Leben einen positiven Einfluss in dieser Welt haben wird.“

 

Reflexion

Was sich hier als kurzer Text darstellt, beschreibt in Realität einen jahrelangen facettenreichen Weg: Zweifeln – wieder glauben lernen – hinterfragen – Vertrauen wagen… Dieser setzt sich weiterhin fort, denn mein persönliches Glaubenssystem wurde durch die Trauererfahrung in Frage gestellt und über die Jahre hinweg „reframed“: vom vermeintlichen Besitz des richtigen Glaubens zu einem fragenden Hoffen.

Die Dekonstruktion von Glaubensüberzeugungen kann für religiöse Menschen ein schmerzhafter Prozessschritt in der Verarbeitung eines Suizides sein. Häufig bleibt nach einem Suizid nichts mehr wie es war – aber es kristallisiert sich dadurch auch der Kern, das was trägt, heraus. Alles was oberflächlich ist, wird dabei unerträglich. Dafür besteht die Chance neue und eigene religiöse Formen kennen zu lernen und dafür eine Sprache zu finden. Dieser Schritt ist nötig und muss nicht zwingend negativ sein. Durch mein Studium und später das Vikariat und Pfarramt, durch Freunde und die Promotion blieb ich theologisch und religiös im Gespräch. Gesprächsoffenheit und Dialogbereitschaft, gerade auch in Bezug auf religiöse Umbrüche, sind für trauernde Menschen hilfreich. Aber nur dann, wenn gemeinsam gesucht, gefragt und diskutiert werden darf und die Hinterbliebene nicht von religiösen Erwartungen und Anforderungen überrollt wird.

totsächlich #20 Wer ist schuld am Suizid?

Wie im letzten Beitrag beschrieben, meldete sich die Wut plötzlich und wie ein Vulkan in meinem Trauerprozess. Anders war das mit den Schuldgefühlen. Die waren seit dem ersten Augenblick, als ich von Angelikas Suizid erfahren hatte, da. Manchmal waren sie nur latent und kaum spürbar anwesend, manchmal aber alles beherrschend. Monatelang rekapitulierte ich in unzähligen Wiederholungen mein letztes Telefonat, meine letzten SMS und Mails mit Angelika. Warum hatte ich nichts gemerkt? Hätte ich sie noch direkter auf das Thema ansprechen müssen. Es schien ihr doch besser zu gehen?! Warum hatte ich nicht darauf bestanden, dass sie uns auf unserer langen Hochzeitsreise besuchen kommt und ein paar Wochen mitreist? Hätte ich ihre Psychiaterin anrufen und sie auf die ausgestellten Schlaftablettenrezepte ansprechen müssen? Warum hatte ich mich ein halbes Jahr zuvor mit Angelika gestritten, wäre es anders gekommen, wenn das nicht gewesen wäre. Wir hatten uns doch schon längst versöhnt? Vielleicht tat ihr unsere Freundschaft nicht gut? Ich versuchte schriftlich in meinem Tagebuch mit der Schuldfrage einen Umgang zu finden:

«Im Angesicht von Angelikas Tod wird mir meine Machtlosigkeit immer wieder bewusst. Obwohl ich in die Beziehung zu Angelika so viel investiert habe und so oft zu Gott um ihr Leben gefleht habe, hat doch alles nichts genützt. Weder Gebet, noch Bemühungen, noch Liebe, noch Ermutigung und Freundschaft konnten in Angelikas Leben etwas verändern und ihren Tod verhindern. […] Weisst du Angelika, dass ich deinen Verlust nicht so einfach verkraften kann? Ich frage mich, was hätte dich am Leben erhalten können? Warum hat deine Familie deine Krankheit ignoriert? Warum hast du nicht angerufen, als es dir schlecht ging? Habe ich versagt? Was hätte ich tun sollen, damit du geblieben wärst? Ich hätte es spüren und wissen müssen! Warum habe ich nichts gemerkt? Ihr Tod ist so sinnlos, solch eine Vergeudung von Leben! »

Lange lebte ich in der Überzeugung, dass ich etwas hätte merken müssen. Ich hätte spüren müssen, dass sie sich das Leben nimmt. Wenn ich die eigenen Schuldzuweisungen nicht mehr aushielt, dann machte ich in inneren Monologen Angelikas Familie und dem weiteren Umfeld Vorwürfe. Warum hatte die Familie nichts gegen das Mobbing unternommen, dem Angelika als Kind ausgesetzt war? – Dann würde sie jetzt sicher noch Leben! Wie konnte eine ausgebildete Fachperson, eine Psychiaterin, so gedankenlos Medikamente verschreiben? – Das war doch fahrlässig! Und wo waren die anderen Freunde? – Die hätten es doch merken müssen!

Chaotisch, unkontrolliert und zermürbend drehte sich in meinem Kopf die Schuldspirale: Auch ich hatte versagt…

Reflexion

Nicht nur Wut ist Teil des Trauerprozesses nach einem Suizid. Ganz typisch sind Schuldgefühle. Ich habe unzählige Gespräche mit Hinterbliebenen geführt und es gab kaum je eines, indem Schuld, auch nach vielen Jahren, kein Thema war. Die Schuldgefühle und Selbstvorwürfe können in diesem komplexen Trauerprozess überwältigend sein. Häufig werden in endlosen Schlaufen Selbstgespräche geführt, in denen rekapituliert wird, was man anders hätte machen müssen, wie man den Suizid hätte verhindern können. Auch im Umfeld werden weitere Schuldige gesucht. Schuldgefühle gehören zu den stärksten Bindegliedern zu der verstorbenen Person. Sie sind zwar belastend, aber sie haben die Funktion die Beziehung aufrecht zu erhalten. Zudem schützen sie die Trauernden vor dem Gefühl der absoluten Ohnmacht. Paradoxerweise bleibt die suizidierte Person näher, wenn die Schuldfrage immer und immer wieder gestellt werden kann. Es bringt den Hinterbliebenen allerdings nichts, wenn sie unreflektierte Schuldzuweisungen oder –entlastungen hören. Gerade zu Beginn bringt es der trauernden Person nichts, wenn die Schuldfrage negiert wird und noch weniger, wenn vom Umfeld die Schuld aktiv zugeschoben wird. Schuldfragen dürfen, zumindest zu Beginn, auch einfach unkommentiert, aber doch gehört (!) bleiben. Später kann es hilfreich sein, wenn man der trauernden Person den Unterschied zwischen Schuldgefühlen und tatsächlicher Schuld aufzeigt und dabei mithilft, diese komplexen Emotionen einzuordnen.

totsächlich #19 Die Wut bricht durch

Acht Monate nach Angelikas Suizid hatte ich es nun zum ersten Mal gewagt zurück an die Uni zu gehen. Die Sperrzone hatte ich betreten und unsichtbare Barrieren waren eingebrochen. Doch der erste Besuch in der Sperrzone ging nicht spurlos an mir vorbei. Am nächsten Tag tobte ein Erinnerungs- und Gefühlswirbelsturm in meinem Inneren. Angelikas Suizid hatte mich bis dahin häufig in eine lähmende Starre, in Verzweiflung und scheinbar unendliche Trauer versetzt. Doch nun traten andere Gefühle in den Vordergrund, die zwar schon vorher da waren, die ich aber bisher nicht bewusst wahrgenommen hatte. Meinem Tagebuch vertraute ich damals folgendes an:

«Gestern war ich das erste Mal wieder in Zürich an der Fakultät, dank Peter. Doch wie einsam und verlassen habe ich mich ohne Angelika gefühlt. Wie vertraut und gleichzeitig entfremdet ist mir alles vorgekommen. Mir wurde wieder einmal schmerzlich bewusst, wie allein und im Stich gelassen ich mich von Angelika fühle. Alles hat nichts mehr gezählt, die Pläne, Abmachungen, aber vor allem auch unsere Freundschaft – alles wurde für sie so bedeutungslos, dass sie es einfach wegwarf. Angesichts des Todes von Angelika, glaube ich manchmal, nie mehr richtig Lachen zu können, entweder bin ich tief traurig oder unglaublich wütend.»

In die Gefühle von Trauer und Einsamkeit mischten sich nun vermehrt Wut und Enttäuschung. Sie hatte alles weggeworfen, alle gemeinsamen Pläne, alle Abmachungen, Versprechen, einfach alles. Wie konnte sie mir das bzw. uns nur antun?! Das war verdammt nochmal unfair. Ich schäumte vor Wut und war zutiefst enttäuscht von Angelika. Gleichzeitig erschrak ich selbst über meine starken Gefühle. Durfte ich so wütend auf meine Freundin sein? War das legitim? Sie konnte ja nicht anders – oder? Wie ein Tiger im Käfig ging ich im Wohnzimmer auf und ab. Ich wusste nicht wohin mit meiner Wut. Sollte ich sie an mir selbst auslassen? An meinen Mitbewohnenden? Vor Enttäuschung hätte ich laut schreien können – doch ich schwieg – zuerst. Irgendwann zog ich meine Joggingschuhe an und lief in den nächsten Wald. Da stand ich nun alleine, stampfte und trat auf die Bäume ein, die um mich herumstanden. Immer und immer wieder schlug und kickte ich auf die Baumstämme ein. Ich war unglaublich wütend auf meine tote Freundin und hatte gleichzeitig kein Ziel mehr für meine Wut, Angelika hatte sich ja allem entzogen, mit meiner Wut und den Vorwürfen blieb ich alleine zurück. Irgendwann war ich müde vom Schlagen und Treten und hatte zudem schon blaue Flecken an Armen und Beinen – doch ich fühlte mich ein bisschen besser. So ging ich wieder nach Hause. Ich setzte mich an den Küchentisch, machte einen Plan für den Studien-Abschluss, entwarf meine Lizentiats-Arbeit, schickte dem Ethikprofessor meinen Entwurf und beschloss mein Studium so bald wie möglich zu beenden. Meine Wut löste die innere Erstarrung auf, ein neues Feuer brannte in mir, ohne dass ich mir dessen bewusst war.

 

Reflexionen

Wie eine Flutwelle brach plötzlich die ganze Wut, Empörung und Enttäuschung über den Suizid meiner Freundin über mich herein. Bei einem Suizid kann, anders als bei einem Unfall, die Schuld der sich suizidierenden Person zugeschoben werden. Der Suizid als höchster Grad der Autoaggression löst auch Fremdaggression aus. Ein Suizid kann so bei den Hinterbliebenen grosse Wut und Enttäuschung auslösen. Das Problem ist nur, dass die Adressatin der Wut fehlt. Die Wut und Enttäuschung läuft ins Leere oder wird auf das Umfeld projiziert, weil die eigentlich verantwortliche Person nicht mehr da ist. Hier ist es wichtig ein „gesundes“ Ventil für die eigene Wut zu finden und noch viel wichtiger die eigene Wut überhaut zuzulassen. Hinterbliebene Personen haben ein gutes Recht wütend und enttäuscht zu sein. Es ist hilfreich sich dies selber zuzugestehen. Für helfende Berufe ist es wichtig um diese Wut zu wissen, sich davon nicht erschrecken zu lassen und den Hinterbliebenen Personen zu helfen sich diese zu erlauben, auszudrücken und konstruktive Wege des Umgangs damit zu finden.

totsächlich #17 Auf dem Weg zurück in den Alltag (1): Sperrzonen erkennen

Schon nahte der Frühling, die Tage wurden wieder länger und auch etwas wärmer. Doch mein Studium hatte ich nicht mehr aufgenommen. Ich konnte und wollte nicht mehr studieren, aber vor allem fühlte ich mich immer noch nicht fähig nach Zürich zu gehen. Schon bevor ich auf Hochzeitsreise ging und vor Angelikas Suizid hatte ich auf den Frühling 2007 ein Gespräch mit meinem kirchlichen Mentor Peter abgemacht. Und da ich ungern Termine absagte, ging ich zum Gespräch. Damals war es so, dass jede Person, welche beabsichtigte die praktische Pfarrausbildung zu absolvieren, eine Pfarrperson als kirchliche Mentorin oder kirchlichen Mentor haben musste. Die Aufgabe des kirchlichen Mentors war es, einem während dem Studium zu begleiten und bei den kirchlichen Eignungsabklärungen dabei zu sein. Als ich mich dann mit Peter im Kirchgemeindehaus traf, wusste er nicht, dass ich nicht mehr studierte. Ich kannte Peter nun schon ein paar Jahre und hatte ihn als kompetent und vertrauenswürdig erlebt. So erzählte ich ihm von der Selbsttötung meiner Freundin und meiner Orientierungslosigkeit. Zögerlich sprach ich weiter und erklärte ihm, dass ich mein Studium nicht mehr aufgenommen hatte und dass ich nicht wusste, ob ich dazu nochmals in der Lage wäre. Es war mir zwar peinlich, trotzdem erzählte ich ihm von dieser unsichtbaren, unüberwindbaren Wand, die zwischen dem Zürcher Oberland und Zürich zu sein schien und die es mir verunmöglichte wieder an die Universität zu gehen. Peter hörte mir aufmerksam zu und stellte ein paar Rückfragen. Er wollte wissen, ob ich generell Angst vor der Stadt Zürich hätte oder ob mir nicht vielmehr gewisse Gebiete Mühe bereiten. Er stellte Rückfragen nach den Orten, wo wir gemeinsam gelernt hatten und wollte wissen vor welchen Räumen an der Uni ich mich besonders fürchtete. Er erkundigte sich danach, wo ich Angelika kennen gelernt hatte und in welchen Räumen wir uns am meisten aufgehalten hatten. Peter tastete sich langsam an das Thema heran. Durch seine gezielten Fragen zwang er mich dazu konkreter zu werden, die Angst zu benennen und gewissen Orten und Räumen Erinnerung zuzuweisen. Wie ein Kartograf und eine Kartografin begannen wir das Gebiet zu vermessen und Grenzen und Wegmarken zu zeichnen. Dadurch bekam die Angst Konturen und wurde differenzierter. So wurde mir bewusst, dass ich nicht vor Zürich Angst hatte, sondern vor dem Gebiet um die theologische Fakultät. Der Angstpegel stieg je mehr ich mich gedanklich der theologischen Fakultät näherte. Am meisten fürchtete ich mich vor dem Aufenthaltsraum, da wo ich Angelika kennen gelernt hatte. Da wo wir gemeinsam gekocht, gelernt und Tischfussball gespielt hatten.

Ich konnte feststellen, dass die Angst linear mit der Menge von Erinnerungen, die ich gewissen Räumen und Orten zuschrieb stieg. Je mehr Angelika-Erinnerungen ich mit einem Ort verbinden konnte, desto grösser wurde die Angst vor diesem Raum. Zudem wurde die Angst konkreter, sie bekam eine Form und einen Umriss. Es war die Angst davor, dass mich die Trauer über den Verlust überwältigt, so sehr, dass ich es nicht mehr ertragen könnte. Ich hatte Angst davor, diese Gefühle nicht auffangen und kanalisieren zu können und davor ganz alleine an diesen erinnerungsbeladenen Orten zu stehen.

Gegen Ende des Gespräches hielt Peter inne, überlegte kurz und schlug mir vor gemeinsam nach Zürich zu gehen und zusammen diese Orte zu besuchen. Ich wusste, dass Peter ein geübter Notfallseelsorger ist, der auch andere Notfallseelsorgerinnen und –seelsorger ausbildet. So stimmte ich seinem Vorschlag zu und wir vereinbarten einen Termin für die kommende Woche.

Reflexion

Es war ein Glücksfall, dass ich eine hochqualifizierte, in der Notfallseelsorge sehr geübte Pfarrperson als Mentor hatte. Er erkannte, dass die Angst wie eine undurchsichtige Wolke über mir schwebte. Sie war riesig und nicht fassbar. Indem er mir half die Angst zu benennen und die Erinnerungen konkreten Orten und Räumen zuzuordnen, verlor sie ihre Übermacht. Die Angst wurde fassbar. Sie wurde in Stücke zerteilt und konnte mich nicht mehr überwältigen. Es hatte mir geholfen, dass wir die Angst nicht einfach Angst sein liessen und wegschauten. Mit Peter zusammen wurde es möglich ihr ins Gesicht zu blicken. Die Angst war zwar noch da, aber sie wurde überschaubar und erste Schritte auf sie zu wurden möglich. Ich konnte ihr in die Augen, bzw. in die geographischen Orte, Räume und Erinnerungen schauen. Dies hätte ich damals nicht alleine machen können. Es war nötig, dass mir eine kompetente Pfarrperson / Fachperson bei dieser Aufgabe half. Ich war zum einen darauf angewiesen, dass sich jemand auskannte, keine Angst vor dem Thema hatte und in der Lage war ein gelingendes Seelsorgegespräch zu führen. Ich fühlte mich während dem Gespräch nie in Gefahr, allein der Angst ausgeliefert zu sein und von ihr überrollt zu werden. Da war eine Person, die mir das Gefühl gab „under control“ zu sein, die wusste was sie tat und mich in diesem Gespräch Stück für Stück weiterführte. Fachpersonen, Pfarrpersonen, kompetente Begleiterinnen und Berater sind in diesem Schritt der Trauerbewältigung zentral. Sie sind es, die auf Wege hinweisen, die gangbar sein könnten und diese Wege mit der trauernden Person zusammen beschreiten. Als Trauernde hätte ich weder den Blick noch die emotionale Kapazität gehabt diesen Weg alleine zu gehen. So war es also mein kirchlicher Mentor, der die erste Brücke zurück an die Universität, zurück in das geliebte Theologiestudium, baute.

 

Ökologische Haustiere – Wurm-Recycling

Nachdem ich mich über einige Jahre an einen Kompost im Garten gewöhnt hatte, störte es mich, nach dem Umzug in eine Wohnung, dass unserer Rüstabfälle im Mülleimer landeten. Es war paradox: das wertvolle organische Material wurde weggeworfen und gleichzeitig ging ich ins Gartengeschäft und kaufte Kompost für unseren „urbanen“ Terrassengarten. Organisches Material wie Rüstabfälle, Pflanzenabschnitte etc. sollten in den Stoffkreislauf der Natur zurückgeführt werden, sie ergeben einen hervorragenden Humus und gelten als vollwertiger natürlicher Dünger. In der Schweiz wurden 2012 insgesamt 851’000 t biogene Abfälle wiederverwertet, was einer Menge von 106 kg pro Person pro Jahr entspricht (Quelle: BAFU).

Es waren einige Recherchen notwendig, doch dann zogen bei uns 1001 Kompostwürmer ein.

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Da die „Behausungen“ für die Würmer von WORMUP immer ausverkauft waren, entschied ich mich für einen anderen Kompostierer (die wormups bieten allerdings m.E. den klimatisch natürlichsten Lebensraum für die Würmer). So leben nun seit bald einem Jahr eine ganze Menge Würmer in unserer Wohnung und verwerten die Küchenabfälle in rasantem Tempo. Stinken tut nix und der Reinigungsaufwand beträgt nicht mehr als 30 Minuten pro Woche.

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Ein paar Tricks gibt es zu beachten:

  1. Die Würmer müssen sich zuerst einleben – langsam anfüttern.
  2. Die „Wurmbehausung“ sollte nicht zu trocken und nicht zu feucht sein.
  3. Je kleiner die Küchenabfälle zerstückelt werden, desto schneller und effizienter sind die Würmer.
  4. Der Wurmkompost muss jede Woche einmal gewendet werden.
  5. Keine Zitrusfrüchte, Zwiebelreste, Milchprodukte und kein Fleisch in den Kompost, das mögen die kleinen Vielfrasse nicht.
  6. Teigwaren, Reis und andere Kohlenhydrate nicht in zu hohen Mengen.
  7. Sehr gerne werden Gemüseabfälle und Früchte von den Würmern gegessen.

Messy Church – an example of a a milieu-sensitive church in a postmodern world

You can find the whole article with more details in „Being Messy, Being Church

Messy Church, as a local contextual church and a worldwide movement at the same time, appeals to thousands and thousands of people who might not otherwise attend `traditional church’. Why? What are the cultural differences? Is it because of lower expectation of prior knowledge? Does Messy Church function better within certain cultures? And how important are the formation of relationships, the possibility of participation and the aspect of fun? As already shown in previous books, Messy Church is not ‘church lite’; it is grounded in Christian tradition, centred on God and it aims to be church.[1] And still it is a place where (certain) postmodern, unchurched and de-churched people want to be and want to learn, celebrate and experience Christian spirituality[2].

[1] Cf. George Lings, (ed)., Messy Church Theology. Exploring the significance of Messy Church for the wider Church (Abingdon: The Bible Reading Fellowship, 2013).

[2] As the report from the Church Army’s research Unit suggests: 80% of the people involved in a fresh expression wouldn’t be in an other church.  http://www.churchgrowthresearch.org.uk/UserFiles/File/Reports/churchgrowthresearch_freshexpressions.pdf

Messy Church, postmodernity and Sinus-Milieu – an Analysis

Anyone who visits a Messy Church knows that it is a loud, colourful and messy place. Kids are running around, parents, volunteers and elderly people are talking and lots of creative possibilities for adults and children are there to be discovered. People of all-age (except teenagers) sit together around tables, eating, painting, experiencing Christian stories in creativity, crafts and discussing life. If a steeple or pews are a symbol for inherited church and icons for the Orthodox Church, a table is the object that best symbolizes Messy Church. Messy Church is about people sharing life (and Christ) around a table. A happy and harmonious atmosphere is what people often experience, and this is what the Modern Mainstream milieu of the Sinus-Milieus-Theory is looking for. Sinus-Milieus are descriptions of segments of existing cultures in a common society. Because priorities of values, social situations, heritage and lifestyles are taken into account, Sinus-Milieus are not as fast changing as for example lifestyle typologies. Strikingly, many fresh expressions of church can be correlated with a specific milieu[1]—including Messy Church. Many people found in Messy Church belong to the Modern Mainstream, but it is important to know that there is always an overlap between the milieus there is no absolute delineation.

a. Time and Security

If the relational and child-focused environment that Messy Church creates is compared with the needs and wants of the Modern Mainstream milieu of the Sinus-Milieu theory, they very much fit and correlate. This milieu is called Quiet Peaceful Britain in the UK analysis; this group are looking for harmony and private happiness, strong relationships with family, relatives and friends, and comfort and pleasure. They are striving for social integration and material security and they are often defensive towards changes in society.[2] The setting of Messy Church addresses these needs and creates an environment where spirituality can be discovered playfully. In contemporary life, there are not many opportunities for families to actually do things together, to have time for a meal and to experience and talk about the meaningful things in life. In a fast and hectic world full of work, appointments and ‘to do’ lists, these times of being together already have a sacred feel to them.

Messy Church offers not only time together as a family, but it opens up a safe and sacred space by giving people a visible structure. Even tough people are surprised by the creative ideas, Christian experiences and messy possibilities that are going on in Messy Church, all within an apparently ordered and safe setting. Messy Church is structured and it has a time frame to it. If you visit different Messy Churches, you will immediately notice that the time frame (and sometimes the meal) differs from one context to another. But for the families involved in one local Messy Church, it offers a fairly fix structure (creativity, celebration, meal). The milieu of the Modern Mainstream is in need of this safe, predictable structure. If that is not provided, then those attending wouldn’t to feel comfortable to explore spirituality and build up the relational surrounding that works so well in Messy Church. A postmodern and pluralistic world offers fewer of those safe and secure places, values and behaviours. The need for reliable environments is especially high for this milieu, and Messy Church provides this, making it very attractive for the Modern Mainstream to visit, participate and become involved.

b. Relationship and community

Messy Church opens up the possibility of meeting people with children of a similar age, to build up friendships and to talk about the schools in the area, about the sorrows and joys they experience as a family. Messy Church enables families to belong to a wider ‘clan’ and be integrated into a bigger community. It even can be thought of as a replacement of clan structures, with grandparents and the wider family, that were give until the 19th and 20th centuries. In Messy Church children have the possibility of interacting with proxy grandparents. This is often very appreciated by the Modern Mainstream, because the value of family can still be passed on, even if the natural family lives far away. Often volunteers in Messy Church are also from the Modern Mainstream, though the older volunteers might be from the Traditional milieu. The Traditional milieu represents values such as security and orientation to the status-quo, rather rigidly sticking to traditional values (such as sacrifice, duty and order). They are modest and honest, down to earth, refer to themselves as ’the little people’, and are often concerned with health-care.[3] The volunteers from the Traditional milieu help to provide security and family values.

c. Participation

Modern Mainstream appreciate traditional values and a good domestic setting, including good housing, a little garden, a car, getting good marks at school, perhaps owning a dog. They value respect, good behaviour, love for each other, a good upbringing and some spirituality of some form. But these do not necessarily lead to ‘going to traditional church’ since, alongside these values, Modern Mainstream people are still postmodern people. If there isn’t an opportunity for participation, if there is no option to correlate the Christian content with the daily experience of life, then these people are not interested in church. There is not much time in the week after the demands of work, so if the place doesn’t fit for the whole family they will use their time differently. The participative nature of Messy Church, with its opportunities to explore an experience-based spirituality, opens the door for church in the life of a postmodern-modern-mainstream-minded person. This setting actually offers a space to get involved in a relevant way. This wouldn’t be the case for a person from (for example) the Digital Avantgarde, since this group are looking for non-conformist, no-fixed-dogma, creative and individualistic environments, where self-realization, freedom and independence is given.[4]

Because Messy Church is experience based, easy accessible and a place to have fun, it attracts not only people from the milieu of the Modern Mainstream but also from the Consumer-Materialists. This milieu is marked by materialistic and consumer hedonistic values. People in this group are striving to keep up, but often remain socially disadvantaged and uprooted, sometimes even precarious.[5] It seems more difficult for church to build up relationships with this milieu, because this group are looking for even more possibilities of experience and fun. But the simplicity of communication in Messy Church makes it highly accessible for this milieu. Most Messy Churches will probably have more Modern Mainstreamers and a few Consumer-Materialists, unless they develop next to or within socially deprived areas.

d. Experience

The life-style and mind-set of many postmodern people is very much experience-based. They construct faith, truth and identity out of experience; only what is experienced and lived through turns into a meaningful reality in life. People increasingly need to know that God is involved in the details of their lives. Messy Church is about giving people room to realize and experience that. It is an accessible spirituality which is very ‘can do’: ‘you can experience God’. The represented Sinus-Milieus in Messy Church are drawn to an everyday description of spirituality; God is attractive when presented as friend, companion, listener and ever-present reality. In contrast, there is much resistance to images of God as king, leader and judge, because this presentation of God is seen as a temptation to shirk personal responsibility for justice on earth. Messy Church creates a specific space for experiences—individually, as family and as extended Messy Church family. The individual religious experience turns, mainly through creativity, into a shared one. Furthermore, the experiences are often relational ones and that is what postmodern people are missing. So through individual experiences in a relational setting church happens contextually. Shared religious values and a sense of belonging emerges. It is not just spirituality has to be experienced, but also theology, church and Christian community.[6] It is then that it gains relevance in the life of a postmodern Modern Mainstream person. In this way, Messy Church fits very much into the general goal of fresh expressions of church as described by Rowan Williams:

Simply, I think, to provide a framework for people to discover faith and discipleship.[7]

e. Contextuality

The contextual framework of Messy Church allows people to discover faith and, in the long term, discipleship. Within pluralism there is no one-size-fits-all model anymore (if there was ever one). A diverse, pluralistic and postmodern world needs to work very locally and to be grounded in its immediate context. On the one hand, Messy Church does offer exactly that; it works super-locally. On the other hand, Messy Church is nearly a global movement; it combines the super-local and the globalized, networked world at the same time. Because of this, it is possible to be part of a contextual ‘little’ church and still be part of something bigger. This mind-set fits postmodern people and raises the motivation for involvement. And it is especially important for volunteers to be part of something bigger than the local. It opens up ‘kingdom thinking’ which at the same time is very local; as Dave Male put it:

So I think it is very much saying: this isn’t just a community that gathers for its own sake, but it gathers for the sake of the world.[8]

In my whole research on the Fresh Expressions movement (and Messy Church as part of it) the underlying topic of the furtherance of the ‘Kingdom of God’ emerged as important. That’s why church ought to be contextual, in order to be able to share life with postmodern, and in the case of Messy Church, Modern Mainstream people.

Conclusion

A good relationship between church and postmodernity can be described as one of facilitation. The church facilitates relational space for community between God and the world. This event is described by Rowan Williams:

Somehow the church as a priestly people bringing the need of the world to God, bringing the promise of God to the world, standing in the middle, that’s important.[9]

According to this mind-set church primarily happens through an encounter of people with each other and God.[10] Through that a dialogical-relational ecclesiology emerges, in which church is not defined according to a practice, institution or building, but rather according to a dialogical relational-event between the Trinity, Christian community, society and the worldwide body of Christ. Church development becomes a contextual offer of dialogue between different sides with its goal to contribute to the kingdom of God.[11]

Messy Churches around the world do facilitate this interaction by actually creating the space to discover spirituality for postmodern people. This is its strength. In this process theology happens very much hands-on and in this manner is brought into everyday life. Messy Church thereby combines social and Christian values, community in the neighbourhood and doing things with being church. By that a church emerges which is suitable for Modern Mainstream and partly Consumer-Materialists milieus. The set up of Messy Church guarantees Christian and ecclesial experiences in a safe environment. As such Messy Church has to pay attention to stay contextual in every new setting it emerges. It would not have done justice to Messy Church and its potential if it had been degraded to a program. The temptation to generalize the whole Messy Church movement to a model is ever present. This is partly because the Modern Mainstream milieu is widespread globally. But in the long run Messy Church is successful because of its very contextual nature; postmodern people, including children, and their way of relating to God are taken seriously. Such a respect for individual journeys of faith is essential.

Messy Church did not start with concepts but with people—people who just wanted to be and do church with their neighbours. This relational experience-based approach is the key with segments of a pluralistic and postmodern society and it is perhaps also the key to changes in the wider church. At the very least, Messy Church provides a helpful innovative field of learning for many long-standing churches. In the Church of England the relational and experience-based approach of fresh expressions of church has influenced and still influences its ecclesiology and therefore in the end its relationship to a postmodern society.

 

[1] Cf. SINUS: Informationen zu den SinusMilieus (Heidelberg, 2011).

[2] «Sinus-Meta Milieus», 8, accessed 6th January 2016, http://www.sinus-institut.de/veroeffentlichungen/downloads/.

[3] Ibid.

[4] Ibid.

[5] Ibid.

[6] The concept of theology in Messy Church fits very much into the discussion on contextual theology. Cf. for example Laurie Green, Let’s Do Theology: Resources for Contextual Theology, 2. Aufl. (London ; New York: Mowbray, 2009), 4ff.

[7] Müller, Fresh Expressions of Church – Beobachtungen und Interpretationen einer neuen kirchlichen Bewegung Chapter 7.6.4 .

[8] Ibid. Chapter 7.3.4 .

[9] Ibid. Chapter 7.4.3.

[10] Cray et. al., Mission-Shaped Church, vii.

[11] Sabrina Müller, «Fresh Expressions of Church», in Handbuch für Kirchen- und Gemeindeentwicklung, hg. von Ralph Kunz und Thomas Schlag, 1. Aufl. (Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Theologie, 2014), 453.

 

 

 

totsächlich #16 Die Leerstelle

Die Weihnachtstage waren vorbei und das neue Jahr brach bald an. Das erste Mal seit 10 Jahren wollte ich nicht über Neujahr in das Lager der Kirche gehen. Normalerweise liebte ich das Neujahrslager, ich kannte fast alle der über 100 Teilnehmenden und war vor Angelikas Tod ein fester Teil dieser christlichen Gemeinschaft gewesen. Doch seit Angelikas Tod hatte sich vieles verändert. Ich fühlte mich nicht mehr als Teil dieser Gemeinschaft. Grössere Menschenansammlungen erschreckten mich. Unter Menschen fühlte ich mich noch einsamer und die Lücke, welche Angelika hinterlassen hatte, wurde mir noch schmerzlicher bewusst. Von den Leuten des Cevi fühlte ich mich nicht verstanden, sondern entfremdet. Zudem waren all die Kirchenlieder und Worship-Songs nur noch eine Farce für mich. Wie konnte ich „Grosser Gott wir loben dich“ oder „I will praise you in my darkest hour“ singen und ganz anders empfinden. Nein, all die Lieder wollte ich nicht mehr in den Mund nehmen. Sie waren kein Trost, sondern mutierten zu reinen Provokationen in meinem Leben.

So blieb ich zu Hause, wollte den Jahresübergang von 2006 zu 2007 nicht feiern, keine Menschen sehen und nicht wieder die fröhliche „Weihnachtsmaske“ anziehen müssen. Ich wusste auch nicht was ich zu feiern gehabt hätte, denn in mir blieb nur dieser Leere zurück. Der Verlust von Angelika war das Einzige was ich noch sehen konnte, das Einzige was zählte. Alles andere verlor ganz und gar an Bedeutung in meinem Leben. Auch die Menschen, die mir lieb waren, die versuchten mich zu verstehen, wie mein Mann und meine langjährige WG-Freundin, nahm ich nicht mehr richtig wahr. Sie konnten nicht mehr zu mir durchdringen. Wie eine Kluft umschloss mich die Leerstelle, die Angelika in meinem Leben hinterlassen hatte. Es war still um mich herum und alles Leben wurde von dieser tiefen Leere verschluckt. Ich war nicht in der Lage über diesen scheinbar unüberwindlichen Graben Brücken zu schlagen.

So gerne hätte ich mehr Lebenszeit mit Angelika geteilt. In meinem Tagebuch betrauerte ich die gestohlene Zeit:

„Ich hätte mir mehr Zeit, mehr Gespräche, mehr Erlebnisse mit dir gewünscht. Hättest du dir nicht mehr gewünscht? Angelika warum hast du mich allein gelassen schreit es immer und immer wieder in mir.“

Sie hatte mich und uns um die gemeinsamen Träume, um die gemeinsame Zeit betrogen und in meiner Wahrnehmung blieb ein Nichts zurück.

 

Reflexion

Wie anhand meines Lebens aufgezeigt kann bei Hinterbliebenen eines Suizids das Gefühl der Leere überwältigend werden. Das Leben, die Freundschaften und geliebten Menschen, das Schöne konnte ich nicht mehr schmecken, sehen und hören. Ich trauerte, nicht nur um Angelika, sondern auch um unsere verlorene Zeit und die zerstörten Träume. Im Angesicht eines Suizides wird auch das eigene Leben in Frage gestellt. Mehr als bei anderen Todesursuchen hinterlässt ein Suizid das Gefühl, dass die verstorbene Person die gemeinsamen Träume absichtlich zerstört und die Zeit geraubt hat. Doch zu diesem Zeitpunkt verlief auch diese Wut noch im Gefühl der Leere, doch das sollte sich in den nächsten Monaten noch ändern.

Mir war es damals nicht möglich Brücken zu bauen zu anderen Menschen hin, aber unerschrockene BrückenbauerInnen hätten vielleicht eine Chance gehabt zu mir zu gelangen. Niemand konnte zu dieser Zeit die Leerstelle ausfüllen, aber es war hilfreich, wenn sich jemand darum bemühte meinen Alltag mit Leben zu füllen und vor meiner manchmal abweisenden Art nicht zurückschreckte. Es ist wesentlich, dass die Trauer und Leere der Hinterbliebenen akzeptiert wird. Genauso wichtig ist es aber auch kleine Brücken der Hoffnung zu der trauernden Person hin zu bauen: ein kurzer Besuch, ein Stück Kuchen, ein nettes Wort, ein Kärtchen, ein Lächeln, eine Unternehmung, ein Zeichen der Freundschaft, ein gemeinsames Glas Wein, eine Lerngruppe, ein Telefongespräch, eine Umarmung, ein offenes Ohr, der Link zu einer Fachperson, Farben und Papier, Kaffee, und vieles mehr… Es braucht nicht viel, um mit dem Bau der Brücke zu beginnen, nur etwas Mut, doch jeder Stein kann viel bewirken.

Pioneering: the gift of not fitting in

Im Gespräch mit den Pionieren: Harry Steel und Simon Hall

Nach dem Besuch der Colleges wird es nochmals konkreter und praktischer auf unserer Studienreisen. Nun wird den Pionieren auf den Zahn gefühlt. Auf den ersten Blick haben die Pioniere Harry Steel und Simon Hall kaum Gemeinsamkeiten.

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Sowohl die Persönlichkeit, das Aussehen, als auch das Alter ist unterschiedlich. Harry ist darauf spezialisiert in 1-3 Jahren eine „komatöse“ Gemeinde wiederzubeleben. Seine Aufgabe wird „interim-ministry“ genannt, das die Church of England neu am kreieren ist. Simon ist seit mehr als 16 Jahren in Leeds als ordinierter baptist minister tätig. Simon leitet die fresh expressions of Church revive und ist mit seiner Gemeinde durch Left Bank Leeds fest im Ort verankert. Left Bank Leeds soll ein kreativer Gemeinschaftsort für genau diesen Kontext sein. Nur schon beim Vergleich von diesen zwei Personen werden jedoch einige gemeinsame Qualitäten offensichtlich.

 

Qualitäten einer Pionierin

  • Beide Personen, und alle Pionier/innen, die ich in den letzten 7 Jahre getroffen habe, sprechen davon, dass sie sich, in welcher Form auch immer, von Gott berufen fühlen.
  • Sie alle sind Menschen, welche die Grenzen zwischen christlicher und gesellschaftlicher Kultur am eigenen Leib erlebt haben und da nicht stehen geblieben sind. Sie leben aus der Überzeugung heraus, dass sich Glaube und Gesellschaft nicht widersprechen müssen, sondern dass es relationale (Sprach)formen gibt, welche Brücken bilden und aus denen ein Gemeinsames entstehen kann.
  • Sie brauchen und schaffen eine kreative Atmosphäre, in der mit der Tradition gespielt werden kann und Fehler gemacht werden dürfen.
  • Sie passen eigentlich nicht in ein kirchliches Umfeld, sie haben das «gift of not fitting in», sind dennoch loyal in ihrer Kirche verwurzelt und bekommen oder nehmen sich die Freiheit für Experimente.
  • «Pioneers see things other people don’t see and make something happen. » (Jonny Baker)
  • Sie schaffen sich Orte, wo sie Unterstützung und Ermutigung finden, und wenn sie Glück haben, wo ihnen von kirchlicher Seite her Unterstützung gewiss ist.
  • Sie lesen die Kontexte und Netzwerke genau, kennen ihre Tradition und haben eine christliche (Gebets-)Praxis.
  • Sie haben in sich einen Hobbit und einen Punk: «You need the Hobbit, who knows the tradition very well and works hard. But you need the Punk also, who is creative and messes everything up.» (Jonny Baker)