Fresh X ist kein Geheimcode

Im Anhang findet sich ein kurzes Interview aus dem 3E zum Kirchenverständnis der fresh expressions.

Fresh X ist kein Geheimcode, sondern dahinter verbirgt sich eine Kirche, die sich über Beziehungen definiert. Fresh X bedeutet: Wir haben es hier mit einer Kirche zu tun, die tatsächlich zu den Menschen geht bzw. dort entsteht. Es geht nicht darum, Attraktionen zu produzieren, sondern Kirche im Lebensalltag entstehen zu lassen. In diesem Horizont wird Kirche als ein Zusammentreffen von Menschen in und um Christus verstanden. Klick: 3E_2016_1

 

Mehr als ganz – Leben als Fragment

Vor zwei Tagen hat mir eine liebe Freundin eine japanische Weisheit geschickt. Sonst bin ich ja nicht so für sentimentale Sprüche zu haben, aber ihr Whatsapp hat mich bewegt (siehe Bild). Seit vielen Jahren verfolgt mich das Bild des Zerbruchs. Bruchstellen und Heil(ung) regen mich zum denken und diskutieren an. Das Leben hat mich (anders als die evangelikale Kirche meiner Jugend) gelernt, dass Heil und Heilung, wenig mit Perfektion und Unversehrtheit zu tun hat. Scherben und existenzielle Zweifel sind Bestandteile des (Glaubens-)Lebens.

Vielleicht kehre ich deshalb alle paar Jahre zu Henning Luthers Praktischer Theologie zurück? (Wer will da noch behaupten wissenschaftliche Praktische Theologie hat nichts mit dem Alltag zu tun 😉 ?)

Vor meinem geistigen Auge werden beim Wort „Scheitern“ viele Situationen lebendig – eigene und fremde.

Im Rückblick auf das letzte Jahr oder gar die letzten Lebensjahre bekomme ich aber das Gefühl, dass eine Fixierung auf das Versagen im eigenen Leben den Blickwinkel enger macht, Lebensenergie nimmt und die Luft zum atmen dünner wird. So frage ich mich was kommt eigentlich danach? Scheitern und dann? Wie geht das Leben weiter? Der Theologieprofessor Henning Luther hat sich dazu, kurz vor seinem frühen Tod nach einem Leben mit vielen Brüchen, intensive Gedanken gemacht. Sein Buch Religion und Alltag, welches postum erschienen ist, spricht davon, dass wir immer Fragmente sind. Er bezeichnet und als Ruinen der Vergangenheit und Fragmente der Zukunft. Unser Leben besteht immer aus angefangen Wegen, die nicht fertig bewandert wurden und Türen, die sich nicht mehr öffnen lassen. Leben ist Zerbruch, manchmal mehr und manchmal weniger, sichtbar und spürbar.

Doch Henning Luther bleibt nicht bei diesem Gedanken stehen, denn wir sind gleichzeitig auch immer Fragmente aus Zukunft. Gleichzeitig! Wir sind Ruinen und Baustellen in einem. Ein unvollendetes Werk – work in progress.

Auch da sind wir unvollendet, im Werden und Entstehen, aber nie ganz. Deshalb ist der  Begriff Fragment so hilfreich. Das Fragment benennt unsere Unvollkommenheit, weist aber gleichzeitig über sie hinaus. Im Fragment ist immer auch die Vorstellung des Ganzen angelegt. Abwesend und doch da. Dieses Zerteilte in uns birgt ein Potenzial. Es ist die heilige Unruhe, die nach Ganzheit, nach Schönem, nach Gott sucht. Vom Fragment geht eine Bewegung aus, es ist nicht Resignation und Stillstand, sondern das Gegenteil, suchen und fragen. Gerade die Spannung zwischen mir als Fragment und der Ganzheit löst den Stillstand auf. Die Anerkennung meines Fragment-Seins, lässt mich aufatmen und fröhlich die Zuwendung Gottes annehmen.

Kontext und Fremdheit

Nach sieben Wochen Forschungs- und Studienzeit in Claremont bewegen mich tausend Fragen – nicht so sehr die Antworten. Zu Beginn war das Campus-Leben in meinem kleinen Apartment gewöhnungsbedürftig. Allerdings kann ich nicht verneinen, dass so ein „monastisches“ Leben in einer kleinen „Kartause“ auch seine Vorteile hat. Es fällt leichter sich auf die Forschung zu konzentrieren und fokussiert zu bleiben. Dafür kommt der Spass, das Spiel und das Kreative etwas zu kurz.

Was jedoch täglich eine neue Überraschung in sich birgt sind die unzähligen vielfältigen Begegnungen mit Menschen. Wie spricht man über Gott, wenn in einem praktisch theologischen Seminar vier verschiedene Religionen vertreten sind? Wie über Gottesdienst? Welche Praxis ist wann angebracht? Welche Sprache sprechen die Anderen, welche ich und wo findet Verständigung wirklich statt? Mehr denn je erlebe ich, wie kontextuell Theologie, Glaubenserfahrung (und die Interpretation davon), Glaubenssätze und „vermeintlich Selbstverständliches“ ist. Weder feministische noch eine andere Theologie wird dem Erleben einer dunkelhäutigen Frau gerecht – so lese ich nun „Womanist Theology“ um mich ein wenig an dieses Erleben anzunähern und  ein bisschen mehr zu verstehen. Auszüge aus der Bhagavad Gita helfen mir meine zierliche indische Banknachbarin kennen zu lernen.

Wenn ich nun aber ehrlich bin ist hier das Andere, das Fremde nur offensichtlicher. Wie oft meine ich in der Schweiz die Lebens- oder Glaubenserfahrung einer anderen Person zu kennen? Wie oft habe ich mich durch das vermeintliche Verständnis anderer unverstanden gefühlt? Und um diesen Gedankengang noch fortzuführen: wie häufig wäre ich gerne aus einer Kirche hinausgelaufen, weil ich als Frau, oder ich als Person mit meiner eigenen Erfahrens-Weise, oder ich als Theologin mit meiner Theologie keinen Platz habe? Aus Anstand bin ich  zu häufig sitzen geblieben – zu selten gegangen. Wenn es aber mir als Pfarrerin so ergeht – wie wird es wohl für all die unzähligen „kirchenfernen“ Menschen sein? Warum sind sie wohl kirchenfern, wenn nicht darum, weil ihr Leben, ihr Erleben und ihre religiösen Erfahrung fern der Kirche auf mehr Raum und Verständnis stossen als in ihr.

Ich hoffe das Fremde hier in Claremont hilft mir die Wahrnehmung für unser Fremdes zu schärfen. Ich hoffe, dass die Erfahrung der eigenen Fremdheit dazu dient Platz für Fremdes in den Kirchen zu schaffen.  Und ich hoffe, dass ich das nächste Mal den Mut habe und nicht sitzen bleibe.

Mythos #3 The practice of the living dead

Im hiesigen Kontext werden Tradition und Traditionalismus werden häufig analog verwendet. Doch bei der Feldforschung in England bin ich einer wichtigen Unterscheidung begegnet. Die Expertin und Experten der fresh expressions of Church unterscheiden zwischen Tradition und Traditionalismus.

Traditionalismus ist statisch und leblos und ganz bestimmten Formen und Konventionen sind zentral. Er dient dazu Innovation zu unterbinden und zu ersticken (alle die mal im Pfarramt waren wissen wovon ich spreche und die engagierten Freiwilligen sicher auch!). Traditionalismus ist wie eine sichere Mauer, die den Strom der Veränderung aufhalten und zähmen soll. Dabei gibt es nur ein „kleines Problem“: Wenn Kirche im Traditionalismus verharrt wird sie irgendwann einfach „hinweg-gespült“. Weder für ekklesiale Gemeinschaft noch für das Individuum ist Traditionalismus förderlich.

Im Gegensatz dazu ist Tradition ein positiver und lebendiger Begriff: „Well I think, if I remember it right one person said: ‚the nature of tradition it is the believe and the practice of the living dead‘. That is to say it is what Christians from the past, who now are alive in God transmit to us. Traditionalism is just the habits of the dead living which looks like something which is very fixed, it is very brittle, it is unable to evolve, and actually though it may look hard, is actually quite fragile. But the living story
of the church over 2000 years shows the ability to change, to expand, to move, to create new things. So part of the tradition is actually the ability to innovate. Which traditionalism finds very hard to do.“ (S. Müller, Fresh Expressions of Church, Zürich 2016, S. 182)

Nicht alle interviewten Personen definieren Tradition auf die gleiche Art und Weise, alle knüpfen jedoch an der Geschichte der Kirche an. Diese Geschichte wird als kirchlicher Erfahrungsschatz der letzten 2000 Jahre, als „yesterdays blessing, the sense of where we have come from, charismatic memory of church oder als inheritance of the church beschrieben: „One eastern orthodox theologian called tradition the ‘charismatic memory of church’. The memory of church made alive by the Holy Spirit. And tradition in the theological sense, I think, is that handing-on of ways of responding to the Holy Spirits prompting, crystalized in liturgy, in doctrine, in habits[…] crystalized but not frozen. So always moving on, adjusting, enlarging.“ (Ebd.)

Die Differenzierung von Tradition und Traditionalismus hilft uns die herkömmliche Praxis zu hinterfragen und nicht hilfreiche Praktiken (wie z.B. das Festhalten an EINER bestimmten Kirchenmusik) aufzugeben. Tradition dient aber gleichzeitig auch als Spiegel, anhand dessen neue kontextuelle und missionale Fragen reflektiert werden müssen.

Wenn wir beginnen zwischen Traditionalismus und Tradition zu differenzieren, müsste dies eigentlich eine grosse Auswirkung auf unserer (landes- und frei) kirchliche Praxis haben. Diese Unterscheidung ist nämlich ein gutes Hilfsmittel, um evaluieren zu können, was ekklesial wesentlich ist und was wir fröhlich über Bord werfen könne.

Mythos #2: Alles anders, alles neu!

Dieser Mythos ist auf „allen Seiten“ beliebt, bei Befürworterinnen, Gegner, Pionieren, Traditionalistinnen, usw. Für die Einen sind fresh expressions of Church (fxC) nicht ernst zu nehmen, weil sie anscheinend nur auf Innovation zielen. Ohne grosse Reflexion wird der Vorwurf erhoben, dass fxC und deren Vertreter/innen Tradition ignorieren, wenn nicht gleich verachten. Für die andere Seite sind fxC eine gelungene Möglichkei möglichst konstruktivistisch ihre eigene Linse auf Ekklesiologie, Theologie, Gemeinschaft und so auf fxC zu legen. Für die Dritten sind fxC die (Er-)Lösung von Tradition (und manchmal auch Konvention), um dann doch wieder fxC als Modell zu begreifen und in die eigene theologische Form zu pressen. (Meint ja nicht ich nehme mich aus dieser Aufzählung einfach heraus)

Meine Beobachtungen in den fxC innerhalb der Church of England haben mir gezeigt, dass genau in der Balance zwischen Wertschätzung von Tradition und Innovation die Stärke der Bewegung liegt. Pionierinnen und Pioniere spielen nicht das Eine gegen das Andere aus, sondern sehen beides als wichtige Ressource für eine sich ständig erneuernde Kirche.

Der Begriff fresh expressions of Church schliesst zuerst einmal ganz konventionell am Vorwort des Ordinationsgelübdes an. Er verweist auf ein Versprechen und eine Tradition, die es in der Church of England schon lange gibt. Hier ist der Originaltext:

„The Church of England is part of the One, Holy, Catholic and Apostolic Church worshipping the one true God, Father, Son and Holy Spirit. It professes the faith uniquely revealed in the Holy Scriptures and set forth in the catholic creeds, which faith the Church is called upon to proclaim afresh in each generation.“

Was sich während der fünf jährigen Forschung wiederholt gezeigt hat ist, dass fxC und deren Menschen gelernt haben Tradition zu re-interpretieren und zu re-kontextualisieren. Verglichen werden kann das beispielsweise mit dem Jazz-Spiel. Nur wer die musikalischen Basics beherrscht kann beginnen mit der Musik zu „spielen“ die Töne zu interpretieren und zu einer guten Improvisation gelangen. Das Zusammenspiel von Tradition und Innovation in den fxC funktioniert ähnlich. Nach der Analyse von 260 Seiten meiner Interviewtranskripte und 3000 codierten Stellen zeigt sich immer dasselbe: Tradition + Kontext = Innovation. Gute kirchliche Innovation braucht beides Liebe und Verwurzelung in der Tradition und Offenheit und Veränderungsbereitschaft für und mit dem Kontext. Hier ein kleiner Auszug aus der Diss (Vgl. S. 216-217) mit zwei Aussagen aus den Experteninterviews:

„In Bezug auf die Frage nach dem Kontext stellt sich bei der Analyse der Interviews
eine spannende Gleichung heraus. Diese wird in den Interviews zwar
unterschiedlich formuliert, führt jedoch immer zum folgenden Verständnis: Tradition
+ Kontext = Innovation. Die Interaktion von Kontext und Tradition kann
als ein entscheidendes Merkmal für die Entstehung von Innovation angesehen
werden: «So it’s the engagement between tradition and context, will give you some the
measure of the level of innovation that is necessary, in order to bring the
tradition into the context.» Oder: «I suppose you could almost argue that
innovation is tradition in a new context.»“

Der nächste Mythos wird sich mit dem Unterschied zwischen Tradition und Traditionalismus befassen – das schliesst so schön an dieses Thema an.

 

Mythos #1: „Die entstehen einfach so…“

Ich habe mich entschieden ab und zu einen Beitrag zu den „Mythen und Fakten“ der fresh expressions of Church zu posten. Wie schon in England vor 10 Jahren wird auch in Kontinentaleuropa der Begriff gerne für alles mögliche verwendet. Das ist an und für sich nicht schlimm, ist doch kirchliche Bewegung und Erneuerung anzustreben. Mir ist es aber ein Anliegen, dass die Begrifflichkeiten doch klar sind und dementsprechend verwendet werden. Deshalb die neue Serie: Mythen und Fakten.

Der erste Beitrag entstammt aus einem kürzlichen Mailkontakt mit einem befreundeten Pfarrkollegen. Er schrieb mir folgendes:

„Liebe Sabrina, ein Anliegen von mir: im Zusammenhang von Reformdebatten bekomme ich immer wieder den Eindruck von der Kirchenleitung, dass Fresh Expressions einfach so entstehen würden – wenn wir den fusionieren. Die Fusionen ermöglichen Fresh Expressions erst. Ich habe die Vermutung, dass die allermeisten der Fresh Expressions in Englang und anderswo aus lebendigen Kirchgemeinden entstanden sind. Das heisst: ohne lebendige Kirchgemeinden auch keine Fresh Expressions. (Natürlich braucht es dann auch noch die Vision, den Mut, etc.) Stimmt meine Vermutung so?“

Hier nun meine Antwort:

„Lieber XY

Ich glaube die folgenden Zahlen belegen genau deine Vermutungen 😉 …Hier nun ein paar Fakten (sie stammen aus zwei noch unveröffentlichten Artikeln, hier der Link zum einen Buch, das bald erscheint: Ekklesiologie der Volkskirche). „Gerade in der Diözese von Liverpool, welche sich seit mehreren Jahren um eine mixed economy bemüht, zeigen sich interessante Veränderungen. Fresh expressions of Church (fxC) und Ortsgemeinden verstehen sich mehrheitlich als partnerschaftliche Ergänzung. So wurden 86 Prozent der insgesamt 78 fxC durch Ortsgemeinden initiiert. Mittlerweile sind 38 Prozent der Gemeinden in dieser Diözese fxC.“

Weiter zahlen und Fakten sind in meiner Dissertation zu finden. Hier ein Auszug aus S.115:

„Von den 2343 registrierten Messy Churches ist nur eine unabhängig von einer Ortsgemeinde entstanden. Alle anderen Messy Churches wurden meist von Freiwilligen aus parochial strukturierten Kirchen gegründet und gefördert und stehen mit der Ortsgemeinde in einer guten und engen Beziehung.“

Weiter argumentiert z.B. auch Angela Shier-Jones, Pioneer Ministry and Fresh Expressions of Church, London (SPCK) auf S.8 folgendermassen: «Most fresh expressions of church arise naturally out of a local church’s participation in the Mission Dei, or mission of God».

Das soll nun nicht heissen, das gar keine fxC unabhängig von Ortsgemeinden entstehen. Es gibt immer wieder grossartige Pionierinnen und Pioniere, welche diese Arbeit völlig unabhängig von einer Ortsgemeinde machen (Vgl. z.B. Venue). Falls dies deine Leidenschaft ist: „go for it“ (- vergiss  aber nicht dich in einer Tradition zu verorten, das hilft). Ich plädiere hier aber dafür, dass wir das Potenzial und die Möglichkeiten der Ortsgemeinde und der Freiwilligen nicht unterschätzen. Ortsgemeinden, welche kontextuell und theologisch offen  denken, zu den Menschen hingehen und liebgewordene Dinge loslassen, die bergen das grösste Potenzial in sich, dass fxC „einfach so entstehen“.

Anmerkung: Grundsätzlich sind fresh expressions of Church weder ein Argument für noch gegen Fusionen. Natürlich kann eine Fusion Ressourcen freilegen für Erneuerung, wenn sie denn auch so eingesetzt werden. Aber die Entstehung von fresh expressions of Church selbst hat viel mehr mit aktiven Kirchgemeinden und leidenschaftlichen Freiwilligen und Angestellten zu tun.

 

Volkskirche, Kirchenvolk und die Zukunft

Kirche-Sein 2017

Die Evangelische Kirche feiert bald ihren 500. Geburtstag.
Doch damit die Jubilarin weiterhin vital, anziehend und
einladend bleibt, muss die Kirche sich in ihrem Sein verändern.
Die Church of England macht vor, wie’s gehen kann.

Wird Kirche in den Medien, bei Ehrenamt-
lichen oder an Pfarrtreffen thematisiert, er-
fährt der Begriff häufig eine Gleichsetzung
mit der Ortsgemeinde oder gar dem Sonn-
tagsgottesdienst in einem Kirchengebäude.
Kirche ist im landeskirchlichen Kontext nur
schwer  ortsunabhängig,  ohne  Pfarrperson
und ohne „heilige“ Musik zu denken. Die Kir-
che  ist  die Verwalterin  der Tradition. Wie
die  Sinus-Studie  feststellt,  erreicht  die Re-
formierte Landeskirche Zürich (Lebenswel-
ten,  Modelle  kirchlicher  Zukunftƒ,  Zürich
2012) ungefähr zweieinhalb  der  insgesamt
10 Schweizer Milieus. Meist ist die traditio-
nelle Form des Kirche-Seins für Menschen
wichtig, welche in bürgerlichen Milieus ver-
ankert  sind. Der  spätmoderne Mensch  je-
doch strebt nach Wahlfreiheit, Teilhabe und
Erfahrungen und lebt in einer Konsumkul-
tur, in der Toleranz und radikale Pluralität
wesentlich sind. Zudem ist er kritisch geson-
nen gegenüber Wahrheiten mit einem Ab-
solutheitsanspruch, Institutionen und Hie-
rarchien. Er ist jedoch offen für Spiritualität
und lebt vermehrt in Netzwerken. So stehen
traditionelle  Gemeinden  in  einer  immer
größer werdenden Spannung von Pluralität,
Individualisierung, veränderten Sonntagen
und  Beziehungsmustern.  Auf  vielfältige
und kreative Weise wird versucht, die Leute
wieder  auf  die Kirchenbänke  zurückzuho-
len, doch häufig vergebens.

Der ganze Artikel ist mit nur einem Klick hier lesbar: 3E_2015_2

Wie Kunst Spiritualität bewegt

Völlig unerwartet begegnete ich in der Bibliothek der Claremont School of Theology farbenfrohen, facettenreichen Bildern mit biblischen und spirituellen Motiven. Auf genau diese Bilder war ich schon vor längerer Zeit im Internet gestossen, ich hatte sie für Gottesdienste und Predigten verwendet. Nun stand ich überrascht vor den Originalen. Heute erhielten alle Interessierten „on campus“ eine persönliche Einführung durch den Künstler. Er erzählte nicht nur von seiner Kunst, vielmehr führte er in seine Gedankenwelt und in sein Leben ein. 58theburningofbush

Dr. He Qi ist Mathematiker und Künstler und lebt momentan hier in Claremont. Er zählt zu den fünf wichtigsten christlichen Malern des asiatischen Raumes. Die Mathematik hat He Qi  zum Hobby umfunktioniert und die Kunst zu seinem Beruf. Der Künstler ist in China, während der Kulturrevolution aufgewachsen. Seine Jugendzeit war geprägt von Gewalt, menschlichen Tragödien und Angst. In dieser turbulenten Zeit sah er bei seinem Lehrmeister, einem chinesischen Kunstprofessor, im Keller ein Marienbildnis mit Kind. He Qi war tief bewegt von der Ruhe und dem Frieden, welchen das Bild ausstrahlte. Mitten im gewaltvollen Alltag, dem auch sein Lehrer zum Opfer fiel, fand er darin ein Stück Frieden. Das Marienbildnis war der Startpunkt seiner spirituellen Reise.

He Qi

He Qi’s Kunst ist durch und durch geprägt von seiner Lebensgeschichte, seinem Suchen, seiner Sehnsucht nach Frieden und Freude. Die Kunst ist sein Weg, seiner Spiritualität Ausdruck zu verleihen. Dabei sind ihm folgende drei Punkte wichtig:

  1. Seine Kunst soll Frieden ausstrahlen, Frieden fördern und friedvoll sein.
  2. Mit seiner Kunst teilt er das “colorful word“ das ihm zum ersten Mal im Marienbildnis begegnet ist mit der Welt. Es soll den Menschen Freude bereiten.
  3. In seiner Kunst spiegelt sich seine Herkunft.  (So ist Jesus in seinen Darstellungen asiatisch stämmig)

He Qi’s kontextuelle, gewaltfreie und freudvolle Kunst regt wohl nicht nur hier vor Ort zu vielen gehaltvollen Diskussionen an.

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