Mythos #5: Kirchliche Biodiversität versus Monokultur

Wenn ich an Vorträgen und in Veröffentlichungen von kirchlicher Biodiversität spreche verstehen viele die Metapher. Relativ prompt höre ich dann aber auch den Aufschrei: Kirchliche Biodiversität – dann ist das Gegenteil ja eine Monokultur.

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Ja genau! Dieser Beitrag befasst sich nun nicht mit einem Mythos, sondern mit einer Tatsache, welcher viele nicht gerne in die Augen schauen. Kirchliche Monokultur ist immer noch das gängige Paradigma in vielen europäischen Ländern (und nicht nur dort). Die geliebte und gemütliche kirchliche Monokultur wird immer noch (trotz Milieustudie) all zu gerne mit einem romantischen Bild der Volkskirche verbunden. Einen Überblick darüber, was nun aber genau kirchliche Biodiversität ist, wie diese theologisch zu verstehen und praktisch zu deuten ist wird im folgenden Artikel beschrieben:

feinschwarz.net-Kirchliche Biodiversität

Bild: http://www.elephantjournal.com/2012/05/10-diy-urban-gardening-ideas/

 

 

Mythos #4: Pfingstlicher Mut statt Kurse und Konzepte

Im kontinentaleuropäischen Kontext kommt mir immer mal wieder das Gerücht zu Ohren, dass Mann/Frau zuerst einen Kurs, wie beispielsweise Mission-shaped Ministry, besuchen muss, bevor diese Person eine fresh expression of Chuch starten kann. Vorzugsweise vor aber sicher nach dem Kurs werden Konzepte geschrieben. Falls „pioneering“-Stellen von Landeskirchen geschaffen werden, will die Mutterkirche eine Erfolgsgarantie – am liebsten im Zeitraum von drei Jahren (!).

Wagt man einen Seitenblick auf die neueren Statistiken der Church Army’s Research Unit zeigt sich, dass gerade einmal 5% der Gründerinnen und Gründer den Kurs Mission-shaped Ministry besucht haben. Wie viele Konzepte vorgängig geschrieben wurden, hat niemand evaluiert (in den letzten 6 Jahren in England hat mir jedoch nie jemand ein Konzept in die Hand gedrückt).

Das heisst: zumeist haben Menschen mit Interesse, Leidenschaft, Risikofreudigkeit und theologischer Differenziertheit einfach einmal angefangen. Am Anfang stand weder ein Konzept noch ein Kurs. Was für uns deutschsprachige Kontinental-EuropäerInnen erschreckend klingt, ist wohl in der DNA der BritInnen schon angelegt. Fakt ist nur: bei (kirchlicher!) Innovation gibt es keine Garantie, auch nicht durch Konzepte und Strategien.

Das soll jetzt nicht bedeuten, dass ein Kurs nicht hilfreich sein kann. Nein, gerade die Gemeinschaft, der Austausch und die Diskussionen im Kurs-Setting können sehr förderlich sein. Aber nicht ein Kurs ist die Grundlage des kirchlichen Aufbruchs, sondern vielmehr Mut, Kenntnisse des Kontextes, Beziehungen, Fehlerfreundlichkeit und eine theologische Verwurzelung in den Bekenntnissen und der Tradition. Und noch etwas…vielleicht sogar das Wichtigste: Pfingsten.

Warum denn feiern wir jedes Jahr Pfingsten – das Fest des  Geistes, der Ruach? Vielleicht sollen wir gerade an Pfingsten daran erinnert werden, dass Kirchenentwicklung immer auch ein Loslassen von Sicherheiten ist? Gleichzeitig aber ein mutiges „Sich-in-das-Wehen-des-Geistes“ fallen lassen…

Mythos #3 The practice of the living dead

Im hiesigen Kontext werden Tradition und Traditionalismus werden häufig analog verwendet. Doch bei der Feldforschung in England bin ich einer wichtigen Unterscheidung begegnet. Die Expertin und Experten der fresh expressions of Church unterscheiden zwischen Tradition und Traditionalismus.

Traditionalismus ist statisch und leblos und ganz bestimmten Formen und Konventionen sind zentral. Er dient dazu Innovation zu unterbinden und zu ersticken (alle die mal im Pfarramt waren wissen wovon ich spreche und die engagierten Freiwilligen sicher auch!). Traditionalismus ist wie eine sichere Mauer, die den Strom der Veränderung aufhalten und zähmen soll. Dabei gibt es nur ein „kleines Problem“: Wenn Kirche im Traditionalismus verharrt wird sie irgendwann einfach „hinweg-gespült“. Weder für ekklesiale Gemeinschaft noch für das Individuum ist Traditionalismus förderlich.

Im Gegensatz dazu ist Tradition ein positiver und lebendiger Begriff: „Well I think, if I remember it right one person said: ‚the nature of tradition it is the believe and the practice of the living dead‘. That is to say it is what Christians from the past, who now are alive in God transmit to us. Traditionalism is just the habits of the dead living which looks like something which is very fixed, it is very brittle, it is unable to evolve, and actually though it may look hard, is actually quite fragile. But the living story
of the church over 2000 years shows the ability to change, to expand, to move, to create new things. So part of the tradition is actually the ability to innovate. Which traditionalism finds very hard to do.“ (S. Müller, Fresh Expressions of Church, Zürich 2016, S. 182)

Nicht alle interviewten Personen definieren Tradition auf die gleiche Art und Weise, alle knüpfen jedoch an der Geschichte der Kirche an. Diese Geschichte wird als kirchlicher Erfahrungsschatz der letzten 2000 Jahre, als „yesterdays blessing, the sense of where we have come from, charismatic memory of church oder als inheritance of the church beschrieben: „One eastern orthodox theologian called tradition the ‘charismatic memory of church’. The memory of church made alive by the Holy Spirit. And tradition in the theological sense, I think, is that handing-on of ways of responding to the Holy Spirits prompting, crystalized in liturgy, in doctrine, in habits[…] crystalized but not frozen. So always moving on, adjusting, enlarging.“ (Ebd.)

Die Differenzierung von Tradition und Traditionalismus hilft uns die herkömmliche Praxis zu hinterfragen und nicht hilfreiche Praktiken (wie z.B. das Festhalten an EINER bestimmten Kirchenmusik) aufzugeben. Tradition dient aber gleichzeitig auch als Spiegel, anhand dessen neue kontextuelle und missionale Fragen reflektiert werden müssen.

Wenn wir beginnen zwischen Traditionalismus und Tradition zu differenzieren, müsste dies eigentlich eine grosse Auswirkung auf unserer (landes- und frei) kirchliche Praxis haben. Diese Unterscheidung ist nämlich ein gutes Hilfsmittel, um evaluieren zu können, was ekklesial wesentlich ist und was wir fröhlich über Bord werfen könne.

Mythos #2: Alles anders, alles neu!

Dieser Mythos ist auf „allen Seiten“ beliebt, bei Befürworterinnen, Gegner, Pionieren, Traditionalistinnen, usw. Für die Einen sind fresh expressions of Church (fxC) nicht ernst zu nehmen, weil sie anscheinend nur auf Innovation zielen. Ohne grosse Reflexion wird der Vorwurf erhoben, dass fxC und deren Vertreter/innen Tradition ignorieren, wenn nicht gleich verachten. Für die andere Seite sind fxC eine gelungene Möglichkei möglichst konstruktivistisch ihre eigene Linse auf Ekklesiologie, Theologie, Gemeinschaft und so auf fxC zu legen. Für die Dritten sind fxC die (Er-)Lösung von Tradition (und manchmal auch Konvention), um dann doch wieder fxC als Modell zu begreifen und in die eigene theologische Form zu pressen. (Meint ja nicht ich nehme mich aus dieser Aufzählung einfach heraus)

Meine Beobachtungen in den fxC innerhalb der Church of England haben mir gezeigt, dass genau in der Balance zwischen Wertschätzung von Tradition und Innovation die Stärke der Bewegung liegt. Pionierinnen und Pioniere spielen nicht das Eine gegen das Andere aus, sondern sehen beides als wichtige Ressource für eine sich ständig erneuernde Kirche.

Der Begriff fresh expressions of Church schliesst zuerst einmal ganz konventionell am Vorwort des Ordinationsgelübdes an. Er verweist auf ein Versprechen und eine Tradition, die es in der Church of England schon lange gibt. Hier ist der Originaltext:

„The Church of England is part of the One, Holy, Catholic and Apostolic Church worshipping the one true God, Father, Son and Holy Spirit. It professes the faith uniquely revealed in the Holy Scriptures and set forth in the catholic creeds, which faith the Church is called upon to proclaim afresh in each generation.“

Was sich während der fünf jährigen Forschung wiederholt gezeigt hat ist, dass fxC und deren Menschen gelernt haben Tradition zu re-interpretieren und zu re-kontextualisieren. Verglichen werden kann das beispielsweise mit dem Jazz-Spiel. Nur wer die musikalischen Basics beherrscht kann beginnen mit der Musik zu „spielen“ die Töne zu interpretieren und zu einer guten Improvisation gelangen. Das Zusammenspiel von Tradition und Innovation in den fxC funktioniert ähnlich. Nach der Analyse von 260 Seiten meiner Interviewtranskripte und 3000 codierten Stellen zeigt sich immer dasselbe: Tradition + Kontext = Innovation. Gute kirchliche Innovation braucht beides Liebe und Verwurzelung in der Tradition und Offenheit und Veränderungsbereitschaft für und mit dem Kontext. Hier ein kleiner Auszug aus der Diss (Vgl. S. 216-217) mit zwei Aussagen aus den Experteninterviews:

„In Bezug auf die Frage nach dem Kontext stellt sich bei der Analyse der Interviews
eine spannende Gleichung heraus. Diese wird in den Interviews zwar
unterschiedlich formuliert, führt jedoch immer zum folgenden Verständnis: Tradition
+ Kontext = Innovation. Die Interaktion von Kontext und Tradition kann
als ein entscheidendes Merkmal für die Entstehung von Innovation angesehen
werden: «So it’s the engagement between tradition and context, will give you some the
measure of the level of innovation that is necessary, in order to bring the
tradition into the context.» Oder: «I suppose you could almost argue that
innovation is tradition in a new context.»“

Der nächste Mythos wird sich mit dem Unterschied zwischen Tradition und Traditionalismus befassen – das schliesst so schön an dieses Thema an.

 

Mythos #1: „Die entstehen einfach so…“

Ich habe mich entschieden ab und zu einen Beitrag zu den „Mythen und Fakten“ der fresh expressions of Church zu posten. Wie schon in England vor 10 Jahren wird auch in Kontinentaleuropa der Begriff gerne für alles mögliche verwendet. Das ist an und für sich nicht schlimm, ist doch kirchliche Bewegung und Erneuerung anzustreben. Mir ist es aber ein Anliegen, dass die Begrifflichkeiten doch klar sind und dementsprechend verwendet werden. Deshalb die neue Serie: Mythen und Fakten.

Der erste Beitrag entstammt aus einem kürzlichen Mailkontakt mit einem befreundeten Pfarrkollegen. Er schrieb mir folgendes:

„Liebe Sabrina, ein Anliegen von mir: im Zusammenhang von Reformdebatten bekomme ich immer wieder den Eindruck von der Kirchenleitung, dass Fresh Expressions einfach so entstehen würden – wenn wir den fusionieren. Die Fusionen ermöglichen Fresh Expressions erst. Ich habe die Vermutung, dass die allermeisten der Fresh Expressions in Englang und anderswo aus lebendigen Kirchgemeinden entstanden sind. Das heisst: ohne lebendige Kirchgemeinden auch keine Fresh Expressions. (Natürlich braucht es dann auch noch die Vision, den Mut, etc.) Stimmt meine Vermutung so?“

Hier nun meine Antwort:

„Lieber XY

Ich glaube die folgenden Zahlen belegen genau deine Vermutungen 😉 …Hier nun ein paar Fakten (sie stammen aus zwei noch unveröffentlichten Artikeln, hier der Link zum einen Buch, das bald erscheint: Ekklesiologie der Volkskirche). „Gerade in der Diözese von Liverpool, welche sich seit mehreren Jahren um eine mixed economy bemüht, zeigen sich interessante Veränderungen. Fresh expressions of Church (fxC) und Ortsgemeinden verstehen sich mehrheitlich als partnerschaftliche Ergänzung. So wurden 86 Prozent der insgesamt 78 fxC durch Ortsgemeinden initiiert. Mittlerweile sind 38 Prozent der Gemeinden in dieser Diözese fxC.“

Weiter zahlen und Fakten sind in meiner Dissertation zu finden. Hier ein Auszug aus S.115:

„Von den 2343 registrierten Messy Churches ist nur eine unabhängig von einer Ortsgemeinde entstanden. Alle anderen Messy Churches wurden meist von Freiwilligen aus parochial strukturierten Kirchen gegründet und gefördert und stehen mit der Ortsgemeinde in einer guten und engen Beziehung.“

Weiter argumentiert z.B. auch Angela Shier-Jones, Pioneer Ministry and Fresh Expressions of Church, London (SPCK) auf S.8 folgendermassen: «Most fresh expressions of church arise naturally out of a local church’s participation in the Mission Dei, or mission of God».

Das soll nun nicht heissen, das gar keine fxC unabhängig von Ortsgemeinden entstehen. Es gibt immer wieder grossartige Pionierinnen und Pioniere, welche diese Arbeit völlig unabhängig von einer Ortsgemeinde machen (Vgl. z.B. Venue). Falls dies deine Leidenschaft ist: „go for it“ (- vergiss  aber nicht dich in einer Tradition zu verorten, das hilft). Ich plädiere hier aber dafür, dass wir das Potenzial und die Möglichkeiten der Ortsgemeinde und der Freiwilligen nicht unterschätzen. Ortsgemeinden, welche kontextuell und theologisch offen  denken, zu den Menschen hingehen und liebgewordene Dinge loslassen, die bergen das grösste Potenzial in sich, dass fxC „einfach so entstehen“.

Anmerkung: Grundsätzlich sind fresh expressions of Church weder ein Argument für noch gegen Fusionen. Natürlich kann eine Fusion Ressourcen freilegen für Erneuerung, wenn sie denn auch so eingesetzt werden. Aber die Entstehung von fresh expressions of Church selbst hat viel mehr mit aktiven Kirchgemeinden und leidenschaftlichen Freiwilligen und Angestellten zu tun.