St. Mellitus – ein College im Aufschwung

Nach den sonntäglichen Besuchen in HTB gehört es fast zur Selbstverständlichkeit die „dazugehörige“ Ausbildungsstätte St. Mellitus  zu besuchen. Bischof Graham Tomlin und sein Mitarbeiter Russell Winfried haben sich extra Zeit für uns genommen hatte.

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St. Mellitus ist das jüngste und gleichzeitig grösste College für die Pfarrausbildung in der Church of England. Die Ausbildungsstätte ist erst 5 Jahre alt, hat ca. 260 Studierende, welche sich ordinieren lassen wollen und ungefähr 250, welche in den Laiendienst der Church of England eintreten möchten. In St. Mellitus ist die Vermittlung von theologischem Wissen nur ein Teil des Studiums. Gemäss der Aussage von Bischof Graham Tomlin hat die Ausbildung aber ein grösseres Ziel:  Transformation. Auf dem Lehrplan stehen deshalb nebst dem traditionellen, theologischen Fächerkomplex auch Charakter-Training, leadership-training und learning-by-doing. So werden Seminare und Vorlesungen im Horizont der praktischen, pfarramtlichen Tätigkeiten in den transformation-groups reflektiert. Zusätzlich möchte St. Mellitus  ein Ort sein, an dem verschiedenen theologischen Richtungen der Church of England zusammen studieren und gegenseitig von einander lernen können. So ist Graham Tomlin der Überzeugung, dass gemeinsames studieren, essen, feiern, beten und arbeiten Verständnis für einander schafft. Deshalb lassen sich die Grundwerte von St. Mellitus (theology, worship, unity und mission) mit den Schlagworten „generous orthodoxy“ zusammenfassen. In Gesprächen mit Studierenden wurde diese generous orthodoxy erlebbar, auch wenn die Mehrheit der in St.Mellitus Studierenden eher charismatic-evangelical geprägt sind. Die Verschränkung von Theorie, Praxis und gelebter Spiritualität überzeugt. An ein paar Punkten würde ich aber gerne bei meinem nächsten Besuch noch etwas kritischer zurückfragen:

  • Wie „generous“ ist diese Orthodoxie, wenn die Praxis vom theologischen  Mainstream abweicht oder sich theologisch-kontroversen präsentiert?
  • Inwiefern knüpft die Rede und Fokussierung auf Church Growth an amerikanische rein nummerische Konzeptionen von ekklesialem Wachstum an, wie sie beispielsweise bei McGavran zu finden waren und heute im Kontext von Mega Churches manchmal noch zu finden sind?
  • Kann und soll ekklesiales Wachstum  auf eine rein nummerische Ebene reduziert werden? Und daran anschliessen: ist es nicht eine Engführung, wenn Kirchenentwicklung vorwiegend im Horizont von Organisationsentwicklung bedacht wird?
  • Wie kontextuell und inkarnatorisch sind die umgesetzten und angestrebten Church Plants? Wer verändert da wen bzw. wer wird verändert? Und bringen die Church Planters die „Wahrheit“ deduktiv in den Kontext hinein, oder entdecken sie induktiv mit den Menschen zusammen Gottes Wirken im Leben und im Kontext?

The HTB-Experience

Eine Kirche, vier „sites“, 12 Gottesdienste und ca. 5500 Mitglieder – so stellt sich Holy Trinity Brompton (HTB) auf den ersten Blick dar. Die Mutterkirche des Alpha-Kurses, grösste anglikanische Kirche der Church of England, ist zum einen ein durchstrukturierter, funktionierender Betrieb mit ca. 350 Angestellten und unzähligen Freiwilligen, die sich in der ganzen Stadt in Suppenküchen, Ehekursen, Schuldenberatung, etc. engagieren. Andererseits ist HTB eine Kirche: vernetzt, vielfältig und energiegeladen. Eine genaue Darstellung von HTB würde diesen Rahmen sprengen, aber auf der Homepage findet man viele Informationen.

Zum Kontext: Mit „meiner“ katholischen Reisegruppe erlebten wird heute zwei Welten des HTB-Erlebnisses. Am morgen besuchten wir HTB Queen’s Gate, die anglo-katholische Ausprägung einer charismatischen Kirche, aber trotzdem High Church durch und durch.

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Am Abend waren wir in der main site an der Brompton Road im 5pm Gottesdienst. Die Kirche war gefüllt mit jungen Menschen, die Band war laut und poppig und eine Lichtshow unterstützte das htb experience.

Für mich waren nun aber nicht in erster Linie die gottesdienstlichen Formen, sondern die Inhalte spannend. Hinter der äusseren Form ist eine grosse inhaltliche und theologische Konsistenz und Kohärenz zu entdecken. Wer über die Form hinweg sehen kann entdeckt den roten Faden, der auf den HTB-Prozess hinweist:

  1. Alpha
  2. Discipleship / transformation
  3. Mission/ church planting

HTB ist, egal in welcher Ausdrucksform immer auch, ein Label, bei dem man weiss, was man bekommt. Der Vergleich mit eine Fastfood-Kette greift dabei aber zur kurz. Denn die fastfood-Metapher impliziert ungesundes Essen, ohne grossen Nährstoffgehalt.

Ein Vergleich mit Starbucks kommt HTB vielleicht schon näher. Starbucks ist zwar ein Label, bietet aber Platz, Heimat, einen vorübergehenden Arbeitsorte, Gemeinschaft und Individualität und Diversität. So ist das HTB- wohl eher ein Starbucks-Experience. Christliches, evangelisch-charismatisches Erleben und Erlebnis ist dabei das Leitparadigma. Das Lable HTB bietet ein experience, das nicht bloss kognitiv ist, sondern emotional, spirituell, gemeinschaftlich und persönlich. Wer sich auf das HTB-Erlebnis einlässt beginnt mit dem Alpha-Experience, das zum Ziel hat Gott im eigenen Leben zu entdecken. Danach kann die Person in eine discipleship-Gruppe gehen, die schlussendlich darauf hinzielt, dass man wieder ausgesendet wir, um bei der Pflanzung neuer Gemeinden zu helfen.

Für die Zielgruppen von HTB, die Starbucks-Gesellschaft, ist das Format passend und angepasst. Eine gelingende Form von Kirchenentwicklung kann entdeckt werden. Allerdings muss gleichzeitig auch kritisch zurück gefragt werden, ob das Leben so einfach ist, wie das HTB-Erlebnisses vermittelt? Was wenn die Komplexität des Lebens sich in den Zweifel- und Glaubensprozesse widerspiegelt? Was wenn die Geschwindigkeit des persönlichen Prozesses nicht mit der hohen Geschwindigkeit des Alpha- und discipleship-Erlebnisses übereinstimmt? Was wenn die theologischen Fragen doch noch etwas komplizierter sind? Was wenn Glaube nicht Bekehrung und Haben bedeutet, sondern Suchen und Leben in grössere und kleinerer Gottesnähe und Gottesferne? Vielleicht ist aber schlussendlich einfach festzuhalten, dass eine pluralistische Welt vielfältige, religiöse Erlebnisse und Zugänge braucht, die aber bei der Authentizität keine abstriche machen.

ST. LUKE’S PECKHAM –MIXED-ECONOMY KIRCHE IM SOZIALEN BRENNPUNKT

Wieder einmal bin ich in England unterwegs und leite eine Studienreise für das TPI (Theologisch-Pastorales Institut). Wir sind auf den Spuren kirchlicher Innovation, zukunftsfähiger Ausbildung, mixed-economy, fresh expressions und einigem mehr. Ein paar Schlaglichter der Studienreise werden, falls ich dazu komme, in den nächsten Tagen folgen. Heute nun eine kleine Zusammenfassung unseres Besuches bei St. Luke’s Peckham und dem Pioneer-Minister Ian Mobsby.

 

St. Luke’s Peckham

Inmitten des finanziell prekären und ethnisch diversen Gebietes von London ist die Kirche St. Luke’s Peckham situiert. Die Gewaltbereitschaft im Gebiet dieser Parochie ist hoch, so sind beispielsweise zwischen Weihnachten 2016 und August 2017 8 Jugendliche durch Messerstecherei ums Leben gekommen. Viele Kulturen, Glaubenseinstellungen und Menschentypen treffen hier aufeinander. Diese Diversität wird auch in der Kongregation von St. Luke’s sichtbar, so haben 90% der Menschen einen Migrationshintergrund.

Der grössere Teil der in diesem Gebiet lebenden Menschen bezeichnen sich als a-religiös und anti-kirchlich, trotzdem zeigen sie ein grosses Interesse an spirituellen Fragen. 60-80% können als spiritual seeker angesehen werden. Die Lebenseinstellungen vieler sind von Orientierungslosigkeit und Überforderung geprägt. Die Menschen haben Mühe ihr Leben „sinnvoll“ zu gestalten und haben kein Gefühl einer kohärente Identität und Zugehörigkeit. Sie fragen nicht danach, was sie glauben sollen, sondern „how now shall we live“? In in diesem Umfeld stellen sich der Pioneer-Minister Ian Mobsby und seine Gemeinde der Frage: wie können wir hier kontextrelevante Kirche sein. Dabei lassen sie sich von folgender Überzeugung leiten: „The church in every age needs to rediscover Christ for the culture“.

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Da Ian Mobsby erst seit zwei Jahren in dieser Gemeinde tätig ist, haben sie nach intensiver Kontextanalyse vor einem Jahr damit begonnen sich von einer Ortsgemeinde hin zu einer mixed-economy of Church zu verändern. Die erste fresh expressions, die entstanden ist, gehört zur Typologie der new monastic community. Sie nennt sich „Wellspring Community“ und bewegt sich vorwiegend in der Hippster-Kultur. Diese kirchliche Gemeinschaft möchte vom Selbstverständnis her eine Kirche sein, die: “as such it is made up of those who are pursuing the Christian spiritual life, a way of wholeheartedly following Christ, setting the Gospel into practice. We pray that by offering our lives in this way, we might together become a resource and treasure that enriches the whole of life of the church.” Erst seit kurzem ist St. Luke’s Peckham nun auch im Prozess eine neue fresh expressions mit und unter Jugendlichen der Gang-Kultur des Ortes zu gründen. Ziel dabei ist, die Gang-Kultur zu integrieren und gleichzeitig auf ihre Lebensdienlichkeit hin zu hinterfragen. Im Zentrum steht dabei nicht die Konzeption eines wohlüberlegtes Jugendprojektes an einem Schreibtisch. Vielmehr hat Mobsby zum Ziel eine ehrliche kulturelle Anbindung an die Jugendkultur einzugehen und eine kontextgerechte Ausdrucksform von christlichem Glauben und Kirche mit den jungen Menschen zusammen zu finden.

Innovatives Lernen in der Praktischen Theologie

Ortsbezogenes Lehren und Lernen

Gedanken zur Weiterbildung digitale und ortsbezogene Lehr- und Lernmodule mit Omleth.

Ich schätze  Lehr- und Lernsettings die Abwechslungsreich und vielfältig sind und in denen Eigeninitiative und Partizipation gefordert ist. Durch die Abwechslung und Angebotsvielfalt sollen die unterschiedlichen Lerntypen und Präferenzen, wie sich jemand neue Lerninhalte aneignet, ernst genommen werden.

So habe ich im Rahmen meines Nachtdiplomstudiums zur Hochschuldidaktik eine Weiterbildung zu digitalem, ortsbezogenem Lehren und Lernen bei Christian Sailer besucht. Für die Erstellung digitaler ortsbezogener Unterrichtseinheiten wurde die online Plattform Omleth der ETH genutzt.

Omleth ermöglicht es der Lehrperson einen digitalen, interaktiven Postenlauf zu erstellen, der dann vor Ort von den Studierenden absolviert werden kann. Beim Postenlauf müssen verschiedene Orte aufgesucht und dabei Aufgaben gelöst werden. Das Smartphone oder Tablet ist unabdingbar und wird als Lern- und Hilfsmittel verwendet.

Da ich ein Fan von kreativen Lehrmethoden bin, erstellte ich selbst meinen ersten digitalen Postenlauf für die Studierenden. (Auf dem Beitragsbild ist ein Ausschnitt dieses Unterrichtsmoduls zu sehen).

So zogen dann auch Studierende der Theologie der UZH mit ihren Smartphones vom Grossmünster her los, um sich ein situatives, theorieeingebettetes Verständnis von kontextueller Theologie in Zürich zu erwerben. Zwischen Grossmünster, ETH, Central und Fraumünster diskutierten die Studierenden sodann über kontextuelle Theologie und über die Bedeutung von Ort und Theologie. Sie beobachteten am Central Menschen und führten Anhand der Beobachtungen einen kirchentheoretischen Diskurs.

Gerade in der Praktischen Theologie weisen viele Lehr- und Lerninhalte einen impliziten oder expliziten Bezug zu lebensweltlichen Themen auf. Smartphones und Tablets können, wenn gezielt eingesetzt, zu hilfreichen multimedialen Werkzeugen werden, um sich Lehrinhalte interaktiv und ortsbezogen anzueignen und qualitative Informationen und Daten senso- und kontextbasiert zu generieren. “Viele Forschungsstudien zeigen, dass mit der Nutzung eines eigenen mobilen Gerätes in Kleingruppen orts- und kontextbezogen das ganzheitliche, kognitiv aktivierende, handlungsorientierte und entdeckende Lernen fördert.“[1]

Diese Form des Lehrens und Lernens hat für mich echt Potenzial, denn verschiedene Lerntypen werden dadurch erreicht, Interaktivität, Gruppenarbeit und Selbständigkeit werden gefördert und der Körper ist Teil des Lernprozesses und wird in diesen integriert. So weist situatives, ortsbezogenes Lernen eine hohe Nachhaltigkeit auf. Digitales ortsbezogenes Lernen ist ein lustvoller, bewegter Umgang mit Praktischer Theologie und gelebter Religion.

Auch im kommenden Semester werden „meine“ Studierenden wieder mit ihren Smartphones unterwegs sein, da ich diese Lernmethode auf jeden Fall wieder anwenden werde.

[1] Christian Sailer, Didactica Weiterbildung, 24.3.17., Ortsbezogenes Lehren und Lernen mit Smartphone oder Tablet.pdf.

Peregrinatio propter christo: Aufbrüche nicht Ausbrüche

Ein kurzer Auszug aus dem Buch: Vom Wandern und Wundern, S. 185

Den iroschottischen Mönchen gelang durch ihre kirchliche
Hebammenkunst ungefähr um 600 n. Chr., was der römischen Kirche
in den Jahrhunderten zuvor unter den Kelten nicht gelungen
war. Sie erreichten das gewöhnliche Volk. Das Christentum
wurde etwas für alle. Die Menschen konnten sich damit identifizieren,
weil sie die Symbole verstanden, weil man ihre Sprache
redete, weil eine Auseinandersetzung mit deren Kultur
stattfand. Etwas ist dabei entscheidend: Das iroschottische
Mönchtum hat sich nicht ausgebreitet, weil die Mönche gepredigt
haben. Es hat sich durchgesetzt, obwohl gepredigt wurde.
Die Hauptaufgabe aber bestand darin, mit den Menschen zusammenzuleben
und durch den praktizierten Glauben die Botschaft
Jesu Christi fassbar und erlebbar zu machen. Das Evangelium
wurde damals und wird heute durch Menschen
lebendig. Menschen, die in ihrer Zeit und ihrer Kultur verwurzelt
sind und deren Glaube natürlicher Bestandteil ihres Lebens
ist. Dies ist in der stabilitas loci der Kirche in begrenztem
Masse nach wie vor gegeben und hat seine Berechtigung und
Würde. Doch zusätzlich dazu kann die Kirche von den iroschottischen
Pilgern und den modernen W@ndernden u. a. folgendes
lernen : „Peregrinatio propter christo“: auswandern um
Christi Willen. Aus der Komfortzone herausgehen und aufbrechen.
Nicht belehren, sondern leben. Annehmen. Begleiten.

„Listening“ unter die paulinische Lupe genommen

Einleitung

Bevor eine fresh expression of Church Gestalt annehmen kann, ist es zentral einen intensiven Prozess des Zuhörens zu gehen. „Zuhören“ wird auch später im Entstehungsprozess kontinuierlich praktiziert, doch zu Beginn ist ein fünffaches detailliertes Zuhören wesentlich. Der Prozess dieses Zuhörens gleicht mehr einem zirkulären, als einem linearen Prozess. „Zuhören“ führt so zu einer Bestätigung des Rufes Gottes und dient gleichzeitig als Layout und Klärung der Form, des Formates und der Zielgruppe der fresh expression of Church.

Eigentlich wollte ich euch ja eine soziologisch-theologische Abhandlung präsentieren, wie Zuhören, Kontextanalysen usw. konkret praktiziert werden können und durch eine Methodologie leiten. Doch mein Referat habe ich gestern Nacht nochmals über Bord geworfen, weil ich zufälligerweise über Apostelgeschichte 17 gestolpert bin.[1] Als ich Apg 17,22-34 las sind mir Schuppen von den Augen gefallen. Da wird eigentlich der genaue Prozess des Zuhörens relativ klar und detailliert beschrieben. Vielleicht nicht so ausgefeilt, mit etwas anderen Begriffen, aber es ist schon alles da. So führt dieses Referat weniger durch einen sozio-theologischen Prozess, sondern gleicht einer biblisch-ethnologischen Exkursion zu den alten Griechen und Paulus in Athen.

So soll das Listening heute mit der paulinischen Methodik genauer erörtert werden. Und so beginnt die Reflexion nun gerade beim Wort Gottes. Anhand von Apg 17 lassen sich nämlich fünf sozio-theologische Prozessschritte erkennen.

Die fünf Schritte des Zuhörens können folgendermassen zusammengefasst werden:

  1. Was weisst du schon?
  2. Ethnographische und kontextuelle Untersuchung
  3. Deeper listening
  4. Reflexion und Überprüfung von Berufung und Sendung
  5. Präsentation und Aktion

1.   Was weisst du schon?

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a)    Bewusst Einlassen

„Bewusst“ hingestellt haben sich viele Menschen über die Geschichte hinweg. Das Hinstellen, ist ein physischer Akt, bei welchem man sich willentlich auf das was kommt einlässt und sich diesem Kontext aussetzt: den Freuden und Leiden, der Zustimmung und Ablehnung der Menschen.

Paulus stellte sich hin. Und Martin Luther: hier stehe ich und kann nicht anders. Auch John Wesley, als er schon im 18.Jh. für Reformen im Gefängniswesen und für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte. Oder Evangelien Booth, die Tochter des Heilsarmeegründers, welche mit 17 ihre erste Predigt hielt und 1934-1939 die weltweite Bewegung der Heilsarmee als Generalin leitete. Oder Papst Franziskus, wenn er die Menschen auffordert die Türen aufzureissen und als Kirche etwas zu wagen! Viele Menschen und auch wir haben uns schon oft hingestellt.

Das ist nun auch der erste Schritt von Paulus – hingehen – hinstehen – gesehen werden. Wenn fresh expressions oder Kirchgemeinden hörende Kirche werden wollen, müssen sie zuerst wissen, was sie eigentlich wollen, auf was sie sich einlassen und wo sie sich hinstellen wollen und sollen.

Hilfreicher Fragen für den ersten Prozessschritt:

  • Was reizt dich daran überhaupt eine fresh expression zu starten?
  • Zu welcher Gruppe, Gemeinschaft oder welchem Netzwerk zieht es dich hin?
  • Wo ist Gott in dieser Menschengruppe schon am Werk?
  •   Wo sind die Nöte und Schwierigkeiten?
  • Welche Ressourcen, Gaben und Talente bringst du mit?
  • Wer könnten deine Partnerinnen und Partner sein (Kirche und andere Organisationen)?
  • Was sind die „Kosten“ wenn du diesen Weg gehst?
  •   Beabsichtigst du überhaupt, dass Kirche, creatura verbi, ensteht?
  • Was würde dich zum Feiern bringen in einem und in fünf Jahren?
  • Wie kannst du mehr über diese Menschengruppe herausfinden, zu der du dich  berufen fühlst?

b)    Bedeutungsträchtige Orte

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Paulus stellt sich in Athen nicht irgendwo hin, sondern an den geschichtsträchtigsten und einflussreichsten Ort für seine Zielgruppe. Der Areopag ist ein nordwestlich der Akropolis gelegener 115 Meter hoher Felsen mitten in Athen. In der Antike tagte hier der oberste Rat, der gleichfalls „Areopag“ hiess. Wer hier eine Rede hält hat etwas zu sagen, wer hier steht kann Gericht halten, wer hier steht überbringt eine wichtige Botschaft[2].

Paulus weiss genau wo er sich befindet, als Gelehrter kennt er die Mythen, Geschichten und die Bedeutung dieses Geschichtsträchtigen Ortes.

Jede Stadt, jedes Dorf, viele Quartiere, Nachbarschaften und sogar Netzwerke haben ihre geschichtsträchtigen Orte. Diese können physischer, psychischer und digitaler Natur sein. Wer eine fresh expression gründen will muss die wichtigen Orte der Zielgruppe kennen, er / sie muss wissen, wo man sich hinstellen muss.

Für Pfarrer Sieber war dieser Ort am Platzspitz, in Bäretswil wo ich Pfarrerin war, war dieser Ort, für die von der Kirche Ausgetrettenen 30-49 Jährigen, das City-Café und zwar am Freitagabend. Für Fussballbegeisterte ist dieser Ort der Trainingsplatz, usw.

c)    Lokalisieren und definieren der Zielgruppe

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Paulus hat eine ganz konkrete und klar definierte Zielgruppe vor Augen und spricht diese Menschen an: „Männer von Athen“.

Zum „Listening“, dem ersten Schritt, welcher zur Gründung einer fresh expression führen kann, gehört es, dass man sich bewusst ist, wem zugehört werden soll. Welche Menschengruppe steht dabei im Zentrum?

Um das herauszufinden, muss eine Person auch sich selbst zuhören können. Denn die Definition eine Zielgruppe hängt immer auch von persönlichen Netzwerken und Präferenzen ab und davon wo ich schon integriert bin.

Hilfreiche Fragen:

  • Wo habe ich Beziehungen und bin Vernetzt?
  • Mit welcher Menschengruppe kann ich es gut?
  • Welche Hobbies habe ich?
  • Was sind meine Stärken, Schwächen, Interessen, usw.
  • Stell dir eine konkrete Person vor und gib ihr einen Namen.
  • Wo würde sich diese Person aufhalten?
  • Welche Musik hört diese Person?
  • Was gefällt diese Person und was tut sie gerne?
  • Welches Essen schätzt sie?
  • In was für einer Wohngegend ist sie zu Hause?
  • Was schaut diese Person im TV?
  • Welche Mobilitätsmittel stehen dieser Person zur Verfügung?
  • Wie geht diese Person mit Geld, Besitz, Reichtum um?
  • Was ist dieser Person unglaublich wichtig?
  • Welcher Zugang von Evangeliumskommunikation würdest du verwenden, um mit dieser Person in Kontakt zu kommen?

2.   Ethnographische und kontextuelle Untersuchung

Nun sind wir mit Paulus beim zweiten Schritt angelangt, der genauen Analyse des Kontextes.[3]

4Abbildung gesehen bei https://www.instagram.com/p/-xCGUuws6l/

Paulus ging in Athen umher, schlenderte als Tourist durch die Stadt mit ihren Marktplätzen und Heiligtümern. Liess alles auf sich wirken. Nahm sich Zeit. Beobachtete, analysierte und lernte so das Leben der frommen männlichen Athener etwas besser kennen. Paulus eignete sich ethnographisches und kontextuelles Wissen an – wie wir das nun heute in den modernen Sozialwissenschaften nennen würden. Dabei geht es darum in den Kontext einzutauchen, wie eine Ethnographin, unter Fremden zu Leben (oder sich das Bekannte fremd zu machen), um neue Erkenntnisse zu gewinnen.[4] Erst wenn wir den Kontext, die Lebensgewohnheiten, das Sinnstiftende, die Todesangst, die Präferenzen usw. der spezifischen Menschgruppe verstehen, ist ein nächster Schritt möglich.

Mich interessieren beispielsweise Menschen, welche religiöse Tattoos tragen. Gerne spreche ich diese auf ihre Tattoos an, egal ob im Zug, in der Sauna oder in einer Bar. Es erstaunt mich immer wieder, dass ich noch nie abgewiesen wurde. Offen und freundlich erklären mir diese Menschen ihre Tattoos und deren Bedeutung für ihre Biographie und ihre Lebensgestaltung. Ansprechen braucht etwas Mut, doch es kann sehr bereichernd sein.

Hilfreiche Fragen:

  • Was ist die Grösse / der Umfang der ausgewählten Menschengruppe?
  • Wie funktioniert diese Menschengruppe/ dieses Netzwerk?
  • Wie hoch ist der Grad an Kirchlichkeit? Wie ist die religiöse und spirituelle Ausrichtung?
  • Wie sieht die demographisches Situation in Bezug auf andere Kirchen aus?
  • Wie ist sieht die Verteilung von aktiven Kirchenmitgliedern in diesem Gebiet aus?
  • Wie sehen die kirchlichen Statistiken aus (Bsp. nur noch jede 6. Person in der CH lässt sich konfirmieren, in Bäretswil waren es aber noch ca. 80%)
  • Wie ist die Gebäude-Situation? Was gibt es für Gemeinschaftsräume, Treffpunktmöglichkeiten, etc.?
  • Für Netzwerke: wo sind die Knoten- und Angelpunkte? Welche Verbindungspersonen gibt es?

Es ist wichtig sich bewusst zu sein, ob die Untersuchung auf ein Netzwerk oder eine demographische Gruppe / Nachbarschaft oder ein Quartier ausgerichtet ist.

Zusätzliche Fragen:

  • Geht es hier um Pionierarbeit oder weiterführende progressive Arbeit?
  • Überschreitest du mit dieser Arbeit die Grenze deiner Kultur / deines Milieus oder bewegst du dich in einem dir bekannten Kontext?
  • Wohin kannst du gehen, um an die wichtigsten Informationen heran zu kommen?
  • Welche nächsten fünf konkreten Schritte musst du gehen?
  • Gibt es dabei Schwierigkeiten oder Fallstricke?
  • Wie lange wird dieser Prozess dauern?

 

3.    Deeper Listening

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Paulus, der Ethnologe, begriff und erkannte den Kontext, die Fragen und Befürchtungen der Menschen und vor allem die Punkte, wo er an ihrem Leben anknüpfen konnte. Er erkannte, wo Gott in diesem Kontext schon am Werk war und wo es Verbindungen zwischen dem auferstandenen Gott und den Männern Athens gab.[5] Der unbekannte Gott war schon da, er hatte bloss noch keinen Namen, keine Personifizierung und keine Gestaltnahme erfahren.

Doch was Paulus da macht ist hoch kontextuell, er identifiziert die Anknüpfungspunkte und bezieht sich jetzt auch darauf. Er übersetzt das Evangelium in die Sprache der Athener. Reene Padilla sagte einmal: “To contextualize the gospel is to translate it in such a way that the Lordship of Jesus Christ is not an abstract principle or mere doctrine, but the determining factor of life in all its dimensions […] Without contextualization, the gospel will become tangential or even entirely irrelevant.” Die Anknüpfungspunkte aufgreifen heisst sprachfähig zu werden in dem Sinn, dass das Evangelium im jeweiligen Kontext relevant übersetzt wird.

Um sprachfähig zu werden und diese Übersetzungsleistung zu vollbringen, muss der Kontext intensiv erkannt, erforscht und erlebt werden. Dazu gibt es unzählige Methoden, um aber nur wenige zu nennen:

  • Beobachten
  • Erforschen
  • Konversation
  • Treffpunkte gestalten
  • Praktische und diakonische Hilfe anbieten

Folgende Fragen können wegweisend sein:

  • Was sind die Bedrängnisse, Schwierigkeiten, das Elend, die Freuden dieser Menschengruppe?
  • Was ist dieser Menschengruppe das Wichtigste? Welche Werte sind ihnen wichtig?
  • Was ist ihnen nicht wichtig?
  • Wie und in welcher Weise beziehen sich diese Menschen auf Gott? Wie ist ihr Kirchenbild? Beten sie? Glauben sie an eine höhere Macht?
  • Wie lernen sie neue Menschen kennen?
  • Wie und wo ist die Anschlussfähigkeit des Evangeliums bei dieser Menschengruppe?
  • Mit welchen Personen könntet ihr sprechen, welche die Schlüsselpersonen dieser Menschengruppe gut kennen „gatekeeper“?
  • Zu welche Form von Treffen oder Meeting würden diese Menschen kommen?
  • Auf welche authentische Weise kannst du zu diesen Menschen Kontakt aufbauen und in Beziehung treten?

4.   Reflexion und Überprüfung von Berufung und Sendung

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Paulus knüpft immer noch am unbekannten Gott an, an der Sehnsucht und der Neugier der Menschen. Im Unterschied zu diesen ist er sich aber dessen bewusst, was er verkündigt, in wessen Berufung und Sendung er steht und wen er verkündigen will: Jesus von Nazareth den Menschen und Auferstandenen Christus.

Dieser Hörensschritt ist in erster Linie nochmals ein Schritt der Selbstklärung und Selbstreflexion. Er beinhaltet das Hören auf die Schrift, die eigene kirchliche Tradition und Gott. Dieser Schritt steht in der Spannung von kennen und erkennen des eigenen Evangeliums (Selbstreflexive Phase über eigene theol. Überzeugungen und Auffassungen) und des kirchlichen und denominationellen Hintergrundes (Selbstreflexive Phase über die eigene kirchliche Prägung und Bewusstwerdung hinter welcher kirchlichen Tradition man eigentlich loyal steht). Zudem geht es darum ausfindig zu machen, was für diese Gemeinschaft, Menschengruppe oder dieses Netzwerk eigentlich das „Eu-angelion“, die Gute Nachricht ist und darstellt. Nicht überall zeigt sich die befreiende Nachricht des Evangeliums gleich, manchmal sind es Worte, dann Taten, politisches Engagement, diakonische und seelsorgerliche Dienste, oder politischer Widerstand.

Auf der Basis aller gesammelten Informationen geht es nun darum zu überlegen, in welcher Form sich die gute Nachricht genau für deine Zielgruppe zeigen kann/muss. Mit welchen Aspekten des Evangeliums können diese Menschen am leichtesten in Beziehung treten? Welche offenen Türen zu der Menschengruppe gibt es eigentlich? Gibt es solche Türen, wie sie Paulus, durch den Altar des unbekannten Gottes, nutzt? Was wäre die grösste Veränderung in diesem Kontext, welche das Evangelium bringen könnte?

Zusätzlich dazu ist es wesentlich sich folgenden Fragen zu stellen, am besten mit einer positiv-kritischen vertrauten Person:

  • Hast du ein Gefühl von innerer Ruhe über diesem Projekt?
  • Fühlst du eine stille Ermutigung durch Gott?
  • Erscheint dein Plan für dich und andere sinnvoll?
  • Wird das Weitermachen Glaube, Hoffnung und Liebe in dir und anderen stärken, auch wenn es manchmal schwierig ist?
  • Dient das Projekt deinem Ruhm?
  • Haben dich andere Personen, ausserhalb deines Teams, darin bestärkt dass dies der richtige Weg ist?

5.   Präsentation und Aktion

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Nachdem Paulus das Evangelium kontextualisiert in die Lebens- und Glaubenswirklichkeit der Athener übersetzt hatte gab es Bewegung in die Menschenmenge. Einige lachten, aber andere wollten mehr von Paulus wissen und hören und schlossen sich ihm an. Darunter waren auch einflussreiche Persönlichkeiten wie ein Ratsvorsitzender (gatekeeper) und eine einflussreiche Frau, Damaris.

Auf ganz natürliche Weise ist Paulus selbst ein Prozess gegangen. Vom Zuhören ging er zur Kontextualisierung und dann zur Aktion über.

Wer gerne eine fresh expression oder einen Aufbruch in einer Kirchgemeinde starten möchte ist nun hier endgültig am Punkt angekommen, wo es vom Zuhören zur Aktion geht. Ohne dabei das Zuhören je aufzugeben. Von hier aus käme nun der nächste Schritt nämlich der Aufbau von kulturspezifischer christlicher Gemeinschaft. Doch diesem Schritt können wir uns erst an einem nächsten Treffen zuwenden – heute hören wir einfach einmal hin und zu, bevor wir in Aktionismus oder Aktion verfallen.

Beispiele

Gerne würde ich euch zum Abschluss noch zwei konkrete Beispiele von Zuhören präsentieren. Beim Zuhören stehen wir hier ja immer vor der Frage und Herausforderung, ob wir als Einzelpersonen oder als Gemeinde zuhören wollen. Beides geht, beides hat seine Vor- und Nachteile.

Alleine Zugehört hat einer meiner Bachelorstudenten: Er hat Menschen und deren religiöse Expressivität und Evangeliumskommunikation anhand ihrer Tattoos untersucht. Mit einigen Menschen hat er Interviews geführt, sich in ein Tattoo Studio begeben und das Gehörte und Aufgezeichnete in eine Wissenschaftliche Theorie eingebettet und davon weitere Implikationen für Kirche abgeleitet. Cool, spannend und engagiert. Die Arbeit wird demnächst auf der ZKE Homepage zu lesen sein.[6]

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Zuhören als Gemeinde habe ich im Pfarramt über ein Jahr hinweg ausprobiert: Wir wollten, dass unsere Kirchgemeinde eine hörende Gemeinde wird, die auf ihren Kontext achtet. Deshalb hatten wir in Bäretswil vor ein paar Jahren die Aktion: Kirche Bäretswil hört zu durchgeführt.

Eine ganze Gemeinde wurde mobilisiert im Dorf zuzuhören. Rückmeldungen konnten via Mail, Briefkasten oder verbal gegeben werden. Unglaublich viele Freuden, Nöte, Sorgen und Ressourcen im Dorf kamen so zum Vorschein. Erst nach einem Jahr gingen wir im Prozess einen Schritt weiter, nämlich von Kirche Bäretswil hört zu, zu Kirche Bäretswil geht raus.

[1] Als wissenschaftliche Praktische Theologie und als Kirche erliegen wir immer wieder der Versuchung unser Vorgehen rein sozialwissenschaftlich abzustützen. Doch Kirche ist nicht zuerst Organisation, Struktur und menschliche Strategie, sondern CREATURA VERBI – Geschöpf des Wortes Gottes. Sie entsteht und lebt dort, wo das Evangelium verkündet oder eben inkarniert wird. Dort wo das Evangelium lebendig wird und das Kreatürliche, Kirche, christliche Gemeinschaft, Ortgemeinden, fresh expressions of Church und vieles mehr entsteht. Ein Teil bleibt unverfügbar, da bleibt nur das Vertrauen auf die Missio Dei und doch die Gewissheit, dass diese mehr als 2000 Jahre am Werk ist. Für die Missio Dei Vgl. z.B. David Bosch, Transforming Mission : Paradigm Shifts in Theology of Mission, Maryknoll, N.Y., Orbis Books, 1991; Sabrina Müller, Fresh Expressions of Church – Beobachtungen und Interpretationen einer neuen kirchlichen Bewegung, Zürich, Theologischer Verlag Zürich, 2016.

[2] Wie etwa der Bote Pheidippides, der von Marathon nach Athen lief um die Botschaft des Sieges der Griechen über die Perser zu überbringen. Er lief auf den Berg, verkündete den Sieg auf dem Gipfel und starb.

[3] Viele eindrückliche und ganz aktuelle Beispiele wurden im Verlauf der fx-Konferenz vom 1. April 2017 vorgestellt.

[4] Vgl. z.B. Raymond MADDEN, Being Ethnographic. A Guide to the Theory and Practice of Ethnography, Thousand Oaks, CA, SAGE Publications Ltd, 2010.

[5] Vgl. für weitere Erörterungen zur Missio Dei: David Bosch, Transforming mission, Maryknoll, N.Y., Orbis Books, 1991; Andreas Grünschloss, Missio Dei, in: Religion in Geschichte und Gegenwart: Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, hrsg. von Hans Dieter Betz/hrsg. von Don S. Browning/hrsg. von Bernd Janowski/hrsg. von Eberhard Jüngel, 4. Aufl., Stuttgart, UTB, 2008, Bd.5, S. 1271f; Sabrina Müller, Fresh Expressions of Church – Beobachtungen und Interpretationen einer neuen kirchlichen Bewegung, Zürich, Theologischer Verlag Zürich, 2016.

[6] http://www.theologie.uzh.ch/de/faecher/praktisch/kirchenentwicklung.html

totsächlich #14 Die Todessehnsucht

Leben und Tod suchen sich, bedingen sich.

Tanzend im Spiel der Gezeiten,

ringend um vergehen oder sein.

Hoffnung schreitet selbstüberzeugt daher, und schon wieder dahin.

Weggetragen vom Wind, verweht durch die Flügel des Sturms.

Was bleibt sind Fragen, Suchen und Irren, Sackgassen und Brücken,

Sehnsucht nach Unendlichkeit.

 

Angelikas Tod hinterliess nicht nur eine klaffende Wunde in mir, sondern er stellte mein Leben selbst in Frage. Auf die Frage, wie ich ohne Angelika existieren sollte, wusste ich keine Antwort. Immer wieder verlor ich mich in der Trauer und Verzweiflung bis zu dem Punkt, wo ich selber nicht mehr Leben wollte. Orientierungslos fühlte ich mich mal vom Leben mal vom Tod angezogen, vom Wind getrieben, hin und her. Meine Sehnsucht nach meiner Freundin wuchs und mit ihr die Sehnsucht selbst tot zu sein. Das sollte und durfte aber niemand wissen ausser mein Tagebuch, dem vertraute ich gleich nach dem Jahreswechsel am 2. Januar 2007 folgendes an: «Heute bin ich niemandem zumutbar. Ich will einfach verschwinden, mich in Luft auflösen und nicht mehr sein. Nicht mehr atmen, nicht mehr Leben, nicht mehr ertragen. Fort sein, um nicht mehr zu sein. Ich halte es nicht mehr aus, ich kann nicht mehr, ich schaffe es nicht mehr. Ich sehne mich nach einem Paradies, nach einem schmerzfreien Ort, oder einfach danach inexistent zu sein. Alles fällt mir schwer, schlafen ist mir näher als Leben. Dauernd möchte ich vom wachen Zustand fliehen, um das Wachsein und die Trauer nicht ertragen zu müssen. Machtlos fühle ich mich dieser Unlust am Leben ausgeliefert.»

Ich rang mit mir und meinem Leben im Stillen und Geheimen. Niemand durfte das wissen, niemand sprach mich darauf an. Zum einen erlebte ich ja gerade am eigenen Leibe mit, wie schmerzvoll, schwierig und überwältigend der Suizid einer geliebten Person sein kann. Das konnte, das durfte ich doch niemandem antun. Ich wollte meinen Partner und die Menschen meines Vertrauens nicht in die gleiche Situation bringen, in der ich steckte. Und doch… meine Todessehnsucht war da. Sie liess sich nicht ignorieren, ich konnte sie mir nicht aus- und auch nicht kleinreden.

Was meine suizidalen Gedanken noch verstärkte waren aber diese verdammten Schuldgefühle. Die Trauer drohte mich immer wieder zu ersticken, doch die Schuldgefühle die machten mich aggressiv – autoaggressiv. Ich hasste mich dafür, dass Angelika sich das Leben genommen hatte. Immer wieder stellte ich mir die Frage, was ich hätte tun können, um ihren Tod zu verhindern? Ich war der Überzeugung, dass ich als Freundin versagt hatte und dass sie deshalb nun tot ist. Mit diesen Schuldgefühlen zu leben war schwierig, fast unerträglich. Und so lebte ich Tag für Tag mit dem Wunsch tot zu sein. Still nach aussen und innerlich Ringkämpfe ausfechtend, denn ich wollte meinen Partner und meine Freundinnen und Freunde nicht in die gleiche Trauersituation bringen, wie ich selbst drin steckte. ABER: Wenn ich tot bin wäre alles so einfach, alles könnte mir dann egal sein. Ich wäre zu Hause, „where my friends are“.

Lied: Home von Deep Blue Something

Reflexion

Nicht umsonst wird immer wieder darauf hingewiesen, dass das Selbsttötungsrisiko für nahestehende Hinterbliebene eines Suizides beachtlich ansteigen kann. Durch den Verlust wird viel vom bisherigen Leben in Frage gestellt, so dass das Leben der Trauernden plötzlich selbst an Sinn verlieren kann. Warum noch sein, wenn ein Teil des Lebensinhaltes fehlt? Zudem gesellen sich zum Sinnverlust auch Schuld, Scham, Isolation und ein tiefes Gefühl der Verlassenheit. Ein Suizid scheint da ein geeigneter Ausweg aus der eigenen Trauer und dem Gefühlschaos zu sein. Ferner wird durch die Selbsttötung einer nahestehenden Person die Hemmschwelle für einen eigenen Suizid gesenkt. „Suizide, welche weitere nach sich ziehen“ haben eine lange Tradition, so wurde, dieser Vorwurf schon gegenüber Goethes „Leiden des jungen Werthers“ erhoben. Aufsuchende kirchliche Seelsorge, Integration statt Isolation, ansprechen statt schweigen, vernetzend und tröstend anwesend sein, das wäre eine Aufgabe, welche glaubende Menschen und Kirchen in der Gesellschaft übernehmen könnten. In einer Weise, in welcher der Zuspruch des Evangeliums nicht nur hörbar, sondern erlebbar wird: «Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst» (Joh 1,6). Ich habe das als Betroffene von kirchlicher Seite her nicht erlebt. Dennoch sehe ich ein Potenzial darin, dass „christliche Gemeinschaft“ bei der Nachbearbeitung eines Suizids eine tragende Rolle spielen und so einen wichtigen Beitrag zur Suizidprävention leisten kann.

 

Für weitere Informationen zur Suizid Nachsorge als Suizid Prävention vgl. z.B. Regina T. P. Aguirre & Holli Slater (2010) Suicide Postvention as Suicide Prevention: Improvement and Expansion in the United States, Death Studies, 34:6, 529-540.

Jugendtheologie

Bedingungen eines gelingenden theologischen Diskurses mit jungen Freiwilligen

Freiwilligenarbeit im Konfirmandenunterricht

Einleitung:

Ernüchternd stellte Christian Möller 2004 in seiner «Einführung in die Praktische Theologie» fest, dass so, wie Kirche heute erlebt werde, kaum Hoffnung bestehe, dass sich junge Menschen in ihr integrieren können.[1] Weiter plädiert er dafür, dass «Übungsfelder religiöser Erfahrung im Raum der Kirche» mit jungen Menschen erfunden werden müssen.[2] Ob neue religiöse Erfahrungsräume erfunden werden müssen ist fraglich. Dass diese Erinnerungs- und Erfahrungsräume der religiösen Selbst- und Fremdbegegnung, als Teil lebendiger Tradition, für Jugendliche jedoch wiedereröffnet und zugänglich gemacht werden müssen, steht außer Frage.

Während meiner 17jährigen Tätigkeit in der Jugend- und Konfirmandenarbeit habe ich positivere Erfahrungen gemacht, als diejenigen, welche von Möller beschrieben werden. Ich zweifle nicht daran, dass Kirche Jugendliche bzw. junge Freiwillige beheimaten kann. Diese Aussage basiert weniger auf theoretischen Erörterungen als auf praktischen Erfahrungen. Zumeist habe ich in der Praxis nicht damit gekämpft zu wenige junge Freiwillige zu haben, sondern zu viele, welche im Konfirmandenunterricht mithelfen wollten. So gründen meine Erörterungen nicht auf Frustration, sondern in Erlebnissen mit 100ten von Jugendlichen, welche begeistert und engagiert in Kirche im weiteren Sinne partizipierten.

In den Vorbereitungssitzungen und Konf-Abenden war es meist spürbar, wo es gelang Erfahrungs-Räume zu eröffnen, wo der theologische Diskurs geglückt ist und wo es danebenging. In diesem Workshop wird nun den Bedingungen, welche zu einem gelingenden theologischen Diskurs mit jungen Freiwilligen führen, nachgegangen

Methodik:

Als Theorie- und Diskussionsbasis für diesen Bericht dient eine kleine qualitative Studie, welche ich 2015 durchgeführt habe.[3] Eine ethnographische Annäherung an die Thematik wurde anhand halbstandardisierter WhatsApp-Interviews durchgeführt und mit Grounded Theory ausgewertet. Insgesamt wurden sechs Jugendliche, im Alter zwischen 16 und 18, welche freiwillig im Konfirmandenunterricht engagiert sind, befragt. Alle interviewten Personen arbeiten in einem ähnlichen Team- und Unterrichtssetting, in vier evangelisch-reformierten Kirchgemeinden der deutschsprachigen Schweiz, mit. Allen Unterrichts-Settings ist gemeinsam, dass sie die Jugendlichen als theologisches Gegenüber ernst nehmen und in die Unterrichtsplanung und -gestaltung miteinbeziehen.

Dialogische Grundhaltung

Bei der Analyse der sechs Interviews ist eine häufige Verwendung von Verben augenfällig. Die Jugendlichen begreifen ihre ehrenamtliche Tätigkeit als engagiertes, fragendes, aktives und partizipatives Beziehungsgeschehen, wie in der Word-Cloud ersichtlich ist. Auffällig dabei ist der Wort-Komplex aus: eigene Meinung, fragen, fühlen, glauben, Gott, Kirche, können, Menschen, Religion, Team, Thema und verändern.

Die 55 in der Analyse generierten Codes konnten durch und anhand der verschiedenen Codierprozesse auf eine Kategorie „dialogische Grundhaltung“ reduziert werden. Die Hauptbedingung für einen gelingenden theologischen Diskurs mit jungen Freiwilligen ist demnach diese Haltung. Dabei ist bei dieser Gesinnung nicht primär an eine Gesprächstechnik zu denken, sondern vielmehr eine „Einstellung zum Umgang mit sich selbst und den eigenen persönlichen Wahrheiten, zum Umgang mit anderen Menschen und deren persönlichen Wahrheiten. So ist die dialogische Grundhaltung auch nicht an einem Gesprächsverlauf festzumachen, sondern vollzieht sich permanent innerhalb der Teamstruktur. Dies vor allem in den Beziehungen, in narrativ-biographischen Vollzügen, in religiösen Praktiken und semiotischen Handlungen und Deutungen.

Begegnungsformen – Begegnungserfahrungen

Begegnungsformen bieten dadurch Begegnungserfahrungen. Im Teamsetting werden den Jugendlichen sowohl emotionale und körperliche, kognitive, spirituelle und ekklesiale Erfahrung zugänglich gemacht. Diese können als Lern-, Beziehungs- und Selbstentdeckungsort umschrieben werden.

Grundsätzlich zeigt sich so im Engagement der jungen Freiwilligen ein ständiger Ich-Du-Begegnungsprozess, welcher eine Triade an Begegnungsformen, beinhaltet. Nämlich erstens die Selbstbegegnung im Sinne der Person, Persönlichkeit und als Identitätskonstruktionsprozess. Zweitens Begegnungen oder Erfahrungen mit transzendeten Aspekten des Lebens, welche durch ein personales Gottesbild beschreiben werden. Und drittens die Begegnung oder das Sich-einlassen auf das Du, welches sowohl andere Individuen als auch eine ekklesiale Gemeinschaft beinhaltet.

Selbstbegegnung

Die jungen Freiwilligen sind plötzlich in einer ungewohnten Rolle und für die inhaltliche Gestaltung und Leitung des Konfirmandenunterrichts mitverantwortlich. Diese Erfahrung fördert in den Jugendlichen eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Das stabile Umfeld des Teams und des Unterrichtes bietet einen Ort der Geborgenheit und Sicherheit, in dem Lernerfahrungen gemacht werden können und persönliche Entwicklung möglich ist. Sicherheit fungiert so auch als Katalysator für das eigene Interesse, die

Beziehungen untereinander, Motivation, Freude, den Einsatz der persönlichen Stärken, die religiöse Sprachfähigkeit und die Bereitschaft für einen theologischen Diskurs:

Nein, wichtig ist es mit verschiedenen Ansichten / Personen in Kontakt zu treten, um sich sein eigenes Bild vom Glauben / Gott zu bauen […] Ich denke, dass sich die Konfirmanden mithilfe meiner Aussagen und den Aussagen der Anderen evt. ihr eigenes Bild vom Glauben machen können.

Individuelle Spiritualität und personales Gottesbild

Vor dem Konfirmandenunterricht hatten fünf der sechs Befragten kaum Kontakt zur Kirche und eine Person besucht mit der Mutter 4-6 Mal die Ortsgemeinde. Erst durch den kirchlichen Unterricht in der Adoleszenz konnten religiöse und spirituelle Inhalte und Fragen überhaupt erstmals thematisiert werden. Alle sechs Jugendlichen sprechen von einem erhöhten spirituellen Interesse seit sie den kirchlichen Unterricht mitgestalten. Fünf der befragten Personen geben an, dass sie sich nun fast täglich mit religiösen Themen oder Praktiken befassen. So antwortet jemand auf die Frage, ob er sich häufig mit Fragen nach Gott und Religion auseinandersetze, folgendermassen: Ja, praktisch jeden Tag […] ich bin viel interessierter geworden, lerne mehr über den Glauben. Und eine andere Person bemerkt: Ich spreche immer lieber mit anderen Personen über Gott und Religionen, früher habe ich mich bei diesem Thema immer zurückgezogen.

Wie in der vorherigen Aussage ersichtlich, ist das spirituelle Erleben stark von einem personalen Gottesbild geprägt. Gott wird als Gegenüber begriffen, welches erfahrbar und im Alltag präsent sein sollte. Gleichzeitig bewegt die interviewten Personen die Frage, wie denn Präsenz Gottes im Alltag erkannt und erlebt werden kann. Bei der Analyse stellt sich zudem heraus, dass sich durch die intensive Lernerfahrung im Konf-Team und im Konfirmandenunterricht für die jungen Leitungspersonen ein Zugang zu religiösen Praktiken wie Gebet, Gottesdienst und Lektüre von Bibeltexten eröffnet.

Beziehungsnetzwerk und ekklesiale Gemeinschaft

Das Miteinander im Team, die einzelnen Beziehungen, Freundschaften und das gegenseitige Vertrauen sind entscheidende Voraussetzungen, damit sich die jungen Freiwilligen auf einen theologischen Diskurs einlassen können. So zeigt sich, dass das Team für die Jugendlichen ein Ort des Vertrauens ist, in dem ein Dialog über Gottes-, Sinn- und Glaubensfragen ermöglicht wird. Offenheit fungiert als Grundlage des gegenseitigen Verständnisses. Für alle Jugendlichen ist so auch die gegenseitige Bereitschaft zum Zuhören und sich mitteilen können wichtig: Es stellt sich heraus, dass durch das Klima im Team und die Beziehungen untereinander das Interesse an Spiritualität und an anderen Personen gefördert wird. Gerade im Themenkreis christlicher Nachfolge zeigt sich bei den Jugendlichen nicht nur spirituelle Individualität, sondern es werden auch religiöse kollektive Praktiken erkennbar. Diese war nicht schon gegeben, sondern entwickelte sich im Laufe der Mitarbeit weiter oder entstand erstmals.

Im dialogischen Teamsetting erleben die Jugendlichen, dass sie wertgeschätzt werden und ihre Verknüpfung von Glaube, Alltag und den Themen des Konfirmandenunterrichtes wichtig sind. So ist es für die jungen Leitungspersonen entscheidend, dass sie auch in theologischen Belangen und der inhaltichen Gestaltung des Unterrichts ernst genommen werden. Im Sinne der Jugendtheologie zeigt sich hier eine explizite Theologie der Jugendlichen. Gleichzeitig weisen die interviewten Personen ein ausgeprägtes Bewusstsein auf, dass sie zu einer Theologie für Jugendlichen, in diesem Fall für Konfirmanden und Konfirmandinnen viel beizutragen haben.

 

Auswirkungen / Interpretation

 Die Beziehungsformen der dialogischen Grundhaltung in einem partizipativen Teamsetting wurde soeben beschrieben. Weitere für die Jugendtheologisch interessante Implikationen können gemacht werden:

Lernprozess: In einem dialogisches Setting zeigt sich teilweise eine höchst differenzierte Theologie der Jugendlichen. In dieser nehmen persönlicher Glaube und Glaubensprozesse, Meinungsfreiheit und gegenseitiger Respekt eine wichtige Rolle ein. Der Lernprozess spielt sich neben den thematischen Teilen des Konfirmandenunterrichts stark im emotionalen Beziehungsgeschehen der Einzelnen ab.

Funktion von Pfarrpersonen und Jugendarbeitenden: Dabei kommt der Funktion der Pfarrpersonen und Jugendarbeitenden eine wesentliche Rolle zu. Denn die Theologie der Jugendlichen steht in einem reflektierenden Bezugssystem untereinander und mit Expertenwissen. Die Pfarrperson als prima inter pares hat eine ermöglichende Funktion. Zum einen werden eigene religiöse Erfahrungen ernst genommen und eine gemeinschaftliche religiöse Praxis kann Gestalt annehmen. Pfarrpersonen verhelfen dazu einen Interpretationsrahmen für die religiösen Erfahrungen zu schaffen und diese einzuordnen. Die Pfarrperson fungiert als Brücke zwischen biblischer Überlieferung, christlicher Tradition und dem Bezugsrahmen der Jugendleitenden.

Subjekte der Verkündigung: Ziel ist die Schaffung eines sicheren Umfeldes, in dem sich die Jugendlichen von Objekten der kirchlichen Lehre hin zu Subjekten der Kommunikation des Evangeliums entwickeln können. Bei der Beschreibung der persönlichen Spiritualität zeigt sich eine Verbindung zwischen erfahren, fragen, glauben und wissen. Im Erfahrungshorizont der jungen Freiwilligen findet dadurch eine enge Verknüpfung von Emotionen und Verstand statt. Persönliche Fragen und eigenes Interesse dienen als Katalysator. Religiöses und biblisches Wissen verhilft den Jugendlichen zu Glaubenssicherheit, spirituelle Erfahrung zur Glaubensgewissheit. Dies zeigt sich in Übereinstimmung mit Diskursen zur Postmoderne und Urbanität. Wissen und individuelle Wahrheit wird aus der Verknüpfung von emotionalen, erfahrungsorienierten und kognitiven Prozessen gewonnen. Auch im weltweiten Diskurs zeigt sich, dass religiöse Emotionen und Erfahrungen integraler Bestandteil in der Beschreibung der persönlichen Spiritualität ist. Erst dadurch zeigt sich die Bildung eines Gefühls von Glaubensgewissheit (vlg. Z.B. Woodhead, Sociology of Religious Emotion).

Die jungen Freiwilligen können dann wiederum die Übersetzungsleistung ihrer theologischen Reflexionen und religiösen Erfahrungen in den Konfirmandenunterricht einbringen. Nachfolge ereignet sich so prozessual in der Verkündigungsfunktion der jungen Freiwilligen.

Die Theologie der Jugendlichen weist einen überdurchschnittlich hohen Alltagsbezug auf. Christliche Spiritualität muss sich für die jungen Menschen in ihrem Alltag als lebensfördernd und hilfreich erweisen. Tut sie dies nicht, ist sie nicht relevant für den persönlichen Lebensvollzug. Durch die Begegnungserfahrungen im Team bleibt hier christliche Spiritualität jedoch nicht einfach individuelle und persönlich. Die individuelle Plausibilisierungsstruktur wir nämlich immer wieder herausgefordert und kontextuell in den grösseren Diskurs der christlichen Tradition, Geschichte und Lebenspraxis eingeordnet.

Fazit

Zum Schluss möchte ich zwei Punkte nochmals herausheben: Ich habe nur eingangs eher kurz das Teamsetting erwähnt. Damit die hier beschriebenen Prozesse spielen, ist dies jedoch Ausgangslage, d.h. eine Teamstruktur und Form von Konfrimandenunterricht ist nötig, wo eine dialogische Grundhaltung überhaupt zum spielen kommt. In den untersuchten Fällen war das eine Form von Konfirmandenunterricht, bei dem Jugendliche und junge Erwachsene als Mitleitende miteinbezogen werden und ein grösseres Team neben den Profis die Konfklasse anleitet. Die jungen Erwachsenen sind eingeladen das Konfjahr mitzugestalten, sie können bei der Planung mitentscheiden und sie werden mit ihrer Meinung und ihrer Spiritualität ernst genommen. Die Analyse bekräftig die These, dass religiöse ekklesiale Erfahrungsräume für die theologische Sprachfähigkeit und die geteilte und persönliche Spiritualität von Bedeutung sind. Diese müssen junge Menschen zugänglich gemacht werden. Dabei kann aber keine blosse Angebotsorientierung das Ziel sein. Schlussendlich erweist sich die dialogische Grundhaltung als Voraussetzung für den gelingenden theologischen Diskurs mit jungen Freiwilligen und wird zu dessen Leitparadigma. Jedoch weniger als Theologie für Jugendliche im Sinne einer blossen Angebotsorientierung, sondern als Theologie mit und von Jugendlichen, im Sinne der Partizipation und des gleichberechtigten Dialoges.

 

[1]         Vgl. Möller, Ch., Einführung in die Praktische Theologie, Tübingen 2004, 230.

[2]         Ebd., 230.

[3]         Vgl. Jahrbuch Jugendtheologie, 2016.

Auszüge und Zusammenfassung vom Beitrag Müller, Sabrina (2016). Bedingungen eines gelingenden theologischen Diskurses mit jungen Freiwilligen. In: Schlag, Thomas; Roebben, Bert. „Jedes Mal in der Kirche kam ich zum Nachdenken“. Jugendliche und Kirche. Stuttgart: Calwer, 160-170.:

 

 

#13 Zum ersten Mal am Grab

Bis ich mich überwinden konnte an Angelikas Grab zu gehen vergingen einige Wochen. Ich konnte und wollte ihr Grab nicht sehen, ich wollte der Realität immer noch nicht in die Augen schauen und vor allem wollte ich nicht an ihren Wohnort zurückkehren. Doch irgendwann überwand ich mich und machte mich bereit auf den Friedhof zu gehen. Mein Partner begleitete mich. Nach dem Besuch entstand folgender Tagebucheintrag:

„Ich war gestern mit Andi auf dem Friedhof. Es hat lange gedauert bis wir Angelikas Grab gefunden haben. Erst beim dritten Mal absuchen des ganzen Friedhofs sind wir auf ihr Grab gestossen.

Ich wollte gestern unbedingt zu ihrem Grab, vielleicht würde das meine Unruhe etwas besänftigen. Und ich war bereit dorthin zu gehen.

Als wir das Grab nicht fanden, habe ich zu Gott gefleht er möge es uns doch zeigen. Endlich standen wir dann davor.

Es ist kein normales Grab, mit einem kleinen viereckigen Gärtchen. Nein ihr Grab befindet sich unter einem Ahornbaum, ohne feste Grenze. Zwei Rosenbäumchen stehen darauf, einige Schalen. Ich glaube dieser Platz, da unter dem Ahornbaum würde Angelika gefallen. Es ist ein friedlicher, sonniger und liebevoll gewählter Ort.

Als ich so vor ihrem Grab stand, die Rosenbäumchen und Kerzen anschaute und das weisse Schild mit den Worten: „Hier ruht Angelika 1980-2006“ las, sträubte sich alles in mir. Ich sah und wusste doch nicht, ob ich sehen möchte.

Die Worte „hier ruht“ sind auf jeden Fall falsch gewählt. Ich glaube nicht daran, dass auch nur ein Mensch auf dem ganzen Friedhof wirklich dort ruht. Treffender wäre „In Erinnerung an“ oder „Im Gedenken an“. Doch was solls, es ändert an der Tatsache ihres Todes auch nichts.

Ich stand also mit Andi vor dem Grab, lange standen wir nur da, schweigend. Ich konnte es nicht fassen. Es tut so weh. Immer und immer wieder habe ich das weisse Täfelchen mit „Hier ruht Angelika 1980-2006“, gelesen. Als könnte es sich verändern. Als könnte ich es auch nach dem 20igsten Mal lesen nicht fassen. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, es zum ersten Mal zu sehen.

Blätter wehten vom Baum auf ihr Grab, die Sonne wärmte uns trotz der kalten Novemberluft.

Ich konnte nichts mehr sagen. Nur noch weinen und schluchzen. So als könnte ich nie mehr aufhören, so als bestünde mein Leben nur noch aus Trauer. Irgendwann konnte ich kaum mehr stehen, ich wollte auch nicht mehr. So bin ich beim Grab auf die Knie gegangen. Bin einfach so auf den Knien beim Rosenbäumchen gesessen. Ich habe die Blätter auf dem Grab etwas zur Seite geräumt, die Karte vom Bryce Canyon und die kleine rosarote Blume aufgestellt und geweint. Ich habe keine Ahnung mehr wie lange ich auf dem Grab gekniet bin.

Andi stand dort vor dem Grab, auch er weinte.

Doch in diesen Momenten konnte ich selbst seine Berührungen nicht ertragen. Nichts konnte mich trösten. Auch jetzt noch fühle ich mich untröstlich.

Warum hast du mich verlassen? Warum konntest du all die Liebe nicht sehen? Warum hast du dir keine Hilfe gesucht? Warum hast du nichts gesagt?

So drehten sich die Gedanken in meinem Kopf. Irgendwann kam mir Angelikas Lieblingspsalm in den Sinn. Psalm 63, „Gott du bist mein Gott den ich suche. Meine Seele dürstet nach dir, mein ganzer Mensch verlangt nach dir, aus trockenem dürren Land, wo kein Wasser ist.“ Leise habe ich den Psalm vor mich hingesagt. Dabei dachte ich mir: „Angelika dürstet nicht mehr, ihr Lieblingspsalm hat sich erfüllt, sie ist bei Gott und ihr Durst wurde gestillt. Nichts und niemand kann dies jetzt noch ändern oder sie aus der Gegenwart Gottes reissen.“ So sass ich da, betete, schrie und schluchzte zu Gott. Langsam versiegten meine Tränen, langsam konnte ich mich etwas beruhigen und auch mein Atem wurde ruhiger. Gott war nahe, ja, irgendwie da.

Und doch, Angelika, du fehlst mir so, es gibt ausser im Schlaf, kaum Augenblicke, in denen ich dich nicht vermisse und an dich denke. Ich fühle mich, als gehörte ich seit deinem Tod weder zu den Lebenden noch zu den Toten. Ich bin irgendwo in einer Zwischenwelt und kann weder am Leben noch am Tod Anteil haben.

Ich kann kaum mit anderen lachen, habe keinen Anteil am Leben und begegne auch kaum Menschen. Ich lebe und fühle mich innerlich so tot. Alles was ich kann ist dasitzen und weinen. Ich will weder das Leben noch den Tod wahrhaben. Was bleibt da?“

 

Reflexion

Zum ersten Mal am Grab zu stehen, das Schild mit ihrem Namen darauf zu sehen, war ein Schock für mich. Nun hatte mich die ganze Realität ihres Todes eingeholt. Nun gab es kein geheimes Wünschen mehr, dass sie doch noch lebt. Nein schwarz auf weiss stand ihr Name auf dem Täfelchen. Wer einen Menschen durch Suizid verloren hat, stellt die Realität des Todes immer wieder in Frage. Das Erfassen und Fassen des Todes ist ein Prozess. Bei mir dauerte das länger und wurde erst zur endgültigen Realität und wirklich fassbar, als ich vor dem Grab stand. Wie schon in einem der ersten Beiträge erwähnt, kann es hilfreich sein die verstorbene Person nochmals zu sehen. So wird fassbar, was tatsächlich ist. So wird der Tod des geliebten Menschen real. Erst dann werden weitere Schritte auf dem Trauerweg möglich. Trauern braucht Realisierung, braucht Konfrontation mit der Realität – zumindest bei mir war dies der Fall.

# 12 Von der Uni in den Kuhstall

Wie im Beitrag zuvor beschrieben, war es mir nach Angelikas Suizid nicht mehr möglich das Theologiestudium wieder aufzunehmen. Ich kehrte zu meiner existenzsichernde Arbeit als Lehrerin zurück, dies aber nur zu 40% – die anderen 60% Studienzeit blieben leer und unausgefüllt. Zurück in der Schweiz merkte ich nach sechs Wochen, dass ich auf keinen Fall einfach zu Hause sitzen darf, denn täglich überflutete mich die Verzweiflung. Dadurch, dass ich lange mit einer Agronomin in einer WG zusammen gelebt und so viel über die Schweizer Landwirtschaft mitbekommen hatte, wuchs in mir die Idee auf einen Bauernhof zu gehen. Ich liebte Tiere, war zwar klein und fein doch war mir körperliche Arbeit nicht zuwider und ich war gerne draussen. So meldete ich mich bei einem Bauern, den ich kannte, und bot ihm meine Hilfe an. Freudig ging er auf mein Angebot ein und so arbeitete ich von da an 3-4 Tage pro Woche auf dem Bauernhof. Ich tauchte in eine ganz andere Welt ein. So putzte ich Kartoffeln, fegte den Stall, sammelte Abfall auf den Weiden, verpackte Fleisch und Eier, fällte Bäume, schlug Wände ein, baute den Dachstock um und hackte Holz. Jeden Mittag ass ich mit der Bauernfamilie die grossen Kochtöpfe leer. Diese Art der Arbeit machte hungrig! Der Appetit kam zurück und wer 10 Stunden pro Tag auf einem Bauernhof arbeitet schläft auch in der Nacht wieder besser. Die Arbeit auf dem Hof war streng, tat mir aber sehr gut. Besonders gerne verarbeitete ich die Baumstämme zu Brennholz. Manchmal arbeitete ich so lange, bis ich alle Wut rausgelassen hatte. So kam es ab und zu dazu, dass ich am Abend mehr als drei Tonnen Holz herumgetragen und verarbeitet hatte. Ich lernte die heilende Wirkung von Holzhacken und körperlicher Arbeit kennen. Meine Wut und Trauer fanden dann Ausdruck, wenn ich alleine auf dem Feld oder im Wald arbeitete. Die existentielle Abhängigkeit von der Natur, welche mir auf dem Bauernhof bewusst wurde, tat mir gut. Nur wo gepflügt wird, kann gesät werden, nur wo gepflegt wird, gibt es eine Ernte. Vieles was ich auf dem Bauernhof ass und trank wurde direkt dort erzeugt, es war eine Frucht der Arbeit, an der ich beteiligt war. Den Most den wir tranken hatten wir zuvor hergestellt, das Fleisch das wir verpackten kam vom Rind vom Hof (auch wenn ich es nicht ass), usw. Leben und Tod schienen auf dem Bauernhof näher, natürlicher und so verlor Angelikas Suizid zumindest ein kleines Bisschen von seiner Unnatürlichkeit.

 

Reflexion

Gerade wenn man von einem Suizid so direkt betroffen ist und mitten in der Trauer steckt ist es schwierig überhaupt etwas zu machen oder sich für etwas zu begeistern. In den ersten Wochen sass ich viel alleine zu Hause und versank in der Trauer. Doch meine Vernunft sagte mir damals, dass dies keine längerfristige Lösung ist. Woher ich die Kraft hatte um mir eine Arbeit auf einem Hof zu suchen, weiss ich nicht mehr. Aber es war eine gute Entscheidung. Ich verdiente zwar nichts, lernte aber viel. Durch die Arbeit auf dem Hof musste ich meine Isolation verlassen und war nun täglich mit Menschen zusammen. Körperliche Arbeit tat mir psychisch und physisch gut. Ich lernte wie existentiell Zusammenarbeit sein kann, wenn z.B. ein Dachstock renoviert oder ein Baum gefällt wird. Ich lernte, dass unser menschlicher Körper viel mehr an Arbeit leisten kann, als man denkt. Ich war auf dem Hof nicht immer aufgestellt, es ging mir häufig nicht gut, doch das war ok. Ich arbeitete und die anderen auch. Wir assen gemeinsam und liessen uns leben – ohne allzu grosse Erwartungen. Sicher ist die Arbeit auf einem Bauernhof nicht für alle Trauernden die geeignete Möglichkeit um sich langsam wieder auf den Lebensweg zu begeben. Aber vielleicht sind es andere sinnstiftende und sinnvolle Tätigkeiten. Eine Pilgerreise? Mitarbeit im Tierschutz? Oder anderweitige soziale und/oder physische Aktivitäten?