Ökologische Haustiere – Wurm-Recycling

Nachdem ich mich über einige Jahre an einen Kompost im Garten gewöhnt hatte, störte es mich, nach dem Umzug in eine Wohnung, dass unserer Rüstabfälle im Mülleimer landeten. Es war paradox: das wertvolle organische Material wurde weggeworfen und gleichzeitig ging ich ins Gartengeschäft und kaufte Kompost für unseren „urbanen“ Terrassengarten. Organisches Material wie Rüstabfälle, Pflanzenabschnitte etc. sollten in den Stoffkreislauf der Natur zurückgeführt werden, sie ergeben einen hervorragenden Humus und gelten als vollwertiger natürlicher Dünger. In der Schweiz wurden 2012 insgesamt 851’000 t biogene Abfälle wiederverwertet, was einer Menge von 106 kg pro Person pro Jahr entspricht (Quelle: BAFU).

Es waren einige Recherchen notwendig, doch dann zogen bei uns 1001 Kompostwürmer ein.

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Da die „Behausungen“ für die Würmer von WORMUP immer ausverkauft waren, entschied ich mich für einen anderen Kompostierer (die wormups bieten allerdings m.E. den klimatisch natürlichsten Lebensraum für die Würmer). So leben nun seit bald einem Jahr eine ganze Menge Würmer in unserer Wohnung und verwerten die Küchenabfälle in rasantem Tempo. Stinken tut nix und der Reinigungsaufwand beträgt nicht mehr als 30 Minuten pro Woche.

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Ein paar Tricks gibt es zu beachten:

  1. Die Würmer müssen sich zuerst einleben – langsam anfüttern.
  2. Die „Wurmbehausung“ sollte nicht zu trocken und nicht zu feucht sein.
  3. Je kleiner die Küchenabfälle zerstückelt werden, desto schneller und effizienter sind die Würmer.
  4. Der Wurmkompost muss jede Woche einmal gewendet werden.
  5. Keine Zitrusfrüchte, Zwiebelreste, Milchprodukte und kein Fleisch in den Kompost, das mögen die kleinen Vielfrasse nicht.
  6. Teigwaren, Reis und andere Kohlenhydrate nicht in zu hohen Mengen.
  7. Sehr gerne werden Gemüseabfälle und Früchte von den Würmern gegessen.

Four leadership keys for Churches

Observations from the ministerial development division of the Church of England from Dr. Tim Ling

If you wanna have a flourishing ministry and lead through change you have to take care of yourself. Four leadership things are key:

  1. Sense of calling and context (ground of ministry that gives us confidence)
  2. Collegial support (loving relationship with colleges)
  3. Feedback (a trusted college telling you how it is in a loving and trusting manner)
  4. Role crafting behaviour (feel save to try new things; intentional change about the way I approach relationships, tasks and situations)

 

Lutherische Klarheit und reformierte Vielstimmigkeit

Was würde geschehen, wenn Luther und Zwingli sich heute begegnen würden? Würden sie wohl immer noch über die Unterschiede im Abendmahlsverständnis streiten und theologische Differenzen debattieren? Oder würden sie in ihrer Unterschiedlichkeit eine Ergänzung erkennen?

Die vielleicht grössten Unterschiede zwischen Luther und Zwingli waren weniger theologische und ideologische, sondern vielmehr atmosphärische. Dies zeigt sich beispielsweise in den unterschiedlichen Vorgehensweisen bei der Übersetzung der Bibel. Während Luther sprachmächtig die Bibel alleine, in seiner Kammer übersetzte, entstand die Zürcher Bibel als Werk eines Teams in der Öffentlichkeit. So wurde im Juni 1525 im Chor des Grossmünsters in Zürich die „Prophezei“ ins Leben gerufen. Von da an wurde im Grossmünster jeden Morgen, Freitag und Sonntag ausgenommen, die Bibel übersetzt, diskutiert und so theologisch gearbeitet.

Während Luthers klare, messerscharfe Worte kaum zu übertreffen sind, zeichnet sich die Übersetzung der Zürcher Bibel durch Vielsprachigkeit aus.

Das Proprium der reformierten Perspektive ist ihre Vielfältigkeit und Vielsprachigkeit. Dies beinhaltet jedoch immer auch eine gewisse Unschärfe. Zur reformierten Identität gehört es, mit Unklarheit und Unschärfe umzugehen und in der Vielzahl der teilweise unharmonischen Gesänge dennoch die Melodie des Evangeliums zu erkennen.

Sowohl Luther, als auch Zwingli hatten jedoch, mit ihren unterschiedlichen Herangehensweisen, ein gemeinsames Anliegen. Ihr Ziel war nicht die Herrschaft und alleinige Definitionsmacht über das Wort, sondern das Evangelium sollte nahbar und verständlich werden für ganz normale Menschen. Das Ziel der Reformatoren war nicht eine Klerikalisierung, Akademisierung und Verklärung von Theologie. Ziel war eine theologische Ermutigung von ganz normalen Frauen und Männern. Laien sollten theologisch sprachfähig werden, sich über das Wort Gottes unterhalten können und so das Evangelium in ihrem Alltag, im Lieben, Streiten, Handeln, Leiden, in Not, Freude, Trauer, Hass, Verlust, Wut und Glück lebendig werden lassen.

So hoffe ich, dass wir in den Reformationsfeierlichkeiten nicht wehmütig zurückschauen auf Vergangenes und im Blick auf Luther und Zwingli Helden glorifizieren. Mein Wunsch wäre es, dass wir uns dem Ringen der Reformatoren anschliessen, gemeinsam als Evangelische Kirchen ehrlich darum ringen sprachfähiger zu werden in einer pluralistischen Gesellschaft. Denn die heutige postmoderne Zeit zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht mehr nur eine Sprache des Volkes gibt, die alle verstehen. Stattdessen sind es viele verschiedene Sprachen, in die es das Evangelium zu übersetzen gilt. Um dieser Herausforderung zu begegnen da braucht es beides: Lutherische Klarheit und Reformierte Vielstimmigkeit.

Innovatives Lernen in der Praktischen Theologie

Ortsbezogenes Lehren und Lernen

Gedanken zur Weiterbildung digitale und ortsbezogene Lehr- und Lernmodule mit Omleth.

Ich schätze  Lehr- und Lernsettings die Abwechslungsreich und vielfältig sind und in denen Eigeninitiative und Partizipation gefordert ist. Durch die Abwechslung und Angebotsvielfalt sollen die unterschiedlichen Lerntypen und Präferenzen, wie sich jemand neue Lerninhalte aneignet, ernst genommen werden.

So habe ich im Rahmen meines Nachtdiplomstudiums zur Hochschuldidaktik eine Weiterbildung zu digitalem, ortsbezogenem Lehren und Lernen bei Christian Sailer besucht. Für die Erstellung digitaler ortsbezogener Unterrichtseinheiten wurde die online Plattform Omleth der ETH genutzt.

Omleth ermöglicht es der Lehrperson einen digitalen, interaktiven Postenlauf zu erstellen, der dann vor Ort von den Studierenden absolviert werden kann. Beim Postenlauf müssen verschiedene Orte aufgesucht und dabei Aufgaben gelöst werden. Das Smartphone oder Tablet ist unabdingbar und wird als Lern- und Hilfsmittel verwendet.

Da ich ein Fan von kreativen Lehrmethoden bin, erstellte ich selbst meinen ersten digitalen Postenlauf für die Studierenden. (Auf dem Beitragsbild ist ein Ausschnitt dieses Unterrichtsmoduls zu sehen).

So zogen dann auch Studierende der Theologie der UZH mit ihren Smartphones vom Grossmünster her los, um sich ein situatives, theorieeingebettetes Verständnis von kontextueller Theologie in Zürich zu erwerben. Zwischen Grossmünster, ETH, Central und Fraumünster diskutierten die Studierenden sodann über kontextuelle Theologie und über die Bedeutung von Ort und Theologie. Sie beobachteten am Central Menschen und führten Anhand der Beobachtungen einen kirchentheoretischen Diskurs.

Gerade in der Praktischen Theologie weisen viele Lehr- und Lerninhalte einen impliziten oder expliziten Bezug zu lebensweltlichen Themen auf. Smartphones und Tablets können, wenn gezielt eingesetzt, zu hilfreichen multimedialen Werkzeugen werden, um sich Lehrinhalte interaktiv und ortsbezogen anzueignen und qualitative Informationen und Daten senso- und kontextbasiert zu generieren. “Viele Forschungsstudien zeigen, dass mit der Nutzung eines eigenen mobilen Gerätes in Kleingruppen orts- und kontextbezogen das ganzheitliche, kognitiv aktivierende, handlungsorientierte und entdeckende Lernen fördert.“[1]

Diese Form des Lehrens und Lernens hat für mich echt Potenzial, denn verschiedene Lerntypen werden dadurch erreicht, Interaktivität, Gruppenarbeit und Selbständigkeit werden gefördert und der Körper ist Teil des Lernprozesses und wird in diesen integriert. So weist situatives, ortsbezogenes Lernen eine hohe Nachhaltigkeit auf. Digitales ortsbezogenes Lernen ist ein lustvoller, bewegter Umgang mit Praktischer Theologie und gelebter Religion.

Auch im kommenden Semester werden „meine“ Studierenden wieder mit ihren Smartphones unterwegs sein, da ich diese Lernmethode auf jeden Fall wieder anwenden werde.

[1] Christian Sailer, Didactica Weiterbildung, 24.3.17., Ortsbezogenes Lehren und Lernen mit Smartphone oder Tablet.pdf.

Peregrinatio propter christo: Aufbrüche nicht Ausbrüche

Ein kurzer Auszug aus dem Buch: Vom Wandern und Wundern, S. 185

Den iroschottischen Mönchen gelang durch ihre kirchliche
Hebammenkunst ungefähr um 600 n. Chr., was der römischen Kirche
in den Jahrhunderten zuvor unter den Kelten nicht gelungen
war. Sie erreichten das gewöhnliche Volk. Das Christentum
wurde etwas für alle. Die Menschen konnten sich damit identifizieren,
weil sie die Symbole verstanden, weil man ihre Sprache
redete, weil eine Auseinandersetzung mit deren Kultur
stattfand. Etwas ist dabei entscheidend: Das iroschottische
Mönchtum hat sich nicht ausgebreitet, weil die Mönche gepredigt
haben. Es hat sich durchgesetzt, obwohl gepredigt wurde.
Die Hauptaufgabe aber bestand darin, mit den Menschen zusammenzuleben
und durch den praktizierten Glauben die Botschaft
Jesu Christi fassbar und erlebbar zu machen. Das Evangelium
wurde damals und wird heute durch Menschen
lebendig. Menschen, die in ihrer Zeit und ihrer Kultur verwurzelt
sind und deren Glaube natürlicher Bestandteil ihres Lebens
ist. Dies ist in der stabilitas loci der Kirche in begrenztem
Masse nach wie vor gegeben und hat seine Berechtigung und
Würde. Doch zusätzlich dazu kann die Kirche von den iroschottischen
Pilgern und den modernen W@ndernden u. a. folgendes
lernen : „Peregrinatio propter christo“: auswandern um
Christi Willen. Aus der Komfortzone herausgehen und aufbrechen.
Nicht belehren, sondern leben. Annehmen. Begleiten.

Jugendtheologie

Bedingungen eines gelingenden theologischen Diskurses mit jungen Freiwilligen

Freiwilligenarbeit im Konfirmandenunterricht

Einleitung:

Ernüchternd stellte Christian Möller 2004 in seiner «Einführung in die Praktische Theologie» fest, dass so, wie Kirche heute erlebt werde, kaum Hoffnung bestehe, dass sich junge Menschen in ihr integrieren können.[1] Weiter plädiert er dafür, dass «Übungsfelder religiöser Erfahrung im Raum der Kirche» mit jungen Menschen erfunden werden müssen.[2] Ob neue religiöse Erfahrungsräume erfunden werden müssen ist fraglich. Dass diese Erinnerungs- und Erfahrungsräume der religiösen Selbst- und Fremdbegegnung, als Teil lebendiger Tradition, für Jugendliche jedoch wiedereröffnet und zugänglich gemacht werden müssen, steht außer Frage.

Während meiner 17jährigen Tätigkeit in der Jugend- und Konfirmandenarbeit habe ich positivere Erfahrungen gemacht, als diejenigen, welche von Möller beschrieben werden. Ich zweifle nicht daran, dass Kirche Jugendliche bzw. junge Freiwillige beheimaten kann. Diese Aussage basiert weniger auf theoretischen Erörterungen als auf praktischen Erfahrungen. Zumeist habe ich in der Praxis nicht damit gekämpft zu wenige junge Freiwillige zu haben, sondern zu viele, welche im Konfirmandenunterricht mithelfen wollten. So gründen meine Erörterungen nicht auf Frustration, sondern in Erlebnissen mit 100ten von Jugendlichen, welche begeistert und engagiert in Kirche im weiteren Sinne partizipierten.

In den Vorbereitungssitzungen und Konf-Abenden war es meist spürbar, wo es gelang Erfahrungs-Räume zu eröffnen, wo der theologische Diskurs geglückt ist und wo es danebenging. In diesem Workshop wird nun den Bedingungen, welche zu einem gelingenden theologischen Diskurs mit jungen Freiwilligen führen, nachgegangen

Methodik:

Als Theorie- und Diskussionsbasis für diesen Bericht dient eine kleine qualitative Studie, welche ich 2015 durchgeführt habe.[3] Eine ethnographische Annäherung an die Thematik wurde anhand halbstandardisierter WhatsApp-Interviews durchgeführt und mit Grounded Theory ausgewertet. Insgesamt wurden sechs Jugendliche, im Alter zwischen 16 und 18, welche freiwillig im Konfirmandenunterricht engagiert sind, befragt. Alle interviewten Personen arbeiten in einem ähnlichen Team- und Unterrichtssetting, in vier evangelisch-reformierten Kirchgemeinden der deutschsprachigen Schweiz, mit. Allen Unterrichts-Settings ist gemeinsam, dass sie die Jugendlichen als theologisches Gegenüber ernst nehmen und in die Unterrichtsplanung und -gestaltung miteinbeziehen.

Dialogische Grundhaltung

Bei der Analyse der sechs Interviews ist eine häufige Verwendung von Verben augenfällig. Die Jugendlichen begreifen ihre ehrenamtliche Tätigkeit als engagiertes, fragendes, aktives und partizipatives Beziehungsgeschehen, wie in der Word-Cloud ersichtlich ist. Auffällig dabei ist der Wort-Komplex aus: eigene Meinung, fragen, fühlen, glauben, Gott, Kirche, können, Menschen, Religion, Team, Thema und verändern.

Die 55 in der Analyse generierten Codes konnten durch und anhand der verschiedenen Codierprozesse auf eine Kategorie „dialogische Grundhaltung“ reduziert werden. Die Hauptbedingung für einen gelingenden theologischen Diskurs mit jungen Freiwilligen ist demnach diese Haltung. Dabei ist bei dieser Gesinnung nicht primär an eine Gesprächstechnik zu denken, sondern vielmehr eine „Einstellung zum Umgang mit sich selbst und den eigenen persönlichen Wahrheiten, zum Umgang mit anderen Menschen und deren persönlichen Wahrheiten. So ist die dialogische Grundhaltung auch nicht an einem Gesprächsverlauf festzumachen, sondern vollzieht sich permanent innerhalb der Teamstruktur. Dies vor allem in den Beziehungen, in narrativ-biographischen Vollzügen, in religiösen Praktiken und semiotischen Handlungen und Deutungen.

Begegnungsformen – Begegnungserfahrungen

Begegnungsformen bieten dadurch Begegnungserfahrungen. Im Teamsetting werden den Jugendlichen sowohl emotionale und körperliche, kognitive, spirituelle und ekklesiale Erfahrung zugänglich gemacht. Diese können als Lern-, Beziehungs- und Selbstentdeckungsort umschrieben werden.

Grundsätzlich zeigt sich so im Engagement der jungen Freiwilligen ein ständiger Ich-Du-Begegnungsprozess, welcher eine Triade an Begegnungsformen, beinhaltet. Nämlich erstens die Selbstbegegnung im Sinne der Person, Persönlichkeit und als Identitätskonstruktionsprozess. Zweitens Begegnungen oder Erfahrungen mit transzendeten Aspekten des Lebens, welche durch ein personales Gottesbild beschreiben werden. Und drittens die Begegnung oder das Sich-einlassen auf das Du, welches sowohl andere Individuen als auch eine ekklesiale Gemeinschaft beinhaltet.

Selbstbegegnung

Die jungen Freiwilligen sind plötzlich in einer ungewohnten Rolle und für die inhaltliche Gestaltung und Leitung des Konfirmandenunterrichts mitverantwortlich. Diese Erfahrung fördert in den Jugendlichen eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Das stabile Umfeld des Teams und des Unterrichtes bietet einen Ort der Geborgenheit und Sicherheit, in dem Lernerfahrungen gemacht werden können und persönliche Entwicklung möglich ist. Sicherheit fungiert so auch als Katalysator für das eigene Interesse, die

Beziehungen untereinander, Motivation, Freude, den Einsatz der persönlichen Stärken, die religiöse Sprachfähigkeit und die Bereitschaft für einen theologischen Diskurs:

Nein, wichtig ist es mit verschiedenen Ansichten / Personen in Kontakt zu treten, um sich sein eigenes Bild vom Glauben / Gott zu bauen […] Ich denke, dass sich die Konfirmanden mithilfe meiner Aussagen und den Aussagen der Anderen evt. ihr eigenes Bild vom Glauben machen können.

Individuelle Spiritualität und personales Gottesbild

Vor dem Konfirmandenunterricht hatten fünf der sechs Befragten kaum Kontakt zur Kirche und eine Person besucht mit der Mutter 4-6 Mal die Ortsgemeinde. Erst durch den kirchlichen Unterricht in der Adoleszenz konnten religiöse und spirituelle Inhalte und Fragen überhaupt erstmals thematisiert werden. Alle sechs Jugendlichen sprechen von einem erhöhten spirituellen Interesse seit sie den kirchlichen Unterricht mitgestalten. Fünf der befragten Personen geben an, dass sie sich nun fast täglich mit religiösen Themen oder Praktiken befassen. So antwortet jemand auf die Frage, ob er sich häufig mit Fragen nach Gott und Religion auseinandersetze, folgendermassen: Ja, praktisch jeden Tag […] ich bin viel interessierter geworden, lerne mehr über den Glauben. Und eine andere Person bemerkt: Ich spreche immer lieber mit anderen Personen über Gott und Religionen, früher habe ich mich bei diesem Thema immer zurückgezogen.

Wie in der vorherigen Aussage ersichtlich, ist das spirituelle Erleben stark von einem personalen Gottesbild geprägt. Gott wird als Gegenüber begriffen, welches erfahrbar und im Alltag präsent sein sollte. Gleichzeitig bewegt die interviewten Personen die Frage, wie denn Präsenz Gottes im Alltag erkannt und erlebt werden kann. Bei der Analyse stellt sich zudem heraus, dass sich durch die intensive Lernerfahrung im Konf-Team und im Konfirmandenunterricht für die jungen Leitungspersonen ein Zugang zu religiösen Praktiken wie Gebet, Gottesdienst und Lektüre von Bibeltexten eröffnet.

Beziehungsnetzwerk und ekklesiale Gemeinschaft

Das Miteinander im Team, die einzelnen Beziehungen, Freundschaften und das gegenseitige Vertrauen sind entscheidende Voraussetzungen, damit sich die jungen Freiwilligen auf einen theologischen Diskurs einlassen können. So zeigt sich, dass das Team für die Jugendlichen ein Ort des Vertrauens ist, in dem ein Dialog über Gottes-, Sinn- und Glaubensfragen ermöglicht wird. Offenheit fungiert als Grundlage des gegenseitigen Verständnisses. Für alle Jugendlichen ist so auch die gegenseitige Bereitschaft zum Zuhören und sich mitteilen können wichtig: Es stellt sich heraus, dass durch das Klima im Team und die Beziehungen untereinander das Interesse an Spiritualität und an anderen Personen gefördert wird. Gerade im Themenkreis christlicher Nachfolge zeigt sich bei den Jugendlichen nicht nur spirituelle Individualität, sondern es werden auch religiöse kollektive Praktiken erkennbar. Diese war nicht schon gegeben, sondern entwickelte sich im Laufe der Mitarbeit weiter oder entstand erstmals.

Im dialogischen Teamsetting erleben die Jugendlichen, dass sie wertgeschätzt werden und ihre Verknüpfung von Glaube, Alltag und den Themen des Konfirmandenunterrichtes wichtig sind. So ist es für die jungen Leitungspersonen entscheidend, dass sie auch in theologischen Belangen und der inhaltichen Gestaltung des Unterrichts ernst genommen werden. Im Sinne der Jugendtheologie zeigt sich hier eine explizite Theologie der Jugendlichen. Gleichzeitig weisen die interviewten Personen ein ausgeprägtes Bewusstsein auf, dass sie zu einer Theologie für Jugendlichen, in diesem Fall für Konfirmanden und Konfirmandinnen viel beizutragen haben.

 

Auswirkungen / Interpretation

 Die Beziehungsformen der dialogischen Grundhaltung in einem partizipativen Teamsetting wurde soeben beschrieben. Weitere für die Jugendtheologisch interessante Implikationen können gemacht werden:

Lernprozess: In einem dialogisches Setting zeigt sich teilweise eine höchst differenzierte Theologie der Jugendlichen. In dieser nehmen persönlicher Glaube und Glaubensprozesse, Meinungsfreiheit und gegenseitiger Respekt eine wichtige Rolle ein. Der Lernprozess spielt sich neben den thematischen Teilen des Konfirmandenunterrichts stark im emotionalen Beziehungsgeschehen der Einzelnen ab.

Funktion von Pfarrpersonen und Jugendarbeitenden: Dabei kommt der Funktion der Pfarrpersonen und Jugendarbeitenden eine wesentliche Rolle zu. Denn die Theologie der Jugendlichen steht in einem reflektierenden Bezugssystem untereinander und mit Expertenwissen. Die Pfarrperson als prima inter pares hat eine ermöglichende Funktion. Zum einen werden eigene religiöse Erfahrungen ernst genommen und eine gemeinschaftliche religiöse Praxis kann Gestalt annehmen. Pfarrpersonen verhelfen dazu einen Interpretationsrahmen für die religiösen Erfahrungen zu schaffen und diese einzuordnen. Die Pfarrperson fungiert als Brücke zwischen biblischer Überlieferung, christlicher Tradition und dem Bezugsrahmen der Jugendleitenden.

Subjekte der Verkündigung: Ziel ist die Schaffung eines sicheren Umfeldes, in dem sich die Jugendlichen von Objekten der kirchlichen Lehre hin zu Subjekten der Kommunikation des Evangeliums entwickeln können. Bei der Beschreibung der persönlichen Spiritualität zeigt sich eine Verbindung zwischen erfahren, fragen, glauben und wissen. Im Erfahrungshorizont der jungen Freiwilligen findet dadurch eine enge Verknüpfung von Emotionen und Verstand statt. Persönliche Fragen und eigenes Interesse dienen als Katalysator. Religiöses und biblisches Wissen verhilft den Jugendlichen zu Glaubenssicherheit, spirituelle Erfahrung zur Glaubensgewissheit. Dies zeigt sich in Übereinstimmung mit Diskursen zur Postmoderne und Urbanität. Wissen und individuelle Wahrheit wird aus der Verknüpfung von emotionalen, erfahrungsorienierten und kognitiven Prozessen gewonnen. Auch im weltweiten Diskurs zeigt sich, dass religiöse Emotionen und Erfahrungen integraler Bestandteil in der Beschreibung der persönlichen Spiritualität ist. Erst dadurch zeigt sich die Bildung eines Gefühls von Glaubensgewissheit (vlg. Z.B. Woodhead, Sociology of Religious Emotion).

Die jungen Freiwilligen können dann wiederum die Übersetzungsleistung ihrer theologischen Reflexionen und religiösen Erfahrungen in den Konfirmandenunterricht einbringen. Nachfolge ereignet sich so prozessual in der Verkündigungsfunktion der jungen Freiwilligen.

Die Theologie der Jugendlichen weist einen überdurchschnittlich hohen Alltagsbezug auf. Christliche Spiritualität muss sich für die jungen Menschen in ihrem Alltag als lebensfördernd und hilfreich erweisen. Tut sie dies nicht, ist sie nicht relevant für den persönlichen Lebensvollzug. Durch die Begegnungserfahrungen im Team bleibt hier christliche Spiritualität jedoch nicht einfach individuelle und persönlich. Die individuelle Plausibilisierungsstruktur wir nämlich immer wieder herausgefordert und kontextuell in den grösseren Diskurs der christlichen Tradition, Geschichte und Lebenspraxis eingeordnet.

Fazit

Zum Schluss möchte ich zwei Punkte nochmals herausheben: Ich habe nur eingangs eher kurz das Teamsetting erwähnt. Damit die hier beschriebenen Prozesse spielen, ist dies jedoch Ausgangslage, d.h. eine Teamstruktur und Form von Konfrimandenunterricht ist nötig, wo eine dialogische Grundhaltung überhaupt zum spielen kommt. In den untersuchten Fällen war das eine Form von Konfirmandenunterricht, bei dem Jugendliche und junge Erwachsene als Mitleitende miteinbezogen werden und ein grösseres Team neben den Profis die Konfklasse anleitet. Die jungen Erwachsenen sind eingeladen das Konfjahr mitzugestalten, sie können bei der Planung mitentscheiden und sie werden mit ihrer Meinung und ihrer Spiritualität ernst genommen. Die Analyse bekräftig die These, dass religiöse ekklesiale Erfahrungsräume für die theologische Sprachfähigkeit und die geteilte und persönliche Spiritualität von Bedeutung sind. Diese müssen junge Menschen zugänglich gemacht werden. Dabei kann aber keine blosse Angebotsorientierung das Ziel sein. Schlussendlich erweist sich die dialogische Grundhaltung als Voraussetzung für den gelingenden theologischen Diskurs mit jungen Freiwilligen und wird zu dessen Leitparadigma. Jedoch weniger als Theologie für Jugendliche im Sinne einer blossen Angebotsorientierung, sondern als Theologie mit und von Jugendlichen, im Sinne der Partizipation und des gleichberechtigten Dialoges.

 

[1]         Vgl. Möller, Ch., Einführung in die Praktische Theologie, Tübingen 2004, 230.

[2]         Ebd., 230.

[3]         Vgl. Jahrbuch Jugendtheologie, 2016.

Auszüge und Zusammenfassung vom Beitrag Müller, Sabrina (2016). Bedingungen eines gelingenden theologischen Diskurses mit jungen Freiwilligen. In: Schlag, Thomas; Roebben, Bert. „Jedes Mal in der Kirche kam ich zum Nachdenken“. Jugendliche und Kirche. Stuttgart: Calwer, 160-170.:

 

 

Die Entwicklung des Missionsbegriffes

In der Sendung Sternstunde Religion vom Schweizer Fernsehen haben wir eine lebhafte Diskussion zum Thema Mission geführt. Ein verwaistes Thema über das ausnahmsweise geredet wurde. Jedoch blieb der Fokus stark auf dem Missionsverständnis des 18. und 19. Jahrhunderts. Dabei täte die Kirche gut daran aktuelle Definitionen von Mission in ihr Selbstverständis zu integrieren. Deshalb nebst dem Link zur Sendung noch ein paar weiterführende Gedanken zum Thema Mission.

Vorwiegend im deutschsprachigen Kontext, unabhängig davon ob kirchlich oder nicht, ist Mission bis heute ein Schimpfwort geblieben und wird fälschlicherweise mit Evangelisation gleichgesetzt. Viele Menschen denken bei Mission an Kolonialisierung, Macht, Unterdrückung und Gewalt. Dabei geht es bei diesem Begriff ganz einfach um einen Auftrag. Was in Unternehmen, Medien, Sozialwerken usw. normal ist, nämlich einen Auftrag zu haben, scheint kirchlich gesehen in Deutschland und der Schweiz bis heute nicht legitim zu sein. Die weltweite Diskussion zum Missionsbegriff scheint an uns vorbeigegangen zu sein. Doch Kirche ohne Auftrag irrt m.E. ziellos umher. Über die Entwicklung des Missionsbegriffes gibt es zahlreiche Bücher, deshalb hier nur einen ganz kurzen Überblick über einige wichtige Punkte.

 

Von Missionen zu Mission

Im Dublin Report 1973 wurde festgehalten: «[…] there is but one mission in all the world […] the responsibility for mission in any place belongs primarily to the Church in that place.»
Infolgedessen wurde Mission als persönliche Verantwortung in die Kirchgemeinden
zurückgegeben und konnte nicht mehr an Missionswerke als Übersee-Aufgabe delegiert werden. Ebenfalls zur gleichen Zeit wurde weltweit das Bewusstsein geweckt, dass die Kirche in ihrem Wesen missionarisch ist. Verstärkt wurde dieses missionale Bewusstsein durch den Einfluss einzelner Missionstheologen, wobei Lesslie Newbigin der einflussreichste unter ihnen war. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde es gebräuchlich, die Mission der Kirche in der Missio Dei zu verwurzeln (Moynagh, Church for Every Context, 121).

Missio Dei – Hintergründe

Seit der Weltmissionskonferenz von Willingen 1952 spielt der Begriff Missio Dei im ökumenischen Verständnis von Mission eine zentrale Rolle (Grünschloss, Missio Dei, in: RGG, Bd. 5, 4. Aufl., 2008, 1271 f). Karl Barth gilt als einer der ersten Theologen, welcher 1932 an der Brandenburger Missionskonferenz darauf hinwies, dass Mission eine Aktivität Gottes sei (Vgl. Norman, Classic Texts in Mission and World Christianity, 1995, 104). Geprägt und weiterentwickelt wurde der Begriff vom Missionstheologen Georg F. Vicedom. In seinem Buch Missio Dei (1958), betont Vicedom, dass die Trinität selbst Subjekt der Mission ist. Die Kirche wird dabei nicht als Subjekt der Mission verstanden, sondern wird zur Partizipation in die permanente Mission Gottes eingeladen. Gott selbst ist in diesem Missionsverständnis beides, sendend und ausgesandt. Durch die Verankerung von Mission in der Gotteslehre ist sie nicht mehr eine unter vielen Aufgaben der Kirche, sondern Identität und Wirken Gottes selbst (Dahling-Sander, Leitfaden ökumenische Missionstheologie, 2003, 220–244.). Somit wird Mission zu einem Identitätsmerkmal von Kirche. Mission und somit auch die Kirche wird zum Werkzeug Gottes (Vicedom, Missio Dei, 13.). Dies führt zu einer Entlastung der Kirche, da Gott handelnde Person in der Mission ist und die Kirche darin nur partizipiert. Gerade beim Thema Mission und Missio Dei ist und bleibt David Bosch einflussreich. Nach wie vor ist sein Standardwerk Transforming Mission von 1991 massgebend und wird häufig zitiert. Die Referenz auf Gottes Liebe als Ursprung von Mission ist dabei zentral: «God is a fountain of sending love. This is the deepest source of mission. It is impossible to penetrate deeper still; there is mission because God loves people»(Ebd., 392.)

Dabei ist jedoch der Begriff Mission nicht mit dem Term Evangelisation gleichzusetzen. Evangelisation beschreibt einfach ein Aspekt von Mission, ist aber anderen Aspekten weder vor noch nachgeordnet. Eine gelungene Definition eines breiten und integrativen Missionsverständnisses schlug das Anglican Consultative Council vor. Dabei wird Mission anhand von fünf Kennzeichen definiert.

Fünf Kennzeichen von Mission

The Five Marks of Mission wurden vom Anglican Consultative Council zwischen 1984 und 1990 entwickelt. Die Bischöfe der Lambeth Conference nahmen die Five Marks of Mission 1988 und die General Synod der Church of England nahm sie 1996 an. Diese fünf Kennzeichen wurden für die anglikanische Kirche zentral und dienen mittlerweile weltweit in anglikanischen Gemeinschaften als Massstab für Mission. Die genaue Formulierung lautet wie folgt:
«The Mission of the Church is the mission of Christ:
– To proclaim the Good News of the Kingdom
– To teach, baptise and nurture new believers
– To respond to human need by loving service
– To seek to transform unjust structures of society
– To strive to safeguard the integrity of creation and sustain and renew the
life of the earth»

Anhand dieses breiten Missionsverständnisses wird es auch plausibel, dass Mission weder aus den Gemeinden, der Kirche noch aus dem Leben von Christinnen und Christen ausgeschlossen werden kann. Christlicher Glaube ist nämlich zutiefst mit dem Einsatz für die Nächste / den Nächsten und die Schöpfung verbunden.