totsächlich #16 Die Leerstelle

Die Weihnachtstage waren vorbei und das neue Jahr brach bald an. Das erste Mal seit 10 Jahren wollte ich nicht über Neujahr in das Lager der Kirche gehen. Normalerweise liebte ich das Neujahrslager, ich kannte fast alle der über 100 Teilnehmenden und war vor Angelikas Tod ein fester Teil dieser christlichen Gemeinschaft gewesen. Doch seit Angelikas Tod hatte sich vieles verändert. Ich fühlte mich nicht mehr als Teil dieser Gemeinschaft. Grössere Menschenansammlungen erschreckten mich. Unter Menschen fühlte ich mich noch einsamer und die Lücke, welche Angelika hinterlassen hatte, wurde mir noch schmerzlicher bewusst. Von den Leuten des Cevi fühlte ich mich nicht verstanden, sondern entfremdet. Zudem waren all die Kirchenlieder und Worship-Songs nur noch eine Farce für mich. Wie konnte ich „Grosser Gott wir loben dich“ oder „I will praise you in my darkest hour“ singen und ganz anders empfinden. Nein, all die Lieder wollte ich nicht mehr in den Mund nehmen. Sie waren kein Trost, sondern mutierten zu reinen Provokationen in meinem Leben.

So blieb ich zu Hause, wollte den Jahresübergang von 2006 zu 2007 nicht feiern, keine Menschen sehen und nicht wieder die fröhliche „Weihnachtsmaske“ anziehen müssen. Ich wusste auch nicht was ich zu feiern gehabt hätte, denn in mir blieb nur dieser Leere zurück. Der Verlust von Angelika war das Einzige was ich noch sehen konnte, das Einzige was zählte. Alles andere verlor ganz und gar an Bedeutung in meinem Leben. Auch die Menschen, die mir lieb waren, die versuchten mich zu verstehen, wie mein Mann und meine langjährige WG-Freundin, nahm ich nicht mehr richtig wahr. Sie konnten nicht mehr zu mir durchdringen. Wie eine Kluft umschloss mich die Leerstelle, die Angelika in meinem Leben hinterlassen hatte. Es war still um mich herum und alles Leben wurde von dieser tiefen Leere verschluckt. Ich war nicht in der Lage über diesen scheinbar unüberwindlichen Graben Brücken zu schlagen.

So gerne hätte ich mehr Lebenszeit mit Angelika geteilt. In meinem Tagebuch betrauerte ich die gestohlene Zeit:

„Ich hätte mir mehr Zeit, mehr Gespräche, mehr Erlebnisse mit dir gewünscht. Hättest du dir nicht mehr gewünscht? Angelika warum hast du mich allein gelassen schreit es immer und immer wieder in mir.“

Sie hatte mich und uns um die gemeinsamen Träume, um die gemeinsame Zeit betrogen und in meiner Wahrnehmung blieb ein Nichts zurück.

 

Reflexion

Wie anhand meines Lebens aufgezeigt kann bei Hinterbliebenen eines Suizids das Gefühl der Leere überwältigend werden. Das Leben, die Freundschaften und geliebten Menschen, das Schöne konnte ich nicht mehr schmecken, sehen und hören. Ich trauerte, nicht nur um Angelika, sondern auch um unsere verlorene Zeit und die zerstörten Träume. Im Angesicht eines Suizides wird auch das eigene Leben in Frage gestellt. Mehr als bei anderen Todesursuchen hinterlässt ein Suizid das Gefühl, dass die verstorbene Person die gemeinsamen Träume absichtlich zerstört und die Zeit geraubt hat. Doch zu diesem Zeitpunkt verlief auch diese Wut noch im Gefühl der Leere, doch das sollte sich in den nächsten Monaten noch ändern.

Mir war es damals nicht möglich Brücken zu bauen zu anderen Menschen hin, aber unerschrockene BrückenbauerInnen hätten vielleicht eine Chance gehabt zu mir zu gelangen. Niemand konnte zu dieser Zeit die Leerstelle ausfüllen, aber es war hilfreich, wenn sich jemand darum bemühte meinen Alltag mit Leben zu füllen und vor meiner manchmal abweisenden Art nicht zurückschreckte. Es ist wesentlich, dass die Trauer und Leere der Hinterbliebenen akzeptiert wird. Genauso wichtig ist es aber auch kleine Brücken der Hoffnung zu der trauernden Person hin zu bauen: ein kurzer Besuch, ein Stück Kuchen, ein nettes Wort, ein Kärtchen, ein Lächeln, eine Unternehmung, ein Zeichen der Freundschaft, ein gemeinsames Glas Wein, eine Lerngruppe, ein Telefongespräch, eine Umarmung, ein offenes Ohr, der Link zu einer Fachperson, Farben und Papier, Kaffee, und vieles mehr… Es braucht nicht viel, um mit dem Bau der Brücke zu beginnen, nur etwas Mut, doch jeder Stein kann viel bewirken.

totsächlich #15 Die unerträglichen Zeiten – oder: Wie feiert man Weihnachten?

Obwohl ich mich durch die Tage hindurchschleppte ging das Leben unaufhaltsam weiter, zumindest auf dem Kalender: Oktober, November, Dezember. Weihnachten rückte immer näher und ich immer weiter weg von den Menschen. Es blieben wenige konkrete Erinnerungen aus dieser Zeit in meinem Gedächtnis haften, sondern vielmehr dumpfe neblige Gefühle, Orientierungslosigkeit und Fremdheit. Die Weihnachtsbeleuchtung auf den Strassen, an Häusern und Einkaufszentren fielen mir gar nicht auf. Aber wenn ich mich einem Laden näherte hörte ich die altbekannten Weihnachtslieder. Jingle Bells und Last Christmas dröhnten mir entgegen und die Schaufenster waren voll von glitzernden, unnötigen Dingen. Menschenströme hetzten durch die Strassen und alle bereiteten sich auf die Festtage vor. Wie ein fremder, verzerrter Film liefen die Weihnachtsvorbereitungen vor meinen Augen ab. Feiern? Was konnte ich feiern? Den dunkeln Winter? Die grauen Tage? Ein Fest ohne meine Freundin? Doch mehr als die Frage nach dem Was, trieb mich diejenige nach dem Wie um: Wie konnte ich feiern, jetzt wo nichts mehr so war, wie es sein sollte?

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Mir graute vor Weihnachten, vor den Familienfesten, vor scheinbar glücklichen Gesichtern. Aber mehr noch waren mir die theologisch aufgeladenen Geschichten zuwider: Maria und Joseph, Esel, Bethlehem und Könige, ein Gott der Mensch wurde. Ich aber wollte keinen Gott der Mensch wurde, keine Feste, üppige Essen und Lichter, nein ich wollte Angelika zurück. Das war mein einziger Wunsch.

Die Weihnachtstage waren dann tatsächlich sehr anstrengend. Es war kräftezehrend eine einigermassen fröhliche Fassade aufrecht zu erhalten, belanglose Gespräche zu führen und mir nichts anmerken zu lassen. Ich wollte ja niemandem das Fest verderben und trauernde Menschen sind, gesellschaftlich gesehen, nicht unbedingt die angenehmsten Menschen. Für alle war Angelika schon lange tot. Sie war ja nicht Familie, war nur meine Freundin, eine Bekannte, welche die meisten nicht gut kannten. Ich spielte das Spiel mit. Nur einmal verlor ich die Fassung und zwar als meine Grossmutter meine verstorbene Freundin erwähnte und ich ihre Fassungslosigkeit über den Suizid spürte. Wie bereits in den ersten Beiträgen beschrieben erwähnte kaum je jemand laut Angelikas Namen. Ausser meiner Grossmutter, sie vergass auch nach Jahren den Suizid nicht und betrauerte das „vergeudete“ Leben.

Reflexion

Anders als bei der Trauer um einen alten Menschen, der eines natürlichen Todes gestorben ist, kann die komplexe Trauer im Falle eines Suizids überwältigend werden. Sie kann sich wie ein Schleier über das ganze Leben legen und jegliche Freude, das Schöne und Lebendige verschlucken. Der trauernde Mensch ist dann kaum noch im Stande etwas als positiv wahrzunehmen. Alles wird von der Trauer verschluckt.

Dies ist für das Umfeld nicht einfach zu verstehen und auszuhalten. Doch gute Ratschläge wie: „sieh das doch positiv“ oder „das Leben hat auch schöne Seiten“ sind nicht nützlich. Hilfreicher wäre es, der hinterbliebenen Person die Trauer zuzugestehen und sie gleichzeitig nicht im Kummer ersticken zu lassen. Auch im Leben trauernder Personen gibt es noch Dinge die lustvoll sind. Danach zu fragen und diese gemeinsam zu verwirklichen öffnet wieder Perspektiven für das Leben. Gerade an den Festtagen wäre dies nötig, denn diese sind für viele Menschen schwierig. Familienfeste können noch einsamer machen, als allein zu sein. In der Trauer auf Unverständnis zu stossen, und Fassaden aufrechterhalten zu müssen, nur wegen eines Festtages, bringt der trauernden Person nichts. Anders als im Bericht beschrieben würde ich mich heute, mit etwas mehr Wissen und meiner gemachten Erfahrung zurückziehen, nicht mitfeiern oder besser darauf hören, was dran ist und was ich bräuchte, unabhängig von der Jahreszeit.

T.A.N.G.O.

Nach längerer Zeit war es auf einer Studienreise wieder einmal möglich T.A.N.G.O. zu besuchen. Wir wurden nicht nur mit Kaffee, Tee, Sandwiches und Scones empfangen, sondern mit viel Wärme und Liebe. Auch nach 17 Jahren setzen sich die Seniorinnen und Senioren (und ein paar jüngere Menschen) freiwillige mit Herz und Leidenschaft für Haydock ein. Im Folgenden nun ein paar Auszüge, was T.A.N.G.O. ist und macht. Noch detailiertete Infos sind in meiner Diss zu finden.

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Entstehung und Entwicklung

T.A.N.G.O. liegt in Haydock, einem Vorort von Liverpool, und wurde von Mitgliedern der Ortsgemeinde St. Markʼs Haydock gegründet. T.A.N.G.O. steht immer noch in enger Beziehung zu St. Markʼs und ist zwar finanziell unabhängig, aber durch die gemeinsamen Werte und das Coaching des Pfarrers ein Teil dieser Parochie. St. Marks Haydock bezeichnet sich als eine lake and river church, wobei das Bild des Sees und Flusses synonym zum Begriff der mixed economy gebraucht wird. St. Markʼs Haydock arbeitet schon mehr als zehn Jahre mit diesem Modell und ermutigt und fördert so fxC seit Ende der 1990er Jahren. St. Marks versteht sich als Kirche, welche aus Zellgemeinden aufgebaut ist:

«Together, Lake and River cells, parish based church and new forms of church, make up St Mark’s, the Lake and River church.»[1]

St. Markʼs lebt dadurch ein Miteinander von traditionellen und neuen Formen von Kirche, wobei der See für die inherited church steht und der Fluss für fxC. Gemäss der Erklärung von Pfarrer Mark Cockayne[2] besteht die Differenz von Zellgemeinden zu Hauskreisen gerade darin, dass eine Zelle ein dynamisches Gebilde ist, welchem eine Mission innewohnt. Das Ganze, sowohl der See-Anteil als auch der Fluss, wird durch fünf gemeinsame Werte,[3] welche regelmässig in der Gemeinde auf unterschiedlichen Ebenen thematisiert und kommuniziert werden, zusammengehalten. St. Markʼs als See und Fluss ist momentan kirchlicher Bezugspunkt für mehr als 1000 Menschen.

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T.A.N.G.O. ist eine von mehreren fxC, welche sich im Bild des Flusses von St. Markʼs verorten lassen. Entstanden ist sie im August 2000 durch die Initiative von Avril Chisnall, einem engagierten Mitglied von St. Markʼs. Avril schaute mit anderen Mitgliedern der Kirchgemeinde den Film Viva Christa Rey, in dem es um einen sozialen Brennpunkt in Brasilien ging. Für Avril Chisnall war dieser Film der Auslöser, sich den sozialen Brennpunkten seiner Umgebung zuzuwenden. Sie sammelte ein Team von zwölf Menschen um sich und begann mit diesen Menschen einen ekklesialen Prozess. Dieser Prozess bestand aus vier Elementen: Aus den Gebeten des Teams, der aktiven Auseinandersetzung mit der Sozialhilfe und den Betreibungsämtern, einer kleinen Untersuchung und Bedürfnisabklärung der Nöte vor Ort und aus der Auseinandersetzung mit Jesaja 58, 6‒12. Das kleine Team entschied sich, dass sie Menschen werden wollten, wie in Jesaja beschrieben:

«We will be known as the people who rebuild broken walls and restore houses in ruins.»[4]

Dem Team wurde der alte orange Gemeindesaal zur Verfügung gestellt, welcher sich hinter der Kirche befindet. Da das Team im sozialen Kontext von Haydock verwurzelt sein wollte, wählte es für ihr Projekt den Namen, den die einheimische Bevölkerung dem alten Gemeindesaal gegeben hatte, und das war tango shed, analog zum tango pub der Gegend. Das Team füllte jedoch TANGO mit einer neuen Wortbedeutung: Together As Neighbours Giving Out. Der Protest über die sozialen Schwierigkeiten schwingt in der Namensgebung mit, im Mittelpunkt stehen aber Hilfestellungen und die Abgabe von Geschenken.

T.A.N.G.O. hat vor allem diakonische Ziele. Es soll Hilfe zur Selbsthilfe ermöglicht, Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, damit prekär gewordenes Leben wieder aufgebaut werden kann. Zudem soll den Menschen der Gegend gezeigt werden, dass es Leute gibt, die sich für sie und ihre Nöte interessieren.

Aus dem zwölfköpfigen Team ist mittlerweile ein Betrieb entstanden, in dem vierzig Menschen freiwillig tätig sind und zehn Personen auf Teilzeit-Basis angestellt sind. Sowohl unter den Freiwilligen als auch unter den Angestellten befinden sich Personen mit psychischen oder physischen Beeinträchtigungen und Langzeitarbeitslose, denen auf diese Weise ein Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt ermöglicht wird. In den letzten 14 Jahren sind gemäss Angaben von Avril Chisnall Hunderte von Menschen im Team integriert gewesen, die von dort aus wieder einen Einstieg in die Gesellschaft finden konnten.

Leitbild

Wie bereits beschrieben, ist T.A.N.G.O. eng mit St. Markʼs verknüpft, so gelten die fünf Werte von St. Markʼs auch für diese fxC. Dennoch hat T.A.N.G.O. durchaus auch eine eigene Identität und eigene Ziele und Zwecke formuliert. Diese sind auf der Homepage folgendermassen zusammengefasst:

Our Aims:

  • Help me to help others to help themselves.
  • To provide resources for the rebuilding of individual and family life.
  • To show that other people do care and you are not alone, if nothing else that there’s an ear and shoulder available.

TANGO in itself is not the thing, God’s love is the thing. Over these last 10 years we have found that his shovel is a great deal bigger than ours. He gives to us (from all over the place, and we sometimes can’t fathom it out) so we can give away to others.[5]

Das Ziel von T.A.N.G.O. ist es, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, die es ermöglicht, sowohl für soziale als auch für seelische Nöte da zu sein und dem Menschen in seiner Ganzheitlichkeit zu begegnen.

 

 

Aktivitäten

Zu T.A.N.G.O. gehören ein Secondhandkleiderladen, ein Brockhaus, ein Café, Räume für Seelsorge, Gespräche und Finanzberatung sowie ein monatlicher Gottesdienst am Sonntag.

Aus der ganzen Gegend werden für das Brockhaus und den Laden qualitativ gute Kleider, Möbel, Kühlschränke, Geschirr, Pfannen und Alltagsgegenstände gespendet und gesammelt. Diese werden von den Freiwilligen sortiert, geputzt und repariert, um sie dann gegen einen kleinen Unkostenbeitrag oder auch gratis an bedürftige Menschen in schwierigen Situationen abzugeben. Im Café gibt es zu niedrigen Preisen Tee, Kaffee, Kuchen, Sandwichs, Suppen, Menüs und Getränke. Zudem finden regelmässig Aktivitäten wie Finanzberatungen, Bedürfnisabklärungen oder auch Weihnachtsfeiern statt, je nach Nachfrage. Viele ehemalige Besucherinnen und Besucher von T.A.N.G.O. sind mittlerweile als Freiwillige dabei.

T.A.N.G.O. beginnt jeden Tag mit einem 15-minütigen Teamtreffen, an dem alle Mitarbeitenden teilnehmen. Das Teamtreffen ist anhand von drei P aufgebaut: Purpose, Problem und Presence of God. Anhand dieser drei P wird der Tag strukturiert und am persönlichen Leben der Mitarbeitenden teilgenommen.

Eine Aktivität, welche nicht auf der Homepage aufgeführt ist, sind die zwei cells,[6] welche auch zu T.A.N.G.O. gehören und in die ein Teil des Teams integriert ist.

 

Theologische, missionale und ekklesiologische Aspekte

Die Grundlage von allen Zielen und Aktivitäten ist die Rede von Gottes Liebe. Diese wird durch die Gemeinschaft und Taten erlebbar gemacht und verkündet. Getragen wird die Gemeinschaft in allen schwierigen und riskanten Situationen, welche ihre Arbeit automatisch mit sich bringt, vom beständigen Gebet für die Arbeit und füreinander. Die Gemeinschaft in T.A.N.G.O. ist auch das Element, welches für Hilfesuchende anziehend wirkt, um sich darin ebenfalls zu engagieren. Die Selbstbeschreibung, welche immer wieder zu hören ist, ist folgende:

«God is the source of our motivation. We are ordinary people, doing extraordinary things, because of an extraordinary God.»[7]

Die Arbeit der fxC wird in höchstem Masse als kontextuell, missional und zugleich transformativ beschrieben. Gemacht, angeboten und gearbeitet wird in den Bereichen, welche den Nöten des Kontextes entsprechen.

 

Das Menschenbild in T.A.N.G.O. ist von einer Ganzheitlichkeit geprägt, in der soziale und seelische Nöte nicht voneinander getrennt betrachtet werden können. Die Freiwilligen in der fxC betonen immer wieder, dass ihre Aufgabe nicht das Urteil über die und die Verurteilung von den Hilfesuchenden ist, selbst wenn die Not selbstverschuldet ist. Vielmehr sehen sie ihre Aufgabe im Beziehungsaufbau, welcher auf der Liebe Gottes gründet und von Annahme geprägt ist. Zudem wird immer wieder betont, dass ihr Engagement nicht nur die Hilfesuchenden, sondern auch das Team selber transformiert:

«Lives get transformed when you work with poor, not only their life but ours aswell.»[8]

 

 

 

 

[1]        Lake & River Cells & Clusters | St Mark’s Haydock, http://www.stmarkshaydock.org/?page_id=7, gesehen am 4.8.2013.

[2]        Mark Cockayne war über 10 Jahre bis April 2014 der leitende Pfarrer von St. Markʼs.

[3]        Vgl. Vision & Values | St Mark’s Haydock, http://www.stmarkshaydock.org/?page_id=3, (Zugriff 10.4.2014) Die fünf Werte im Überblick, die auf der Homepage noch genauer ausgeführt werden: «All Involved, Becoming Disciples, Creating Community, Doing Evangelism, Encountering God».

[4]        About Us | T.A.N.G.O. Haydock, http://www.tangohaydock.org/?page_id=140, gesehen am 10.4.2014.

[5]        About Us | T.A.N.G.O. Haydock, http://www.tangohaydock.org/?page_id=140, gesehen am 10.4.2014.

[6]        St. Markʼs Haydock ist durch cells strukturiert, welche kleine ekklesiale stabile Einheiten darstellen, in welchen discipleship geschieht, Gemeinschaft gepflegt und Kirche erlebt wird.

[7]        Aus einem Gespräch mit Avril Chisnall im Juli 2013.

[8]        Aus einem Gespräch mit Avril Chisnall im Oktober 2013.

Four leadership keys for Churches

Observations from the ministerial development division of the Church of England from Dr. Tim Ling

If you wanna have a flourishing ministry and lead through change you have to take care of yourself. Four leadership things are key:

  1. Sense of calling and context (ground of ministry that gives us confidence)
  2. Collegial support (loving relationship with colleges)
  3. Feedback (a trusted college telling you how it is in a loving and trusting manner)
  4. Role crafting behaviour (feel save to try new things; intentional change about the way I approach relationships, tasks and situations)

 

Lutherische Klarheit und reformierte Vielstimmigkeit

Was würde geschehen, wenn Luther und Zwingli sich heute begegnen würden? Würden sie wohl immer noch über die Unterschiede im Abendmahlsverständnis streiten und theologische Differenzen debattieren? Oder würden sie in ihrer Unterschiedlichkeit eine Ergänzung erkennen?

Die vielleicht grössten Unterschiede zwischen Luther und Zwingli waren weniger theologische und ideologische, sondern vielmehr atmosphärische. Dies zeigt sich beispielsweise in den unterschiedlichen Vorgehensweisen bei der Übersetzung der Bibel. Während Luther sprachmächtig die Bibel alleine, in seiner Kammer übersetzte, entstand die Zürcher Bibel als Werk eines Teams in der Öffentlichkeit. So wurde im Juni 1525 im Chor des Grossmünsters in Zürich die „Prophezei“ ins Leben gerufen. Von da an wurde im Grossmünster jeden Morgen, Freitag und Sonntag ausgenommen, die Bibel übersetzt, diskutiert und so theologisch gearbeitet.

Während Luthers klare, messerscharfe Worte kaum zu übertreffen sind, zeichnet sich die Übersetzung der Zürcher Bibel durch Vielsprachigkeit aus.

Das Proprium der reformierten Perspektive ist ihre Vielfältigkeit und Vielsprachigkeit. Dies beinhaltet jedoch immer auch eine gewisse Unschärfe. Zur reformierten Identität gehört es, mit Unklarheit und Unschärfe umzugehen und in der Vielzahl der teilweise unharmonischen Gesänge dennoch die Melodie des Evangeliums zu erkennen.

Sowohl Luther, als auch Zwingli hatten jedoch, mit ihren unterschiedlichen Herangehensweisen, ein gemeinsames Anliegen. Ihr Ziel war nicht die Herrschaft und alleinige Definitionsmacht über das Wort, sondern das Evangelium sollte nahbar und verständlich werden für ganz normale Menschen. Das Ziel der Reformatoren war nicht eine Klerikalisierung, Akademisierung und Verklärung von Theologie. Ziel war eine theologische Ermutigung von ganz normalen Frauen und Männern. Laien sollten theologisch sprachfähig werden, sich über das Wort Gottes unterhalten können und so das Evangelium in ihrem Alltag, im Lieben, Streiten, Handeln, Leiden, in Not, Freude, Trauer, Hass, Verlust, Wut und Glück lebendig werden lassen.

So hoffe ich, dass wir in den Reformationsfeierlichkeiten nicht wehmütig zurückschauen auf Vergangenes und im Blick auf Luther und Zwingli Helden glorifizieren. Mein Wunsch wäre es, dass wir uns dem Ringen der Reformatoren anschliessen, gemeinsam als Evangelische Kirchen ehrlich darum ringen sprachfähiger zu werden in einer pluralistischen Gesellschaft. Denn die heutige postmoderne Zeit zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht mehr nur eine Sprache des Volkes gibt, die alle verstehen. Stattdessen sind es viele verschiedene Sprachen, in die es das Evangelium zu übersetzen gilt. Um dieser Herausforderung zu begegnen da braucht es beides: Lutherische Klarheit und Reformierte Vielstimmigkeit.

For young people, by young people

Auf der Studienreise haben sich Andy und ein Teil seines Teams Zeit genommen uns einen Einblick in ihre Kirche und Arbeit zu geben. Da ich aber Sorted seit mehr als sechs Jahren regelmässig besuche, stammen folgende Ausführungen nicht von diesem Besuch. Vielmehr sind es Beobachtungen und Zusammenfassungen einer Entwicklung über ein paar Jahre. Noch detailiertete Infos sind in meiner Diss zu finden.

Entstehung und Entwicklung

Sorted liegt im Norden in einem Vorort von Bradford und ist auf Jugendliche aus sozial benachteiligten, schwierigen Verhältnissen ausgerichtet. Sorted ist ein Projekt der Church Army, sie wurde von Andy Milne aufgebaut. Dieser wuchs im Norden von Bradford auf, war ein Skateboarder und kam mit dem Christentum in Kontakt. Andy Milne fühlte sich zu einem Vollzeitdienst innerhalb der Church of England berufen, hatte jedoch die Vision, Kirche und seine eigenen Ressourcen zu verbinden. So liess er sich von 2000 bis 2003 in Sheffield zum Church Army Evangelist ausbilden. Nach der Ausbildung zog es Andy Milne und seine Frau Tracy zurück nach Nord Bradford, um dort eine Jugendkirche unter non-churched Jugendlichen zu gründen. Zuerst bauten Andy und Tracy Milne ein Team von Freiwilligen auf, welches sich berufen fühlte, mit Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen zu arbeiten. Der grösste Teil der Zielgruppe ist ohne Kenntnisse des Christentums aufgewachsen.

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Andy Milne traf sich jeden Freitag mit den Freiwilligen, baute unter ihnen eine gute Gemeinschaft auf und bildete sie aus. 2004 begannen die Milnes und ihr Team erstmals, mit den Jugendlichen der Gegend in Kontakt zu treten. Dies vor allem im neu eröffneten Immanuel College der Church of England. Die Beziehungen zu den Jugendlichen wurden ursprünglich durch die schulische Sozialarbeit aufgebaut. Das Immanuel College liess Andy Milne als Sozialarbeiter auf dem Schulareal zwar zu, unterstützte diese Arbeit jedoch nicht finanziell. Nach ein paar Monaten stellte die Schule Andy Milne und der kleinen Gruppe von Jugendlichen jeden Freitagabend einen Raum zur Verfügung. Immer mehr Jugendliche kamen, sie spielten Fussball, waren auf ihren Skateboards unterwegs und setzten sich mit Gott und ihrer persönlichen Spiritualität auseinander. Jetzt, neun Jahre später, besteht Sorted aus drei Jugendkirchen, Sorted 1, Sorted 2 und Sorted 3, in welche 150 Jugendliche integriert sind. Sorted war eine der ersten fxC, welche eine Bishops Mission Order vom Bischof von Bradford bekamen und dadurch auf allen Ebenen in der Church of England Anerkennung als anglikanische Kirche fanden. Die Bishops Mission Order gibt Sorted einige Vorteile, denn sie bietet ein klar umrissenes Gebiet und definiert die Schulen, mit welchen zusammengearbeitet werden kann. Ausserdem wird ein Haus im Umfang eines Pfarrhauses zur Verfügung gestellt und eine Zusicherung von der Diözese für eine 50-Prozent-Stelle ausgesprochen. Zudem bedeutet die Bishops Mission Order das Ende der Abhängigkeit von der Kulanz lokaler Kirchen. Sorted kann nun selbständig Entscheidungen fällen. Durch die Bishops Mission Order ist Sorted aufgefordert, eine Kirchenpflege und eine Gemeindevorsteherin oder einen Gemeindevorsteher einzusetzen und Spenden zu generieren. Die fxC befindet sich auch im Registrierungsprozess zur Wohltätigkeitsorganisation.

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Leitbild

Das Ziel von Sorted ist, dass Jugendliche und junge Erwachsene ermächtigt werden, sich mit Jesus Christus, ihren Sinnfragen und ihrer Spiritualität auseinanderzusetzen, und zwar in einem Modus, der ihrem sozialen und kulturellen Hintergrund entspricht.

Um dies zu gewährleisten, basiert Sorted auf diversen Grundwerten, wobei die folgenden zwei im Zentrum stehen. Für Sorted ist der Beziehungsfokus zentral, im Gegensatz dazu werden Events und Aktivitäten als zweitrangig angesehen.

„Thus relationships are truly foundational in Christian work, not just the door to force open to thrust some gospel content through. Being relational is itself part of the good news that this is how we are fashioned and intended to live.“

Bei allen Aktivitäten und beim Ausleben ihrer Spiritualität werden die Jugendlichen danach gefragt, was sie machen wollen. Die Aktivitäten werden gemäss den Vorschlägen der Jugendlichen und von den Jugendlichen gestaltet. So lautet das in Sorted vielfach zitierte Motto:

By young people, for young people.

Auch die Grundeinstellungen being in their world und true to the word and open to the Spirit bieten für die Arbeit in Sorted Orientierung.

Sorted steht in guter Partnerschaft mit den sechs umliegenden Ortsgemeinden und versteht sich als Ergänzung des kirchlichen Netzwerks der Church of England.

Zielgruppe und Fokus

Die Mitglieder von Sorted sind Jugendliche, die erlebnisorientiert und auf intensives Leben ausgerichtet sind. Ausserdem befinden sie sich häufig in prekären familiären, schulischen oder beruflichen Situationen. Der Bildungsstand ist eher tief. Die meisten Jugendlichen in Sorted hatten noch nie Kontakt zu einer Kirche oder zum Christentum. So erreicht diese fxC vor allem non-churched. Damit dies möglich ist, investiert das Leitungsteam viel Zeit in den Beziehungsaufbau und die Beziehungsstabilität zu den Jugendlichen. Bis heute sind sie an unterschiedlichen Schulen tätig und halten sich an den Orten auf, wo sich die Jugendlichen häufig treffen.

In der Zielgruppe ist die Experimentierbereitschaft hoch, was die Kreativität und das Engagement in Sorted fördert. Gerade für die Jugendlichen aus schwierigen familiären Verhältnissen ist Sorted eine Heimat geworden. Andy Milne und sein Team arbeiten erlebnisorientiert und stark partizipativ. Zudem geben sie den Jugendlichen Raum und Verantwortung. Die Jugendlichen entscheiden selbst, was sie machen wollen und wie für sie Kirche und Gottesdienst aussieht.

Aufgrund der prekären sozialen Verhältnisse besteht ein beachtlicher Teil der Arbeit des Teams in der Begleitung, Seelsorge und Beratung von Jugendlichen.

Leitung

Sorted wird seit den Anfängen von Andy Milne geleitet, der bis zum heutigen Zeitpunkt von der Church Army angestellt ist. Tracy Milne, Andys Ehepartnerin, ist seit Beginn Teil des Leitungsteams von Sorted. Sie ist ordinierte Pfarrerin der Church of England, in einer Ortsgemeinde im Norden Bradfords angestellt und hat einen Teilauftrag für Sorted. Wegen des Wachstums und der Multiplikation in Sorted 1, 2 und 3 sprach die Church Army weitere Stellenprozent gut.

Nebst unzähligen jugendlichen Freiwilligen, welche durch Sorted als Leiterinnen und Leiter ausgebildet wurden, besteht ein Team von 20 ehrenamtlich tätigen Erwachsenen aus der Umgebung.

Die Grundhaltung von Sorted gegenüber den Freiwilligen ist von Dankbarkeit und Respekt geprägt:

„We are always grateful to our volunteers as they come week in week out to help. They are the people that make Sorted happen, without them it wouldn’t have even started.“ (Andy Milne)

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Aktivitäten

Alle Aktivitäten werden mit den Jugendlichen zusammen vorbereitet und durchgeführt. So können sich die Aktivitäten je nach Bedürfnissen rasch verändern. Es treffen sich regelmässig 150 Jugendliche in drei Jugendkirchen, Sorted 1, Sorted 2 und Sorted 3, zu unterschiedlichen Veranstaltungen und Tätigkeiten. Am Montagabend finden von den Jugendlichen selbstgestaltete Gottesdienste und am Mittwochabend Diskussionsgruppen und Hauskreise statt. Donnerstagabends ist Re:fresh, eine Diskussionsrunde zu biblischen Themen mit non-churched Jugendlichen. Freitagabends finden, nach Altersgruppen aufgeteilt, unterschiedliche Aktivitäten statt. Die jungen Erwachsenen treffen sich zu einem gemeinsamen Essen und discipleship, die Jugendlichen zu einem gemeinsamen Essen, sportlichen Aktivitäten und Projekten mit den lokalen Schulen. Am Sonntagabend findet ein Jugendgottesdienst für kirchenferne Jugendliche statt und im Immanuel College wird eine „after school“-Gruppe für 11- bis 14-Jährige angeboten. Darüber hinaus gibt es regelmässige Mentoringtreffen mit den jungen Erwachsenen, seelsorgerliche Begleitung und Beratung von Jugendlichen und ein gemeinsames Sommerlager von Sorted 1, 2 und 3.

Bezeichnend für die meisten Treffen ist, dass die Jugendlichen ihre Aktivitäten, die Gottesdienste und Projekte selbst entwickeln und dabei von den Erwachsenen unterstützt werden.

Finanzielle Situation

Andy Milne wird von der Church Army bezahlt, und seit die fxC über eine Bishops Mission Order verfügt, wird ein Pfarrhaus von der Diözese zur Verfügung gestellt. Sorted befindet sich jedoch regelmässig in finanziellen Engpässen, da die Jugendlichen wenig Einnahmen beisteuern können. So war die fxC 2013 nicht in der Lage, den vereinbarten Beitrag von 750 Pfund an die Diözese zu bezahlen.

Theologische, ekklesiologische und missionale Aspekte

Sorted erhielt 2010, als fünfte fxC von der Church of England, eine Bishops Mission Order vom damaligen Bischof von Bradford David James. Bischof David James setzte sich seit Beginn für das Projekt ein und unterstütze es. Seit 2010 hat Sorted nun den Status einer eigenständigen anglikanischen Kirche. Es ist der fxC sehr wichtig, den Status von Kirche zu haben und nicht als Zubringer zu den parochialen Kirchen zu gelten. Dies wurde auch in den Gesprächen mit den Jugendlichen deutlich.

Das persönliche Selbstverständnis und die persönliche Verortung von Sorted ist dezidierter ekklesialer Natur. Die Bishops Mission Order bestätigte dies bloss noch offiziell. So prägen Begriffe family, transformation of life, community und relationship das Ekklesiologieverständnis der Jugendlichen.

Ein weiteres wesentliches Element in der fxC ist discipleship. Dabei geht es darum, die Jugendlichen schnell zu integrieren und ihnen Verantwortung zu übergeben, und dies nicht nur in organisatorischen, sondern auch in spirituellen Belangen. Partizipation gilt als Leitmotiv aller Aktivitäten, so gestalten zum Beispiel im Gottesdienst die Jugendlichen die Liturgie, beten füreinander und erzählen sich gegenseitig Geschichten aus ihrem Leben und aus ihren spirituellen Erfahrungen. In Sorted geht es darum, Jugendlichen einen relationalen Raum zu eröffnen, in dem sie mit sich selbst, miteinander und mit Gott jugend- und kontextgerecht in Beziehung treten und eine christliche Praxis entwickeln können.

Geprägt ist die fxC von einem inkarnatorischen Missionsverständnis, das stets versucht, im Kontext und in der Welt der Jugendlichen präsent und aktiv zu sein. Die dafür häufig verwendete Begrifflichkeit ist being in their world.

 

Pioneering: the gift of not fitting in

Im Gespräch mit den Pionieren: Harry Steel und Simon Hall

Nach dem Besuch der Colleges wird es nochmals konkreter und praktischer auf unserer Studienreisen. Nun wird den Pionieren auf den Zahn gefühlt. Auf den ersten Blick haben die Pioniere Harry Steel und Simon Hall kaum Gemeinsamkeiten.

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Sowohl die Persönlichkeit, das Aussehen, als auch das Alter ist unterschiedlich. Harry ist darauf spezialisiert in 1-3 Jahren eine „komatöse“ Gemeinde wiederzubeleben. Seine Aufgabe wird „interim-ministry“ genannt, das die Church of England neu am kreieren ist. Simon ist seit mehr als 16 Jahren in Leeds als ordinierter baptist minister tätig. Simon leitet die fresh expressions of Church revive und ist mit seiner Gemeinde durch Left Bank Leeds fest im Ort verankert. Left Bank Leeds soll ein kreativer Gemeinschaftsort für genau diesen Kontext sein. Nur schon beim Vergleich von diesen zwei Personen werden jedoch einige gemeinsame Qualitäten offensichtlich.

 

Qualitäten einer Pionierin

  • Beide Personen, und alle Pionier/innen, die ich in den letzten 7 Jahre getroffen habe, sprechen davon, dass sie sich, in welcher Form auch immer, von Gott berufen fühlen.
  • Sie alle sind Menschen, welche die Grenzen zwischen christlicher und gesellschaftlicher Kultur am eigenen Leib erlebt haben und da nicht stehen geblieben sind. Sie leben aus der Überzeugung heraus, dass sich Glaube und Gesellschaft nicht widersprechen müssen, sondern dass es relationale (Sprach)formen gibt, welche Brücken bilden und aus denen ein Gemeinsames entstehen kann.
  • Sie brauchen und schaffen eine kreative Atmosphäre, in der mit der Tradition gespielt werden kann und Fehler gemacht werden dürfen.
  • Sie passen eigentlich nicht in ein kirchliches Umfeld, sie haben das «gift of not fitting in», sind dennoch loyal in ihrer Kirche verwurzelt und bekommen oder nehmen sich die Freiheit für Experimente.
  • «Pioneers see things other people don’t see and make something happen. » (Jonny Baker)
  • Sie schaffen sich Orte, wo sie Unterstützung und Ermutigung finden, und wenn sie Glück haben, wo ihnen von kirchlicher Seite her Unterstützung gewiss ist.
  • Sie lesen die Kontexte und Netzwerke genau, kennen ihre Tradition und haben eine christliche (Gebets-)Praxis.
  • Sie haben in sich einen Hobbit und einen Punk: «You need the Hobbit, who knows the tradition very well and works hard. But you need the Punk also, who is creative and messes everything up.» (Jonny Baker)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

CHURCH-MISSION-SOCIETY: Pioneering on the edge

Nicht nur die Kirchen in der Church of England sind total divers, sondern auch die Ausbildungsstätten. Gemeinsam ist St. Mellitus und Church Mission Society (CMS) die Akkreditierung durch die Universität Durham – sonst sind ihre Wert, ihr Vorgehen und ihre Ausrichtung auf den ersten Blick doch sehr unterschiedlich.

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Wir haben einen der Direktoren von CMS, Jonny Baker, einen provokativen, kreativen und kontextuellen kirchlichen Akteur zum Gespräch getroffen. CMS bildet ordinierte und nicht ordinierte Pionierinnen und Pioniere aus. Die Ausbildungsstätte ist, wie St. Mellitus auch, in der Lage Bachelor-, Master- und Promotionsstudiengänge anzubieten. Im Gegensatz zu St. Mellitus schreiben sich bei CMS jedoch mehr Menschen zum Studium ein, die soziale Transformation in ihrem Kontext oder in Unternehmungen vorantreiben wollen. Das Ziel der Ausbildung ist es Pfarrpersonen, Studierende und Laien zu konkretem, theologischen und kontextuellen Handeln zu befähigen. Auch hier ist Theorie und Praxis sehr eng ineinander verzahnt. Anders als bei anderen Ausbildungsstätten wird bei CMS allerdings nicht von formation gesprochen, sondern von transformation. Jonny äussert sich kritisch zu Ausbildungen, welche Leute formieren – also in Form bringen möchten. Für ihn stehen gesellschaftliche und persönliche Transformation im Zentrum, nicht die Rettung einer Kirche. So ist CMS auf die Ausbildung von Pionierinnen und Pionieren fokussiert: «that don’t fit within the normal business of the church.» Mit diesem Denken sind sie eine spezifische Herausforderung für unterschiedliche Leitungsebenen innerhalb der Church of England. Sie sind eine Provokation für diejenigen, welche vorwiegend die Erhaltung traditioneller Strukturen sichern, oder Kirche durch Modelle und Strukturen entwickeln wollen. Doch gerade in ihrem provokativen Anderssein sind sie eine Bereicherung für die Gesamtkirche.

Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Ausbildungsstätten werden da ersichtlich, wo das Thema auf Gott gelenkt wird. Denn überall begegne ich Menschen, die leidenschaftlich vom Reich Gottes, von ihrer Berufung, von Mission und Kirche sprechen und doch zu kritischer (Selbst-)Reflexion fähig sind. Sie alle sind davon überzeugt, dass Gott die Kirche und vor allem die Welt nicht aufgegeben hat. Zudem sind sie sich darin einig, dass bei aller Kunst der Curricula-Konstruktion die Leitung durch den Geist Gottes, persönliche und gemeinschaftliche Spiritualität und gegenseitige Ermutigung und Unterstützung die wichtigsten Elemente von Ausbildung und Kirchenentwicklung sind.

St. Mellitus – ein College im Aufschwung

Nach den sonntäglichen Besuchen in HTB gehört es fast zur Selbstverständlichkeit die „dazugehörige“ Ausbildungsstätte St. Mellitus  zu besuchen. Bischof Graham Tomlin und sein Mitarbeiter Russell Winfried haben sich extra Zeit für uns genommen hatte.

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St. Mellitus ist das jüngste und gleichzeitig grösste College für die Pfarrausbildung in der Church of England. Die Ausbildungsstätte ist erst 5 Jahre alt, hat ca. 260 Studierende, welche sich ordinieren lassen wollen und ungefähr 250, welche in den Laiendienst der Church of England eintreten möchten. In St. Mellitus ist die Vermittlung von theologischem Wissen nur ein Teil des Studiums. Gemäss der Aussage von Bischof Graham Tomlin hat die Ausbildung aber ein grösseres Ziel:  Transformation. Auf dem Lehrplan stehen deshalb nebst dem traditionellen, theologischen Fächerkomplex auch Charakter-Training, leadership-training und learning-by-doing. So werden Seminare und Vorlesungen im Horizont der praktischen, pfarramtlichen Tätigkeiten in den transformation-groups reflektiert. Zusätzlich möchte St. Mellitus  ein Ort sein, an dem verschiedenen theologischen Richtungen der Church of England zusammen studieren und gegenseitig von einander lernen können. So ist Graham Tomlin der Überzeugung, dass gemeinsames studieren, essen, feiern, beten und arbeiten Verständnis für einander schafft. Deshalb lassen sich die Grundwerte von St. Mellitus (theology, worship, unity und mission) mit den Schlagworten „generous orthodoxy“ zusammenfassen. In Gesprächen mit Studierenden wurde diese generous orthodoxy erlebbar, auch wenn die Mehrheit der in St.Mellitus Studierenden eher charismatic-evangelical geprägt sind. Die Verschränkung von Theorie, Praxis und gelebter Spiritualität überzeugt. An ein paar Punkten würde ich aber gerne bei meinem nächsten Besuch noch etwas kritischer zurückfragen:

  • Wie „generous“ ist diese Orthodoxie, wenn die Praxis vom theologischen  Mainstream abweicht oder sich theologisch-kontroversen präsentiert?
  • Inwiefern knüpft die Rede und Fokussierung auf Church Growth an amerikanische rein nummerische Konzeptionen von ekklesialem Wachstum an, wie sie beispielsweise bei McGavran zu finden waren und heute im Kontext von Mega Churches manchmal noch zu finden sind?
  • Kann und soll ekklesiales Wachstum  auf eine rein nummerische Ebene reduziert werden? Und daran anschliessen: ist es nicht eine Engführung, wenn Kirchenentwicklung vorwiegend im Horizont von Organisationsentwicklung bedacht wird?
  • Wie kontextuell und inkarnatorisch sind die umgesetzten und angestrebten Church Plants? Wer verändert da wen bzw. wer wird verändert? Und bringen die Church Planters die „Wahrheit“ deduktiv in den Kontext hinein, oder entdecken sie induktiv mit den Menschen zusammen Gottes Wirken im Leben und im Kontext?

The HTB-Experience

Eine Kirche, vier „sites“, 12 Gottesdienste und ca. 5500 Mitglieder – so stellt sich Holy Trinity Brompton (HTB) auf den ersten Blick dar. Die Mutterkirche des Alpha-Kurses, grösste anglikanische Kirche der Church of England, ist zum einen ein durchstrukturierter, funktionierender Betrieb mit ca. 350 Angestellten und unzähligen Freiwilligen, die sich in der ganzen Stadt in Suppenküchen, Ehekursen, Schuldenberatung, etc. engagieren. Andererseits ist HTB eine Kirche: vernetzt, vielfältig und energiegeladen. Eine genaue Darstellung von HTB würde diesen Rahmen sprengen, aber auf der Homepage findet man viele Informationen.

Zum Kontext: Mit „meiner“ katholischen Reisegruppe erlebten wird heute zwei Welten des HTB-Erlebnisses. Am morgen besuchten wir HTB Queen’s Gate, die anglo-katholische Ausprägung einer charismatischen Kirche, aber trotzdem High Church durch und durch.

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Am Abend waren wir in der main site an der Brompton Road im 5pm Gottesdienst. Die Kirche war gefüllt mit jungen Menschen, die Band war laut und poppig und eine Lichtshow unterstützte das htb experience.

Für mich waren nun aber nicht in erster Linie die gottesdienstlichen Formen, sondern die Inhalte spannend. Hinter der äusseren Form ist eine grosse inhaltliche und theologische Konsistenz und Kohärenz zu entdecken. Wer über die Form hinweg sehen kann entdeckt den roten Faden, der auf den HTB-Prozess hinweist:

  1. Alpha
  2. Discipleship / transformation
  3. Mission/ church planting

HTB ist, egal in welcher Ausdrucksform immer auch, ein Label, bei dem man weiss, was man bekommt. Der Vergleich mit eine Fastfood-Kette greift dabei aber zur kurz. Denn die fastfood-Metapher impliziert ungesundes Essen, ohne grossen Nährstoffgehalt.

Ein Vergleich mit Starbucks kommt HTB vielleicht schon näher. Starbucks ist zwar ein Label, bietet aber Platz, Heimat, einen vorübergehenden Arbeitsorte, Gemeinschaft und Individualität und Diversität. So ist das HTB- wohl eher ein Starbucks-Experience. Christliches, evangelisch-charismatisches Erleben und Erlebnis ist dabei das Leitparadigma. Das Lable HTB bietet ein experience, das nicht bloss kognitiv ist, sondern emotional, spirituell, gemeinschaftlich und persönlich. Wer sich auf das HTB-Erlebnis einlässt beginnt mit dem Alpha-Experience, das zum Ziel hat Gott im eigenen Leben zu entdecken. Danach kann die Person in eine discipleship-Gruppe gehen, die schlussendlich darauf hinzielt, dass man wieder ausgesendet wir, um bei der Pflanzung neuer Gemeinden zu helfen.

Für die Zielgruppen von HTB, die Starbucks-Gesellschaft, ist das Format passend und angepasst. Eine gelingende Form von Kirchenentwicklung kann entdeckt werden. Allerdings muss gleichzeitig auch kritisch zurück gefragt werden, ob das Leben so einfach ist, wie das HTB-Erlebnisses vermittelt? Was wenn die Komplexität des Lebens sich in den Zweifel- und Glaubensprozesse widerspiegelt? Was wenn die Geschwindigkeit des persönlichen Prozesses nicht mit der hohen Geschwindigkeit des Alpha- und discipleship-Erlebnisses übereinstimmt? Was wenn die theologischen Fragen doch noch etwas komplizierter sind? Was wenn Glaube nicht Bekehrung und Haben bedeutet, sondern Suchen und Leben in grössere und kleinerer Gottesnähe und Gottesferne? Vielleicht ist aber schlussendlich einfach festzuhalten, dass eine pluralistische Welt vielfältige, religiöse Erlebnisse und Zugänge braucht, die aber bei der Authentizität keine abstriche machen.