totsächlich #9 Gemeinschaft – die nicht trägt

Nach der „Bruchlandung“ haben alle Tätigkeiten und Aktivitäten an Bedeutung verloren und auch die Menschen, ihre Unbeschwertheit und Sorglosigkeit, wurden mir fremd. Witze und Smalltalk waren kaum zu ertragen. Ich verstand vieles nicht mehr, hatte nicht die Energie mich auf das vermeintlich „Oberflächliche“ einzulassen. Am treffendsten fand ich meine damalige Gefühlslage im Gedicht „Im Nebel“ von Hermann Hesse beschrieben:

„Nun da der Nebel fällt ist keiner mehr sichtbar“. Ich sah niemanden mehr und wurde irgendwie auch nicht gesehen. Vielleicht stiess meine Schwere, mein Unverständnis für das Normale die Menschen zurück? Wo ich vor meiner Reise und vor allem vor Angelikas Tod, kirchlich höchst engagiert und involviert war, war nach meiner Rückkehr einfach nichts mehr. Ein halbes Jahr zuvor waren noch 340 Personen an unsere Hochzeit gekommen, viele aus der Jugendarbeit und der Kirche. Doch jetzt, ein halbes Jahr später, war niemand mehr da. In viele Menschen hatte ich investiert, viele begleitet, gecoacht und ermutigt. Doch nun, da ich Trost, Ermutigung und Freundschaft brauchte, war „keiner mehr sichtbar“. Meine Mitbewohnerin, mein Coach und mein Partner, die waren da, unaufdringlich, beharrlich, hilflos. Aber sie fürchteten sich nicht. Ebenso blieb mir mein persönlicher Glaube. Auch wenn dieser vor allem aus Wutgeschrei, Anschuldigungen und Zweifeln Gott gegenüber bestand, hatte ich doch einen Anker, der etwas Halt geben konnte. Stur hielt ich an der Hoffnung auf Hoffnung fest.

Doch sonst, wie stand es um andere Menschen? Wo waren die zahlreichen ehemaligen Freunde aus der Kirche und der Jugendarbeit? Zu meiner Trauer und Verzweiflung gesellte sich eine tiefe Enttäuschung über die „Kirche“ oder zumindest über das, was ich unter „Kirche“ verstand. Für mich war die Kirche zu einem frommen Haufen scheinheiliger Menschen geworden, der nur dann präsent ist, wenn alles gut aussieht, wenn es einem gut geht. Doch im Nebel, da war niemand mehr. Da wurden Hesses Worte erlebte und durchlebte Realität: „Leben ist einsam sein“. Wie konnte das nur sein? So schrieb ich damals in mein Tagebuch: „Was ist Kirche? Ich weiss es nicht mehr? Nicht mal mehr an was ich glaube. Die Dinge, welche so klar und unverrückbar erschienen sind, haben sich als Illusionen herausgestellt…Ich habe keine Ahnung mehr was Kirche ist. Ich glaube nicht an eine Institution, an Methoden, an „Verweltlichung“ oder „Verchristlichung“. Der Leib Christi (die Kirche) muss etwas Anderes sein, als das, was ich kenne. Was könnte es wohl sein?“

 

Reflexion

Nach Angelikas Suizid hatte sich mein „Kontaktfeld“ massiv eingeschränkt. Ich lebte in einer Parallelwelt und der Bezug zu anderen Menschen fiel mir schwer. An ihren Fragen, am Lachen und am „Normalen“ konnte ich nur noch unter grosser Anstrengung teilhaben. Das war sicher für viele befremdlich. Eigentlich war ich für meine Initiative bekannt und dafür, dass ich auf Menschen zu gehe. In dieser schwierigen Trauerphase zeigte sich, dass sich mein Umfeld auf meine Initiative verlassen hatte. So kam es dazu, dass fast niemand auf mich zu kam. Wahrscheinlich wäre es hilfreich gewesen, wenn sich eben gerade in dieser Situation Menschen um mich bemüht hätten. Wenn sie keine Furcht davor gehabt hätten mir zu begegnen. Wenn sie mich eingeladen, besucht oder irgendwohin mitgenommen hätten. Ich war schwer auszuhalten mit meiner Trauer und Verzweiflung, doch Begegnungen können Trost schaffen. Ich hätte damals nicht viele Worte gebraucht und auch keine gut gemeinten Ratschläge und Weisheiten. Da wo Menschen keine Angst vor mir und meiner Trauer hatten, da wo ich mit allem ertragen wurde, waren Begegnungen und Beziehungen hilfreich. Wie schweigend mitgetragen und ausgehalten werden kann wird im ersten Teil der Hioberzählung geschildert. Hiob sass untröstlich, trauernd und verletzt in Staub und Asche. Er sagte kein Wort. Seine Freunde setzten sich zu ihm in die Scheisse und schwiegen sechs Tage und Nächte lang (biblisch gesprochen: solange es eben nötig war). Schweigende Präsenz wirkte schon bei Hiob tröstlich, verlieh ihm nach und nach Worte, wenn auch bittere, suchende und fragende. Die schweigende Präsenz löste Hiob aus der inneren wortlosen Erstarrung. Auch ich empfand diese schweigende Zuwendung und Freundschaft, gerade in der ersten Zeit der Trauer, für mich als hilfreich. Gute Tipps und Ermahnungen, das Leben positiv zu sehen, Menschen, welche mir einreden wollten, dass hinter Angelikas Tod ein „grösserer Sinn“ steckt und Vertröstungen wie, „du wirst sie im Himmel wieder sehen“ halfen nichts. Diese Bemerkungen verstärkten nur meine Einsamkeit und Isolation.